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Horváth und Aischylos in Wien : Ein Oktoberfest, länger als der Trojanische Krieg

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Sieben Sterne des Burgtheaters in weiße Leinen gewickelt: Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Sarah Viktoria Frick, Caroline Peters, Irina Sulaver, Aenne Schwarz, Maria Happel (von links) in der „Orestie“-Inszenierung von Antú Romero Nunes am Wiener Burgtheater. Bild: Reinhard Maximilian Werner

Philipp Preuss inszeniert „Kasimir und Karoline“ am Volkstheater. Es hätte etwas mehr Horváth sein dürfen. Antú Romero Nunes bringt Aischylos’ „Orestie“ auf die Bühne des Burgtheaters. Seine bislang beste Regiearbeit in Wien.

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          Zwei Abende in Wien, zwei Vorstellungen, deren Ausrichtungen nicht unterschiedlicher sein könnten. An einem milden Tag – der Frühling lässt sich bereits erahnen – zuerst zu „Kasimir und Karoline“ ins Volkstheater. Ein Stück dieses Namens stammt von Ödön von Horváth aus dem Jahre 1932. Im Programmheft liest man sodann aber mit einigem Erschrecken – was in der ersten Spielzeit 2015/16 unter der neuen Leitung des Hases Shakespeares „Romeo und Julia“ angetan wurde, hat man noch in unangenehmer Erinnerung –, dass hier nun Horváths Volksstück in der Fassung von Roland Koberg, Dramaturg, und Philipp Preuss, Regisseur, geboren 1974, gegeben werden soll.

          Hebt sich der Bühnenvorhang, blickt man auf einen weiteren, kreisrunden Vorhang aus LED-Strähnen, den Bühnenbildner Ramallah Aubrecht um die Drehbühne herum drapiert hat, darinnen noch einige weitere Leuchtstreifen, die Ahnung eines Irrgartens oder Spiegelkabinetts – das Münchner Oktoberfest! Zusätzlich ermöglicht eine Kamera in Vogelperspektive den Blick auf das Festpublikum, das begeistert dem Zeppelin zuwinkt, der, auf dem Weg nach Oberammergau („aber dann kommt er wieder zurück und wird einige Schleifen über uns beschreiben“, weiß die Karoline) hoch über der Wiesn fährt. Dem Kasimir aber ist das wurscht, wie er sagt. Er verlor gestern seine Arbeit als Chauffeur, „abgebaut und bald ausgesteuert“, da bereitet ihm der Besuch des Volksfestes mit seinem schon damals teuren Vergnügungen wenig Freude: „da hab ich jetzt noch ein Kapital von rund vier Mark, aber heut sauf ich mich an und dann häng ich mich auf“.

          Ein schönes, tieftrauriges Bild genügt nicht

          Mit Stefanie Reinsperger und Rainer Galke sind die Titelrollen hervorragend besetzt. Beinahe rührend mutet es an, wenn die beiden – etwas füllig, wie sie nun einmal sind – ihre Karoline und seinen Kasimir einander sagen lassen: „Vielleicht sind wir zu schwer füreinander.“ Und dann kichern beide. Bei den übrigen Charakteren gelingen ebenso hübsche Szenen. Den Merkl Franz markiert Kaspar Locher als polternden Raufbold im Strizzihemd, bis zum Nabel offen und mit Lederjacke. Dem Merkl Franz seine Erna, die für den Großen Bären und den Orion am Sternhimmel schwärmt, legt Birgit Stöger recht verhuscht, ziemlich deutlich auch bekifft und darüber hinaus dauerrauchend an. Für einen billigen Witz – der Zigarettenqualm kommt aus einer Rauchmaschine in der Erna ihrer Handtasche – wird die Figur verraten, dem Lachen des Publikums preisgegeben.

          Um Ablenkung zu finden, besuchen Kasimir (Rainer Galke) und Karoline (Stefanie Reinsperger) ein Volksfest, das sie nur mehr daran erinnert, wie das Leben an ihnen vorbeizieht.

          Es hätte trotzdem noch gutgehen können. Die meiste Zeit etwa sitzt Kasimir vorn an der Rampe, während Karoline erst mit Sebastian Klein als dem Schürzinger – „Gefällt Ihnen Eugen als Vorname?“ „Unter Umständen.“ – Achterbahn fährt, welchen Vorgang das Publikum über Videoeinspielung aus dem Drehbühnenlichterkettenbereich als Pantomime miterlebt, und dann mit den beiden ältlichen, geilen Stutzern, Kommerzienrat Rauch und Landgerichtsdirektor Speer ebenso mittels Drehbühne am Ringelspiel reitet. Ein schönes, tieftrauriges Bild, wie das Leben und seine Braut am Kasimir vorbeiziehen. Aber das reicht Philipp Preuss leider nicht. Damit auch der Begriffsstutzigste im Auditorium erkennt, dass keine rosigen Zeiten sind, nicht damals und nicht heute, will Erna mit Zitaten aus „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ihren Körper nach dem Tod an die Anatomie verkaufen, taucht ein Zombiesoldat auf und flüstert Passagen aus „Ein Kind unserer Zeit“ in Kasimirs Rücken, trällert wiederum die Erna von Zeit zu Zeit beim auf Dauerlauf im Hintergrund gespielten „Video Games“ von Lana del Rey mit. Mit an andere Regiegrotesken à la René Pollesch oder Frank Castorf erinnernden Einsprengseln – diesmal wird der Situationist Guy Debord (1931 – 1994) bemüht – hüpfen die Wiesenbräute Elli und Maria (ja, die mit der Munderotik!) öfters über die Bühne.

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