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Katharina Wagner inszeniert „Tannhäuser“ : Aus dem Sängerkrieg wird ein Sängerfest

  • -Aktualisiert am

Gral, Schwan, Kreuz und Männerbund: Dieser „Tannhäuser” steckt voller „Parsifal”-Anspielungen Bild: Nacho González

Die Probenbedingungen waren trotz der idyllischen Insellage alles andere als ideal. Dennoch gelang Katharina Wagner mit ihrer Inszenierung des „Tannhäuser“ eine beachtliche Vorstellung. Zuvor musste sie auf Gran Canaria jedoch eine Serie von Ikea-Spiegeln aufkaufen.

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          Auf der Suche nach der blauen Blume ist Heinrich von Ofterdingen, auch genannt Tannhäuser, im Hörselberg gelandet. Er findet sieben Jahre nicht mehr raus. Eine heidnische Göttin aus ferner Antike hat sich hier versteckt, sie treibt Unzucht mit fahrenden Rittern. Für die Pariser Fassung seiner Oper „Tannhäuser“ 1861 hatte Richard Wagner diese Venusgrottenszene um ein Ballett erweitert, er komponierte dafür eine veritable Grande-Opéra-Puff-Musik, die einerseits schwer zu überbieten ist an lüstern-schellenklingelnder Diesseitigkeit, andererseits doch schon stark angefasst wird von todeswunder Tristan-Chromatik. In heutigen „Tannhäuser“-Aufführungen wird dieses Bacchanale regelmäßig weggelassen.

          Katharina Wagner, die jetzt im Teatro Pérez Galdós auf Gran Canaria mit dem „Tannhäuser“ ihre fünfte Wagner-Regie und siebte Regiearbeit überhaupt vorzeigte, hält sich an die Regel: Gespielt wird die Dresdner Fassung. Doch hat die Regisseurin den Totentanz zwischen Spiegeln, den Götz Friedrich einst aus der Orgie herauslas, offenbar noch gut in Erinnerung. Erkenne Dich selbst! Dieses Panier pflanzt ihr Ritter Heinrich auf, ein anderer Dorian Grey, stolpert er zu fließenden Verwandlungen von Szene zu Szene durch immer neue Türen und findet, wo immer er ankommt, Garderobenspiegel vor, die, zur Hälfte blind, sein Bild nur halb reflektieren können.

          Alle Türen springen auf

          Zwei gegenläufige Traditionen, die beide von der Französischen Revolution herrühren, schießen in dieser Figur neu zusammen. Tannhäuser ist ja schon bei Wagner einerseits ein „libertin de moeurs“, ein sexuell Ausschweifender der alten Gesellschaft, der (wie Don Juan) alle bürgerlichen Sittengesetze über Bord wirft und deshalb zur Hölle fahren muss; ist aber zugleich auch ein „libertin d'esprit“, ein Freigeist, der die Ketten der alten Gesellschaft sprengt und sich den Regeln der neuen verweigert. So findet das kollektiv angestimmte Preislied „Viva la liberta!“ aus Mozarts „Don Giovanni“ im „Tannhäuser“ ein spätes Echo, wenn es nämlich im schlagermäßig banalen, dreistrophigen Venus-Preislied am Ende heißt: „Nach Freiheit dürste ich/drum muss aus deinem Reich ich flieh'n/ O Königin, Göttin, lass mich zieh'n“.

          Stephen Gould als Titelheld im Teatro Pérez Galdós

          Katharina Wagner erfindet für die Ambivalenz dieser Freiheitsidee zwingende Bilder, nicht immer ganz ironiefrei: Gleich in der ersten Pilgerchor-Szene zum Beispiel trifft Tannhäuser auf das komplette „Parsifal“-Szenario: Gral, Schwan, Kreuz, Männerbund - alles erledigt in knapp fünf Minuten. Und hatten wir uns nicht schon immer gefragt, warum Elisabeth, die eben noch so lebenssprühende, liebesglühende Nichte des Landgrafen von Thüringen, plötzlich wie eine blöde Pfingstkuh stumm herumsitzt und das elend lange Männersängerkriegsritual auf der Wartburg geduldig aussitzt? Hier wird sie kurzerhand brutal im Kleiderschrank eingesperrt, statt ihrer drapieren die Kerls sich eine Schaufensterpuppe zurecht. Tannhäuser reißt diesem falschen Idol den Kopf ab, vergebens. Erst der letzte Spiegel, auf den er ganz am Schluss, am Ende vom dritten Aufzug trifft, ist wirklich spiegelklar. Dieser Spiegel ersetzt ihm das Grün am Pilgerstab, er signalisiert Erlösung von allen Übeln. Tannhäuser sieht sich, erschrickt, alle Türen springen auf wie von selbst, alles ist möglich. Und auch seine lieben, treuen Freunde, Elisabeth und Wolfram, nehmen sich jetzt wie die Kinder an den Händen und laufen befreit davon.

          Eine zornige Göttin, ein wütendes Flintenweib

          Bis dahin, über vier Stunden lang, fand alles in klaustrophobisch geschlossenen Räumen statt, wechselnden Gefängnissen, deren Wände Bühnenbildner Tilo Steffens den grob gemauerten Natursteinen spanischer Bauernhäuser nachbauen ließ. Der Aufmarsch der Gäste zum Sängerkrieg spielt in einer mit Wimpeln und Pokalen vollgerümpelten Garage, statt in einem grünen Frühlingstal unter blauem Himmel tönt die Hirtenschalmei in engen Korridoren. Und der Hirt selbst ist auch kein Hirt, vielmehr die steinalt und runzlig gewordene, arg zerrupfte Freiheitsgöttin Marianne aus dem Delacroix-Gemälde, deren einst stolzer, blanker Busen nun traurig über der schmuddeligen Trikolore-Schärpe hängt, während sie Tannhäuser immer wieder die falsche Tür weist.

          Eine klare, jugendschöne Stimme hat diese Hirtenmarianne, gesungen von Maite Robaina. Alle Hauptpartien sind sehr gut besetzt, weshalb überraschenderweise aus diesem kanarischen Sängerkrieg ein wahres Sängerfest wird: strahlend klangschön Einspringer Markus Eiche als Wolfram, zuverlässig sonor Reinhard Hagen als Landgraf. So intonationssicher, so biegsam zugleich hat man Stephen Goulds sonst stählernen Tannhäuser in Bayreuth bisher nie gehört, in zarteste Pianissimi kann er seine Zweifel versenken. Evelyn Herlitzius, als Brünnhilde vom Dienst oft am Rand des Forcierens, findet zu einem neuen, fast schnurgeraden Leuchten in der Partie der Venus: eine zornige Göttin, ein wütendes Flintenweib, wie sie da in ihrem Venushöhlenversteck mit ganzem Herzblut immer wieder neu das angesammelte falsche Weltverbesserungsgerümpel verteidigt, all die zerbrochenen Kreuze, gestürzten Buddha-Statuen, zerrissenen Fahnen. Und auch mit Ricarda Merbeth, die sich als Elisabeth verströmt, muss eine Wandlung vorgegangen sein: Sie spielt ihre Partie genau so lebhaft, wie sie sie singt. Nur vom Slowakischen Philharmonischen Chor hätte man sich entschieden mehr Präzision und Glanz gewünscht. Und das Orquesta Filharmónica de Gran Canaria schlug sich unter Leitung von Chefdirigent Pedro Halffter nur knapp einen halbe Handbreit besser als wacker. Immerhin.

          Die vielen Spiegel übrigens hatte sich Katharina Wagner, weil es, wie berichtet, Krach gegeben hatte mit der Theaterleitung, tatsächlich alle selbst in letzter Sekunde bei Ikea eingekauft. Der Spiegel „Hoved“ ist nun vermutlich auf Gran Canaria für eine Weile nicht mehr lieferbar.

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