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Jutta Lampe zum Siebzigsten : Königin der Anmut

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Jutta Lampe in Tschechows „Kirschgarten“ an der Berliner Schaubühne im Jahr 1989. Regie führte Peter Stein. Bild: picture-alliance / dpa

Jutta Lampe gab den menschlichen Seelenausdrücken auf der Bühne eine grandiose Anmut, bis eine heimtückische Krankheit sie verstummen ließ.

          Es ist eigentlich ganz und gar unvorstellbar, dass man von dieser Schauspielerin, die am Freitag erst siebzig wird, schreiben muss: Sie war. Die Vergangenheitsform ist in ihrem Fall ein schmerzlicher Skandal, verschuldet erst von würde- und wertvergessenen Schaugewerbe-Instituten, die nichts mehr von dieser wunderflirrenden Königin der Bühne und ihrer hinreißenden Beredsamkeit wissen wollten – und sie zum Verstummen brachten. Was dann eine heimtückische Krankheit seit ein paar Jahren sozusagen grausam besiegelte.

          Jutta Lampe war eine Ikone der Schaubühnen-Schauspielkunst, wie sie Peter Stein von 1970 an eine Zeitlang zur einsamen Szenenblüte brachte. Sie konnte das königlich Damenmädchenhafte mit einem genial dosierten Überschuss Kobold zum flammend roten Haar tragen wie einen Wunderschleier kunstvollster Ausdrucksvirtuosität. Ohne das, was in ihr war an Empfindungen, Geschichten, Gesichten, Szenen, Versen, Mythen, Tollheiten, Witzen und Glückstraurigkeiten, anders denn als grandiose Anmut darzubieten. Bei äußerstem Bewusstsein und sensibelster Kopf-Seelengröße. Und feinsten Unterströmen köstlich geschmerzter Ironie.

          So war sie die Alkmene in Klaus Michael Grübers legendärer „Amphitryon“-Inszenierung an der Schaubühne von 1991, wo sie den Ehebruch mit dem Gott Jupiter, der die Gestalt ihres Gemahls annimmt und in dem sie den Gott im Gemahl spürt, zelebrierte wie einen Gottesdienst. In einer Liturgie freilich, die sie im geheimnisvollsten und süßesten und rätsellebenssattesten „Ach!“ aller Zeiten ausklingen ließ, das zu einer Schneeflocke geseufzt wurde, die aus des Gottes Himmel in ihre liebesbereite offene Hand herunterschwebte.

          Mit August Diehl in Bondys „Möwe”, im Jahr 2000 im Akademietheater Bilderstrecke

          So rätselhaft oberflächenklar und zugleich tiefenscharf war sie Steins Prinzessin im Bremer Epochen-„Tasso“ von 1969, war sie die am Rechtsstaat leicht verzweifelnde Athene in Steins „Orestie“ (1980) und die schicksalsverlächelnde und jeden Verlustschmerz in Seelenklang verwandelnde Ranjewska in Steins beiden „Kirschgärten“ (1989 und 1994) und die liebesverlorene Mascha in seinen legendären „Drei Schwestern“ (1984). So durchschwebte sie die grandiosen Mythen-Boulevard-Stücke des Botho Strauß in Luc Bondys Regie: von der Schlampe („Kalldewey Farce“) zur Elfe („Das Gleichgewicht“), zur Edelmegäre („Die eine und die andere“) mühelos mutierend. Und einen Strauß-Satz wie „Orgasmus nur bei Ehebruch!“ konnte sie abschmecken wie ein Petit four mit Seitensprungsahnehäubchen.

          Selbst als Winnie in Becketts „Glücklichen Tagen“ (Regie in Wien: Edith Clever) übertrumpfte sie den Tod im Erdhügel mit damenglänzendem Witz, aufgelegt wie kostbarstes Make-up. Dies alles aber nie mit Geschrei und Getue. Immer sprachmusizierend aufgelöst in Körper-, Geistes- und Geisterklang. Sie war eine wahrhaft Große. So verneigen wir uns vor ihr in großer Dankbarkeit und Liebe.

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