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Karnevalsrevue „Pink-Punk-Pantheon“ : Auf eine Pirouette mit Helmut Schmidt

Rainer Pause (li.) und Norbert Alich lauschen geqäult „Sellerie” von Sia Korthaus im Bonner „Pantheon” Bild:

Auch in der Karnevalszeit gilt: Quittungen nicht voreilig wegwerfen! Die Bonner Prunksitzung „Pink-Punk-Pantheon“ entlarvt den Finanzbeamten als Protestanten und etabliert ein Schneeballsystem mit Kölsch.

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          Wo war Peer Steinbrück? Der Finanzminister wohnt standesgemäß in Bonn, wo man seit je von den Zinsen lebt. Obwohl er im Ministerkreis den etatmäßigen Scherzbold gibt, den Ribéry von Berlin, der den Kollegen vor der Kabinettssitzung noch schnell einen Haushaltsansatzkürzungsvorschlag in die Mappe schmuggelt, hat man ihn in seiner Wahlheimatstadt noch nie bei den Sitzungen des Ersten Freien Kritischen Karnevalsvereins Rhenania gesehen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wahrscheinlich fürchtet er die Schlagzeilen. „Express“: „Jetzt ist er Jeck!“ „Süddeutsche Zeitung“: „Seehofer fordert Steinbrück zur Rückzahlung seiner Pendlerpauschale auf“. F.A.Z.: „Steinbrück im Karneval, Merkel im Kanzleramt“ (darüber ein Bild aus dem Fundus des Hauses der Geschichte, eine Luftschlange von der Faschingsfeier des Finanzministeriums in der Ära Fritz Schäffer). Der Stimmungskanonier, der entscheiden muss, durch welche Sorte oller Kamellen, Steuersenkungen oder Steuererhöhungen er der Konjunktur Beine machen will, hätte den Besuch im Pantheon-Theater als Dienstgeschäft geltend machen dürfen. Auf seinem Bierdeckel hätte er ausarbeiten können, was alle Rechenkunst Berliner Beamter nicht zustande gebracht hat: ein Steuerreformkonzept.

          „Quittung nicht voreilig wegwerfen!“

          Ein Bonner Finanzoberinspektor, Herr Heuser alias Gernot Voltz, servierte die rettende Idee. Herr Heuser ist eines der treuesten und redlichsten Mitglieder der Rhenania. Das Inbild der Austerität, leistet er sich noch nicht einmal eine Verkleidung. Jahraus, jahrein trägt er sein Pepitahütchen und seine Windjacke und wundert sich, dass man ihn als Finanzbeamten erkennt. Herr Heuser inspiziert die Bilanzen des Vereins sowohl von Amts wegen als auch vorab im ehrenamtlichen Freundschaftsdienst; wegen seiner Verdienste um die Theorie der doppelten Buchprüfung soll er in den Exzellenzcluster kooptiert werden, den der neue Bonner Universitätsrektor Jürgen Fohrmann zum Thema Nullsummenspiele plant.

          In den Anlagen des Jahresabschlusses 2008 fand Herr Heuser nun auf offener Bühne eine Spendenquittung über einen Millionenbetrag mit der Unterschrift von Papst Pius XII. Die Erklärung des Kassenwarts, Alters- und Ehrenpräsidenten Fritz Litzmann alias Rainer Pause, der Pacelli-Papst habe sich im Grabe umgedreht und bei dieser Gelegenheit unterschrieben, wird man angesichts der ewigen Hochhuth-Debatte nach den Kategorien der historischen Logik des Bonner Emeritus Konrad Repgen immerhin ins Reich des Denkmöglichen verweisen, auch wenn von einer Öffnung des Grabes im Rahmen des laufenden Seligsprechungsverfahrens nichts nach außen gedrungen ist. Bis eine Forschergruppe aus Hubert Wolfs Münsteraner Eminenzcluster die Hypothese aus den Akten verifiziert hat, werden allerdings noch einige Sessionen vorübergehen. Herrn Heusers ganz legaler Steuertipp: Quittung nicht voreilig wegwerfen! „Wissen Sie was, die meisten Finanzbeamten sind Protestanten.“

          Volksbegehren „Pro Knete“

          Und diese religionssoziologische Überschlagsrechnung ist auch der Schlüssel zu einer Steuerreform, die die Zahler entlastet, ohne den Staat zu schwächen. Gerhard Schröder hatte recht: Der Professor aus Heidelberg ist die Sache noch viel zu akademisch angegangen. Nicht beim Inhalt der Normen muss man den Hebel ansetzen, sondern bei den Chancen der Normdurchsetzung. Wie viel Steuern eingetrieben werden, hängt entscheidend davon ab, welcher „Menschentypus“ (Wilhelm Hennis) in den Finanzämtern Dienst schiebt. Nach römischem Rechenbrauch (Peterspfennig geht ab) sind fünfe grade. Steinbrücks Aufgabe löst sich nach Adam Riese von selbst: Damit ohne Senkung der Steuersätze mehr Geld in den Taschen der Bürger bleibt, müssen mehr Finanzanwärter rekrutiert werden, die im Ethos des Gönnenkönnens sozialisiert sind. Es empfiehlt sich die Schaffung reservierter Konkordatsanwärterstellen, will man verhindern, dass Volksbegehren („Pro Knete“) die Zwangsbekehrung der Finanzbeamtenschaft propagieren.

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