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Justin Bieber & Co. : Gebt uns endlich wieder Entertainer!

  • -Aktualisiert am

Gegelt: Justin Bieber Bild: AP

Ob Leben oder Show: Überall regiert Konformismus – austauschbar, nichtssagend. Die jungen Entertainer können vielleicht singen, etwas aber fehlt ihnen: Persönlichkeit. Ein Plädoyer für alte Meister.

          7 Min.

          Wo hat sie nur so lang gesteckt?“ So fragte eine der Kritiken, die 1969 in der englischen Presse unisono das Gastspiel Caterina Valentes im „Talk of the Town“ feierten. In den vierzehn Jahren, die vergangen waren, seit sie mit „Malaguena“ und „The Breeze and I“ erste Plätze in der englischen Hitparade erobert hatte, war die Valente Deutschlands Superstar gewesen, hatte in Italien als „Caterina nostra“ und in Paris als Königin des Olympia gegolten, war in New Yorks Jazzklubs von Bette Davis und Danny Kaye, Ella Fitzgerald und Count Basie bejubelt worden, war im „Desert Inn“ in Las Vegas zum Publikumsmagneten aufgestiegen und mit ihrer Showserie „The Entertainers“ im amerikanischen Fernsehen 1965 Sängerin des Jahres gewesen.

          Nun, in London, eroberte sie sich das europäische Publikum im Handstreich zurück. Das ist wörtlich zu nehmen: Ihr Londoner Auftritt war, wie erst jetzt dank des Remastering der Live-Aufnahmen wirklich zu hören ist, ein Parforceritt durch sämtliche seinerzeit erfolgreichen Musikrichtungen – und durch Tonhöhen und -tiefen, von denen viele ihrer Kolleginnen nur träumen konnten.

          Allgemeine Sehnsucht nach persönlichkeitsstarkem Entertainment

          Analog zu damals könnte man heute fragen, wo in der Unterhaltungsbranche derzeit eine Sängerin steckt, die Vergleichbares leistet. Sicher, es gibt Barbra Streisand, deren Konzerte nicht wegen der inzwischen lächerlichen notorischen Drohung, sie seien die letzten, nach Minuten ausverkauft sind, sondern weil jedermann noch einmal genießen will, wie eine Frau allein mit ihrer gewaltigen Stimme, einigen Scheinwerfern und jeder Menge guter Musiker Welten erstehen und vergehen lassen kann. Es gibt auch Michael Bublé, der sich erfolgreich zum Single des legendären einstigen „Rat Pack“ stilisiert hat.

          Und Robbie Williams profitiert momentan mit dem Album „Swings Both Ways“ schon zum zweiten Mal von der goldenen Ära der Entertainer. Beide Sänger starten Europa-Tourneen. Kein Zweifel, dass die Hallen sich mit Tausenden füllen werden, die von der Verheißung „A Man and his Music“ magisch angezogen werden. Doch dass Bublé und Williams zwar beachtliches gesangliches Können, aber statt der legendären virilen Lässigkeit und Intensität eines Sinatra oder Tony Bennett allenfalls robusten Kumpelcharme und College-Machismo auf die Bühne bringen, fällt bei der extremen allgemeinen Sehnsucht nach persönlichkeitsstarkem Entertainment kaum auf.

          Zudem sind trotz Besucherrekorden solche Soloabende eine Art Nischenkultur. Die Regel sind lange schon perfekte Hightech-Massenspektakel. Cher, die zu Beginn ihrer Karriere allein eine Bühne füllte, ist inzwischen die Altmeisterin dieses Mega-Genres. Während ihrer sensationell erfolgreichen Abschiedstournee 2005 verschliss sie Dutzende Kostüme und eine Armee von Tänzern, bot Laserkanonaden, Kulissenparaden und Lautsprecherexplosionen auf. Mit besten Aussichten auf neue Rekorde plant sie nun eine allerletzte Welttournee.

          Zahnräder einer riesigen Maschinerie

          Das aber schreckt bei uns nicht einmal mehr Schlagersängerinnen wie Andrea Berg oder Helene Fischer: Erstere tourt unter dem Titel „Atlantis“ mit einer ähnlichen Monstershow durch Deutschland; Helene Fischer punktete 2013 mit ihrem von akrobatischen Höhenflügen und Ozongebläse gewürztem „Sommer-Event“ und plant für 2014 mit „Farbenspiel“ ein noch größeres Spektakel.

          Überlebensgroß sind alle diese Inszenierungen, vergrößern die Interpreten zu Wolkenkratzeridolen. Doch von Lady Gaga und Justin Bieber über Madonna bis zu Andrea Berg und Helene Fischer sind die Stars dabei keine Charaktere mehr, sondern nur noch zentrale Zahnräder einer riesigen Maschinerie; Roboter ihrer selbst. Das ist der fundamentale Unterschied zur Überlebensgröße, die das Zeitalter der Entertainer kultivierte: Drei, vier Scheinwerfer, eine Band oder ein Orchester, ein Barhocker – das war alles, was die Bühne bereitstellte. Alles Übrige oblag dem Star, seiner Stimme, seinen Gesten, seiner Ausstrahlung.

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