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Hindsgavl Festival Dänemark : Schlupfloch ins richtige Leben

  • -Aktualisiert am

Schloss Hindsgavl, erbaut 1784 Bild: Jan Brachmann

Beim Hindsgavl Festival in Dänemark trifft sich inzwischen die Elite der europäischen Kammermusik. Der Gast taucht ein in eine unverwechselbare Synthese aus Musik, Natur und ökologischer Gastronomie.

          Hier, wo die Lindenallee zum Meer führt, wo die Buchenhecken den Park vom Garten trennen, hier könnte es sein, das Paradies der Unbelangbarkeit, das Detlev von Liliencron in Verse fasste: „Zwischen Roggenfeld und Hecken führt ein schmaler Gang; süßes, seliges Verstecken, einen Sommer lang“.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Roggenfeld, zugegeben, ist etwas weiter weg, aber dafür gibt es Apfel-, Birnen- und Kirschbäume im Garten, zwischen ihnen acht Bienenstöcke. Und einen Sommer lang der Welt abhandenzukommen, das kann sich ohnehin kein Erwerbstätiger der Erreichbarkeitsgesellschaft mehr leisten. Aber zumindest eine Woche lang kann man hier auf Schloss Hindsgavl, ganz im Westen der dänischen Insel Fünen, abtauchen in ein Leben zwischen Buchenwäldern und weiten Wiesen, zwischen Ostseeluft und bester, schönster Kammermusik, in ein freieres und zugleich intensiveres Leben, das dem Einzelnen sowohl die Chance zum Rückzug lässt wie die zum Austausch mit anderen Gästen oder gar den Künstlern. Denn man wohnt, isst, trinkt, spielt und hört unter einem Dach: jenem der großen Anlage des Gutes Hindsgavl.

          Der russische Pianist Arcadi Volodos, der so leise auf einem Steinway-Flügel spielen kann wie wenige sonst, findet diese Schlupflöcher eines überforderten Ichs auch in der Musik. In der Scheune hinterm Schloss, zu einem Kammermusiksaal umgebaut, spielt er vor zweihundertachtzig Hörern die Klaviersonate E-Dur D 157. Franz Schubert schrieb sie kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag. Volodos erspürt genau, wie Schubert Achtungszeichen der Rücknahme, der Stille, der Konsequenzverweigerung setzt.

          Arnold Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ im Schloss-Salon

          Wo Ludwig van Beethoven logische Schlüsse aus dem exponierten Material gezogen hätte, lässt Schubert alles ins Leere laufen. Achtel führen in die Tiefe, es folgen – zwei Takte Pause. Zwischen klassizistischen Fassadenteilen klaffen Risse, Spalten, Löcher. Die Subjektivität pfeift darauf, das Vorgefundene durch Arbeit zu ihrem eigenen zu machen. Sie lässt es einfach stehen und markiert nur durch die Leere oder falsche tonale Anschlüsse, dass sie in dieser Welt der rechten Winkel, der Fenster, Säulen und Simse im Viertaktabstand nicht mehr zu Hause ist. Mit seiner Anschlagskunst entdeckt Volodos Schuberts zarte Poesie einer wortlosen Fremdheit, eines Rückzugs vor dem Unbewältigbaren. Er macht eine kaum gespielte frühe Schubertsonate zu einem Ereignis, statt wie die meisten Pianisten betulich über dessen Spätwerk zu raunen.

          Das Hindsgavl Festival steht in seiner 51. Saison. Früher einmal war das Schloss zur Festivalzeit Treffpunkt der Kopenhagener Bourgeoisie und des alten Adels, die hier für eine Woche mit Frack, Abendkleid und Luxuslimousinen die alte Zeit beschworen, die sie für eine gute hielten. Bernard Villaume, studierter Braumeister und Logistiker, nahm das Festival 2007 in seine Hände. Er stammt aus Middelfart, hat als Amateurpianist eine Zeitlang selbst beim Hindsgavl Festival Musik gemacht und dann gemerkt, dass alles auf dem Spiel stand, als die Institution unter der Eigenregie der Musiker in Anarchie versank. Villaume tat sich mit seinem Schulfreund, dem Musikkenner Ulrik Damgaard Andersen, zusammen, um das Festival neu zu konzipieren, bis es auf die Bedürfnisse des Hotels und des Publikums genauso einging wie auf jene der Musiker.

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