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„Medea“ in München : Plädoyer in eigener Sache

  • -Aktualisiert am

Plädoyer in eigener Sache: Carolin Conrad als Medea gewinnt die Sympathie des Chors. Bild: Sandra Then

Der Chor fragt schon nach dem Recht der Frauen: Am Münchner Residenztheater inszeniert Karin Henkel „Medea“ nach Euripides. Carolin Conrad verkörpert die antike Kindsmörderin als geächtete Frau, die bewusst ins Unglück steuert.

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          „Ich tu’s nicht“, sagt sie, weckt die Kinder auf und schickt sie fort. Der Moment ist kurz, aber einschneidend: Kann das, darf das, wird das sein? Wird diese Medea an diesem Abend, bei dieser Premiere ihre Söhne wirklich nicht umbringen? Doch welche Daseinsberechtigung hätte die tragische Heldin ohne das Theateropfer, das sie seit fast 2500 Jahren erbringen muss? Seit Euripides es ihrem Mythos einfach angedichtet und ihm nur so, durch die Bühne zur Unsterblichkeit verholfen hat?

          Es ist eine schöne Besonderheit, dass Karin Henkels Inszenierung nach Euripides‘ „Medea“ dieses Gedankenspiel möglich macht. Das Publikum im Münchner Residenztheater kennt den Ausgang der Handlung, verbindet den Namen untrennbar mit der Kindsmörderin – und dennoch steht plötzlich, kurz vor dem Ende, die Frage nach dem Was-wäre-Wenn im Raum. Dass Medea ihr Schicksal schließlich doch vollendet, ist beinahe eine Enttäuschung.

          Die Frau, die die Liebe bereut

          Friedlich, fast idyllisch sterben beide Söhne vor dem Fernseher, und beschämt zieht Carolin Conrad den Vorhang des gläsernen Kinderzimmers zu, diesem vermeintlichen Schutzraum, der über der Bühne schwebt – als schließe ihre Medea damit das traurigste Kapitel ihrer Geschichte als Ehefrau und Mutter. Als sich der Vorhang wieder öffnet, lächelt sie zwar dem neuen Familienleben an der Seite von Athens König Aigeus entgegen, doch dass diese verletzte, wütende, die Liebe bereuende Frau an das wahrhaftige Glück des Menschen glaubt, ist schwer vorstellbar.

          „Wer hat eigentlich das Recht Mythen zu erfinden?“, hat gute zwei Stunden zuvor, zu Beginn des Abends, ein perfekt sprechender Chor aus 25 „korinthischen Mädchen“ in den Zuschauerraum hinein gefragt. „Was wollen die?“, hatte sich Jason daraufhin gewundert. Und auch dem Publikum gaben die gespenstisch streng in Faltenröcke, Blusen, Krawatten, Gummistiefel und weiße Pony-Perücken Uniformierten mit ihrer nautischen Fähnchen-Choreografie nach Winkeralphabet Rätsel auf. Erst im Verlauf des Abends wurde klar: Hier kümmert sich die nächste Generation um die Rechte der Frau. Angefangen beim antiken Macho Euripides, der seiner Medea zwar Kraft und Charakter und eine feste Stimme gab, der aber auch das unglückliche Schicksal einer Frau vorführte, die wie ein Mann handelte.

          Die frontale Ansprache ins Publikum wird sich noch oft und bei allen Figuren wiederholen. Dadurch gibt das Stück, dessen Textmaterial und Handlung die Regisseurin deutlich weiter fasst als Euripides‘ Drama und so neben Medea, Jason, Kreon, Aigeus und Medeas Amme auch Kreons Tochter Kreusa ein recht plastisches Profil verleiht, seinen Protagonisten Platz für Plädoyers in eigener Sache.

          Wortstarker Trennungskraftakt: Carolin Conrad als Medea mit Aurel Manthei als Jason

          Carolin Conrad und Aurel Manthei verschenken im wortstarken Trennungskraftakt nichts. Die Ausweglosigkeit der gemeinsamen Situation von Medea und Jason verleiht beiden die Freiheit, im Falschen das Richtige zu tun, im Richtigen das Falsche. Medeas Wahrnehmung ist schmerzverzerrt, ihr Dilemma vielgestaltig: gesellschaftlich als wilde Hexe geächtet, politisch als Mörderin und Asylsuchende behandelt, moralisch zwischen Reue und Rache hin und hergerissen. Ehe sie die Kontrolle über ihre Kinder abgibt, steuert sie lieber kontrolliert ins Unglück. Doch ihre Losung – „Niemand halte mich für schwach.“ – ist ein fadenscheiniges Motiv für diese letzte Konsequenz.

          Die korinthische Gastfamilie gibt sich steif und zynisch: Franziska Hackls Kreusa betont, ihr Land habe Jason „bitter nötig“. Michael Goldbergs König Kreon versucht fehlende Schlagfertigkeit durch Arroganz zu überspielen. Nachdem ihm in einem launigen Aufwärmprolog die beiden Jungen erklärt haben, dass in der Antike Frauen von Männern gespielt wurden und auch sonst keine Rechte hatten („Das war gemein!“), schlüpft Nicola Mastroberardino in die von ihm zurückhaltend gespielte Rolle der Amme. Als Aigeus hingegen lässt er durch bizarre Hüftschwünge und gierige Zungenküsse Medeas spontane Partnerwahl noch verzweifelter aussehen.

          Das Individuum wird gefeiert

          Sympathie trägt an diesem Abend weniger eine Figur im Speziellen als die Inszenierung im Ganzen. Innere Zerrissenheit, Verbitterung und Seelenfinsternis spiegeln sich sowohl auf der Bühne von Thilo Reuther als auch in den Kostümen von Teresa Vergho in Schwärze, Härte, Kantigkeit und Steifheit. Fantastisch surreale, tunnelartige Laserprojektionen vermitteln Wahn, Rausch und Ohnmacht; der Steg aus Wasser, der zwischen dunklen Planken in ihr soghaftes Zentrum führt, stammt vielleicht aus einem symbolischen Leck in Jasons früher noch so sicherem Schiff.

          Dazu die Verbindlichkeit über die Rampe hinweg: „So, ihr Lieben“, wendet sich die Münchner Medea vor ihrer letzten Bluttat seltsam gefasst ans Publikum, als sei sie unter Freunden. Auch die Mädchen gruppieren sich nun in ziviler Kleidung im Zuschauerraum, solidarisieren sich mit Medea, feiern die Frau als Individuum. Ihr letztes Wort gilt dennoch Jason, der taumelnd diese Frau als Bestie beschimpft und der nun, wohl um den Mythos rund zu machen, noch von seinem Tod erfährt. Karin Henkels erste Arbeit am Münchner Residenztheater wird an diesem Abend verdient lange beklatscht; die spektakulären Rollen aber hat zuletzt doch das Drama geschrieben, nicht die Regisseurin.

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