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Karlsruher Händel-Festspiele : Das muss man gesehen haben

  • -Aktualisiert am

Oper bei Kerzenschein: „Riccardo Primo“ im Badischen Staatstheater Karlsruhe Bild: dpa

„Riccardo Primo“ und „Rinaldo“ ausverkauft: Die Karlsruher Händel-Festspiele sind dank vorzüglicher Sänger und famoser Bühnenbildner ein Wallfahrtsort für die Freunde opulenter Barockoper.

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          Oper bei Kerzenschein? Für die große Schar der Liebhaber Alter Musik ist das eine verlockende Aussicht, denn erst im dämmerigen Schimmer flammender Beleuchtung – Horror für jede Theaterfeuerwehr – lässt sich der entrückte Zauber von Vorstellungen der Händel-Zeit einigermaßen erahnen. Die Karlsruher Händel-Festspiele griffen deshalb nach dem Riesenerfolg des kerzenbeleuchteten „Radamisto“ vor einigen Jahren nun wieder tief in die Streichholzschachtel und brachten „Riccardo Primo“ heraus.

          Kerzenschimmer ist freilich nicht die einzige Annäherung an die Barockästhetik. Der französische Experte Benjamin Lazar unternahm auch die gestische Umerziehung des Ensembles hin zum formellen und deklamatorischen Stil der Kastratenstars jener Jahre. Dabei ist die Oper „Riccardo Primo“, die von einer kriegerischen Episode aus dem Ritterleben des Britenkönigs Richard Löwenherz erzählt, eines der wenigen Werke Georg Friedrich Händels, hinter dem sich aktuelle politische Propaganda verbirgt.

          Großartige Besetzung in „Riccardo Primo“: Franco Fagioli (Riccardo) und Emily Hindrichs (Constanza)

          Die Story vom tugendhaften Monarchen Englands, der in Zypern gegen hinterhältige Levantiner ficht und mit einem Schwertstreich kurzerhand die ganze Insel kapert, konnte das Londoner Publikum 1727 durchaus als Huldigung an den frisch gekrönten König George II. verstehen, in dessen Namen damals englische Truppen so allerhand Inseln in Südsee und asiatischen Meeren unterwerfen sollten.

          Historisches Hochamt des fernen Ratzinger-Pontifikats

          Händel selbst, der gewiefte Kapitalist, hatte einige Spargroschen in der damaligen Zypern-Krise, der sogenannten South-Sea-Bubble, versenkt und mochte wie manch heutiger Risiko-Investor wehmütig darauf hoffen, dass staatliche Eingriffe ihm seine Ausfälle ersetzen. Immerhin – die Huldigung an den neuen König verlängerte die royalen Bezüge für den Komponisten, der den späteren Bankrott seines Opernunternehmens nicht mit dem eigenen Saldo verrechnen musste und deshalb, noch viel später, als vielfacher Millionär starb.

          Von solchen politischen Implikationen der glänzenden Barockästhetik mit ihren Ritterkostümen, mit ihren Militärmärschen im Sound von Pauken und Trompeten und mit ihren allzeit tugend-edlen Monarchen Europas im fernen Kriegsgetümmel ist auf der Karlsruher Ritterburgenbühne nicht viel zu spüren. Man darf sich den Kontext getrost dazudenken und dafür tief in die Zauberwelt der Bühne abtauchen, auf welcher byzantinisierende Kostüme, Schilde aus Blech und gefettete Knebelbärte im Kerzenschimmer anheimelnd blinken und funkeln.

          Solche Zeitmaschinenblicke ins Barock wirken keineswegs kitschig, sondern nach Jahrzehnten des Regietheaters eher exotisch und angenehm verfremdend, zumal der famose Kostümbildner Alain Blanchot sich so verschwenderisch mit Brokat für Opernmessgewänder und Arienmützen und Rezitativkrönchen ausgetobt hat, dass das Ganze fast wie ein historisches Hochamt des fernen Ratzinger-Pontifikats wirkt.

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