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„Drei Schwestern“ in Berlin : Oben Offizier, unten Gouvernante

  • -Aktualisiert am

Die Bühne als Spiegel des Inneren – Benjamin Lillie (links) weicht Angela Winkler. Bild: Arno Declair

Im Zwischenreich der Geschlechter: Karin Henkel inszeniert „Drei Schwestern“ am Deutschen Theater Berlin. Tschechows komplexes Menschendrama wird klug interpretiert.

          Egal, aus welchem Jahrhundert ein Stück stammt, ob aus der Antike oder dem Biedermeier, auf der Bühne wird es durch die reale Präsenz der Schauspieler immer zur Gegenwart – vor einem Publikum ganz im Hier und Jetzt. Für ihre Inszenierung von „Drei Schwestern“ am Deutschen Theater Berlin jedoch hat sich die Regisseurin Karin Henkel vorgenommen, die Vergangenheit als Vergangenheit zu zeigen, die Geschehnisse möglichst so fern und fremd zu halten, wie sie aus heutiger Sicht bei der Uraufführung 1901 in Moskau erscheinen mögen. Dafür lässt sie die schönen Frauenrollen, nach denen sich jede Schauspielerin sehnt, von drei Männern verkörpern, die Gesichtsmasken und Perücken tragen, auf die sie später, wenn der Verfremdungseffekt begriffen wurde, meist verzichten.

          Dramaturgisch klug gedacht, übernehmen sie außerdem die dazugehörigen Männerrollen, gern in doppelter Kleidung: Oben schon Uniformjacke, unten noch bodenlanger Gouvernantenrock. Wie die Personen bei Tschechow zwischen den Epochen feststecken und sich zwischen Resignation und Revolution verlieren, haben sie sich nun zwischen den Geschlechtern und deren Territorien verheddert. Dass der Abend „nach Tschechow“ heißt, ist ein wenig kokett, denn der Text in der Übersetzung von Ulrike Zemme ist zwar erheblich gerafft, aber weder aktualisiert noch verballhornt. Im Gegenteil, er wird voller Respekt und mit heiterer Sympathie interpretiert. Am Anfang wird unter Nebelschwaden ein angedeutetes Häuschen samt Samowar, Kühlschrank, Kofferradio und offenem Salon mittels Drehbühne hereingefahren. Plötzlich kippt es nach vorne, wodurch sich ein Wandschrank öffnet und der tote Leutnant Tusenbach herauspurzelt, der einst bei einem Duell umkam. Er wollte Irina heiraten, die zur Ehe mit ihm bereit war, ohne ihn zu lieben.

          Ruhig schreitet sie von der oberen Ebene des Salons herab, stellt ihn auf die Beine, betrachtet einen Brummkreisel, der mit ihm aus dem Schrank fiel – und scheint mit der gebündelten Energie ihrer Phantasie und Konzentration die Vergangenheit tatsächlich lebendig machen zu können. Die große Angela Winkler, diese irrlichternd magische, unzähmbar eigensinnige, souverän freie Ausnahmekünstlerin, konnte als Gast für diese Produktion gewonnen werden. Sie ist, obwohl sie als gealterte Irina nur zu Beginn und am Schluss mitwirkt, das intensiv glühende Kraftzentrum der Inszenierung.

          Angstvoller Blick ins Leere

          Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vertraut ihr Karin Henkel wie einer Alchimistin der Elemente und Passionen, lässt es ansonsten geistern und fast spuken, es dampft und hallt, pathetisch ausgemalte Klangflächen werden mit schrillen Beleuchtungseffekten überhöht. Manchmal flimmern Projektionen wie abgegriffene Negative oder zerkratzte Schwarzweißfilme durch Nina von Mechows leicht surreales Bühnenbild. „Wie die Zeit wegtickt“, sagt Andrej einmal, der Bruder, der zu vielen Hoffnungen Anlass gab und doch nur ein mickriger Beamter mit geknickten Flügeln wurde. Felix Goeser spielt ihn und zudem Natascha, Andrejs zänkische, eigennützige Provinzgattin, wie die zwei Seiten einer mittelmäßigen, kleinkarierten Medaille.

          Als die älteste Schwester Olga, die künftige Schuldirektorin, und ihr Schwarm, der Oberstleutnant Werschinin, pendelt Bernd Moss zwischen Entrüstung, Erschöpfung und Frustration, ebenso Michael Goldberg als Mascha und als Kulygin, ihr früherer Lehrer, mit dem sie unglücklich verheiratet ist. Irina, die Jüngste, die sich am stärksten nach einem anderen, sinnvollen Da-sein sehnt, gerät bei Benjamin Lillie ein bisschen arg einfältig, desgleichen sein geradezu mädchenhafter Leutnant Tusenbach. Es sind nicht wirklich Figuren, die hier in knapp zwei Stunden von dem überzeugenden Ensemble gezeichnet werden, sondern eher typisierte Karikaturen, die in der Regie von Karin Henkel allerdings Prägnanz und Farbe, Schlüssigkeit und Struktur haben.

          Tschechows komplexes Menschendrama verträgt selbst derlei schematisierende Charakterisierungen, zumal sie mit Sinn und Verstand, Witz und Schwung geglückt sind. Immerhin denkt sich Tusenbach das Leben der Menschen in der Zukunft „genauso wie heute“, sie werden sich „vor dem Tod fürchten und nicht sterben wollen“. Mit ihren Mitteln der szenischen Groteske und der existentiellen Verrückung erzählt Karin Henkel genau das – als komprimierte Oberflächenreize in anrührend-morbider Kolorierung. Und dann ist da ja noch Angela Winkler als die ältere Irina, die am Ende die Gefühle und Geschichten, die Räume und Zeiten freischwebend sicher zusammenfügt. Während ihr Tusenbach verspricht, dass all ihre Träume bald in Erfüllung gehen werden, schweift Irinas Blick angstvoll ins Leere ab – sie weiß sofort, dass nichts davon klappen wird. Angela Winkler spielt das auf eine Weise, dass darin eine ganze Welt eingeschlossen ist und Tschechows Stück die Dimension erhält, die es birgt – und die uns mit einschließt, ob wir es wollen oder nicht.

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