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Kafka am Gorki Theater : Stammt nur der Mann vom Affen ab?

  • -Aktualisiert am

Zwei, die sich verstehen: Jonas Dassler als Rotpeter und Jeany Bild: © Ute Langkafel MAIFOTO

Der Mensch ist schlecht, sehr schlecht: Oliver Frljić inszeniert Kafkas „Bericht für eine Akademie“ am Berliner Gorki Theater als Behauptungsvarieté mit viel nackter Haut.

          3 Min.

          Im Februar 2008 hielt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor 20.000 Deutschtürken in Köln eine Rede. „Niemand kann von Ihnen erwarten, dass Sie sich einer Assimilation unterwerfen“, rief er ihnen zu, „denn Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Im Maxim Gorki Theater wird dieser Leitsatz jetzt mit einem Abend nach Motiven von Kafkas „Bericht für eine Akademie“ exemplifiziert. Der kroatische Regisseur Oliver Frljić, ehemaliger Intendant des Nationaltheaters Rijeka und bekennender Bewunderer von Christoph Schlingensief, nutzt die Parabel vom Affen Rotpeter, der vom hamburgischen Tierhändler Hagenbeck verschleppt wird und sich in einem gewaltsamen Prozess der Zivilisation zum Menschen wandelt, um die hohen Nebenkosten der Integration vorzurechnen.

          Mit Pfeife und Fischgrätjackett, die Haare streng gescheitelt, sitzt Rotpeter da und berichtet dem „gelehrten“ Publikum von seiner Menschwerdung. Die waghalsige Deutungsebene seines Schicksals gibt Sesede Terziyan vor, wenn sie gleich zu Beginn J. M. Coetzees „Costello“-Monolog rezitiert, in dem fahrlässige Vergleiche zwischen Konzentrationslagern und industrieller Massentierhaltung gezogen und die Verbrechen des „Dritten Reiches“ mit der Grausamkeit auf Schlachthöfen parallelisiert werden. Der Mensch ist ein sündhafter Schlächter, der das Tier nicht als Lebewesen anerkennt, sondern es als Ware missbraucht. Um dem zu entgehen, muss der Affe seine Herkunft verleugnen und sich die Durchschnittsbildung eines Europäers aneignen.

          Die menschliche Gesellschaft fordert von ihm eine totale Assimilation, nichts darf mehr an sein tierisches Erbe erinnern. Deshalb steht Jonas Dassler als Rotpeter in einer Bibliothek mit hohen Bücherwänden (Bühne: Igor Pauška) und verwickelt seine menschlichen Besucher in philosophische Streitgespräche. „Um die Freiheit zu erlernen, muss man die Unfreiheit kennen“, sagt er und zieht an seiner Pfeife. Der „Bericht“ über seine Menschwerdung wird immer wieder von kurzen Schnappschuss-Szenen unterbrochen, die seine brutale Einbürgerung illustrieren.

          Ein echter Affe als Höhepunkt

          Dabei tritt in unterschiedlicher Funktion eine Gruppe von grauen Herren mit Hut auf, die sich tierischer verhalten als ihr Erziehungsobjekt. Sie stolzieren kreischend um Rotpeter herum, stopfen ihm Bananen in den Mund, ziehen ihn aus und wieder an. Später gieren sie auf einer Auktion „wie die Tiere“ nach dem wertvollsten Kunstwerk und präsentieren ihre Beute dann zufrieden vor ihrem Rudel. Rotpeter wird in eine Welt integriert, die brutaler und dümmer ist als seine eigene – der Mensch ist schlecht, sehr schlecht, so lautet die Moral aus Kafkas Geschichte an diesem Abend.

          So richtig will der allerdings nicht in Fahrt kommen, obwohl die Schauspielerinnen und Schauspieler – allen voran der gerade auch als Berlinale-Star gehandelte Jonas Dassler – viel geben, um ihm Wirkung zu verleihen. Über weite Strecken bleibt das aber selbstsicher inszeniertes Behauptungsvarieté, bei dem viel nackte Männerhaut gezeigt wird. Das ist schon auffällig: Während um den Blick auf den weiblichen Körper zu Recht viele vorsichtige Gedanken kreisen, wird der männliche Körper selbstverständlich und schutzlos ausgestellt. Hier muss er nackt an der Rampe stehen und mit der Wendung „aus kleinen Verhältnissen“ auf sein eingeschüchtertes Geschlechtsteil verweisen. Und während die Schauspielerin nur leicht ihre Bluse öffnet, steigt er nackt durch die Zuschauerreihen und reibt seinen Hintern an den Besuchern. Stammt nur der Mann vom Affen ab?

          Unbestrittener Höhepunkt des Abends ist der Auftritt von Jeany. Ein Pavianweibchen aus der Filmtierschule Harsch, das gegen Ende vorn an der Rampe ein Podest betritt und leicht gelangweilt in die Runde blickt. Als Beichtmutter muss Jeany die Sündenerklärungen ihres verfremdeten Verwandten entgegennehmen, der flehentlich bittend neben ihr Platz genommen hat. Während der – inzwischen menschlich verheiratete – Rotpeter ihr von seinen Seitensprüngen mit einer Äffin berichtet, kratzt sie sich ausdrucksstark an den Unterarmen, puhlt an ihren Fußnägeln herum und gähnt genüsslich.

          Jeanys abfälliger Blick

          Die alte Theaterregel, keine Kinder und Tiere neben einen Schauspieler zu stellen, bewahrheitet sich einmal mehr. Die Aufmerksamkeit gehört von jetzt an nur noch der unverstellten Natur. Gegen sie kommt kein Moralspiel mehr an. Zum Schluss tritt dann Mehmet Ateşçi als Kafka auf und erklärt seine Geschichte zum Rätsel, und Rotpeter wird als erster Affenabgeordneter ins Parlament gewählt. Die Bücher stürzen krachend aus den Regalen, und der Bundestag ist ein Käfig mit tausend Stäben. Drinnen sitzt Jeany und schält sich eine Banane.

          „Wir verlassen unseren Käfig nur, um in einen noch größeren zu treten“, wird gerufen – die Welt ist ein einziges großes Gefängnis, und wir alle sind nichts als eingesperrte Wärter „vor dem Gesetz“. Wer sich anpasst, verliert seine Freiheit – „Assimilation ist ein Verbrechen“. Ein Abend, der viel zeigen will, aber wenig erzählt. Allein dieser leicht abschätzige Blick von Jeany, wie nebenbei über Bühne und Zuschauerraum geworfen, ist ein Ereignis. In ihm spiegelt sich alles, was der Abend sagen will. Ganz ohne geliehene Worte.

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