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Festival Young Euro Classic : Gedämpfte Lautstärke tut ziemlich gut

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Eine echte Entdeckung: Mitglieder der Russisch-deutschen Orchesterakademie spielen Peter Tschaikowskys „Jahreszeiten“ in einer wunderbaren Bearbeitung von Valentin Barykin. Bild: Kai Bienert

Das Berliner Jugendorchesterfestival Young Euro Classic musste unter Corona-Bedingungen auf vieles verzichten: ausländische Gäste, die Festivalfanfare, den Volksfestrummel. Und plötzlich ist es so interessant wie lange nicht mehr.

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          Wenn der Platz knapp wird auf der Bühne, schlägt die Stunde der Arrangements. Zehn Bläserinnen und Bläser stehen auf der Bühne des Berliner Konzerthauses beim Festival Young Euro Classic, ein Kontrabassist in der Mitte, alle im vorgeschriebenen Abstand von zwei Metern. Rein vom Raum her, den das Ensemble aus Musikern des European Union Youth Orchestra (EUYO) auf der Bühne einnimmt, ist man nahe am Original: Mehr Platz braucht auch ein Orchester nicht, das Ludwig van Beethovens erste Symphonie aufführt wie ursprünglich gedacht. Hier aber ist eine Bearbeitung des Werkes zu hören in der Tradition klassischer Harmoniemusiken.

          Seit der Mozartzeit waren diese Arrangements für Bläserensemble üblich, nicht zuletzt, um populäre Opernmelodien auch abseits der Bühne spielen zu können. Georg Schmitt, Hofkapellmeister beim Fürsten August von Hohenlohe-Öhringen, gehört zu denen, die besonders gern und gekonnt „auf die Harmonie setzten“, unter anderem – und noch zu Lebzeiten Beethovens – dessen bläserfreundliche erste Symphonie. Und siehe da: Man kommt beim Hören kaum auf den Gedanken, dass etwas fehlen könnte. Was bestimmt nicht nur an Georg Schmitt liegt, sondern an den Musikern (auch ehemalige) des EUYO. Furios spielen sie dieses Stück: beweglich, geschmeidig, klangschön, kontrastreich, und so virtuos, wie es nötig ist, wenn eine Violinstimme auf einem Blasinstrument gespielt wird. Besonders die beiden Klarinetten haben hier zu tun: Ein Ereignis ist allein schon die Doppelzunge im Staccato, mit der Romain Guyot, mittlerweile Soloklarinettist des Chamber Orchestra of Europe, die auftaktigen Tonleitern im Schlusssatz hinauffliegt. Victor Aviat dirigiert mit klugem Bewusstsein für die kammermusikalische Größe des Ensembles; sie verlangt nach kollegialer Eingliederung des Orchesterleiters.

          Vielleicht hätte Aviat auch bei Wolfgang Amadé Mozarts D-Dur-Divertimento KV 136 helfen können, das zu Beginn des Abends von zwanzig Streichern des Orchesters aufgeführt wurde. Auf einen Dirigenten verzichten sie selbstbewusst, angeführt von der Konzertmeisterin Jacqueline Martens, gelingt eine luftig elegante, bemerkenswert präzise Wiedergabe, der es aber an gliedernden Kanten mangelt. Und zwischen beiden Stücken: drei Sätze für Hornquartett von Nikolai Tscherepnin und ein Kontrabassquartett, das finnische Tangos spielt.

          Das Jugendorchester der Europäischen Union spielt Mozart.
          Das Jugendorchester der Europäischen Union spielt Mozart. : Bild: Kai Bienert

          Das Jugendorchesterfestival Young Euro Classic, das nun ins dritte Jahrzehnt geht, hielt eine ganze Reihe von Neuentdeckungen und Überraschungen bereit. Da möchte man fast die Umstände preisen, die zur Umprogrammierung des Festivals führten, das in den vergangenen Jahren immer lauter wurde und sich in zunehmend festgefahrenen Spuren bewegte. Orchester aus aller Welt: Das war coronabedingt nicht mehr möglich. Also wurde Kammermusik aufgeführt, kleiner und größer besetzte, vornehmlich von Studierenden der beiden Berliner Hochschulen und der Barenboim-Said Akademie.

          Das Festival zeigte sich dadurch – ganz abseits der sonst hier zu erlebenden folkloristischen Buntheit – so überraschend und differenziert wie lange nicht. Auch die Abspeckung der Abendrituale tat gut: Von der schlimmen Festivalhymne, die Iván Fischer in einem Versuch mahlerscher Ironie komponierte, blieb der Besucher meist verschont, ebenso von überlangen Grußworten möglichst namhafter Konzertpaten. Länger als neunzig Minuten sollte ja keines der pausenfreien Konzerte dauern.

          Und selbst dem Hygienekonzept für das Publikum lässt sich etwas abgewinnen, wenn die Beinfreiheit im eng bestuhlten Saal des Konzerthauses so komfortabel zunimmt: Ein Viertel der Sitze durfte nur belegt werden, über ein ausgeklügeltes Pfeilsystem wurde der Besucher an seinen Platz geleitet. Dass die meist ausverkauften Konzerte durch die frei gelassenen Plätze anmuteten wie dünn besuchte Vortragsabende an einer Musikhochschule, gehört zur Kehrseite. Allerdings tendierte in den vergangenen Jahren die Stimmung bei Young Euro Classic durchaus ins Volksfesthafte. Ungewöhnliche, fordernde Stücke konnten schon mal mit beleidigtem Türenschlagen und kaum unterdrücktem Gemoser im Publikum kommentiert werden. In diesem Jahr herrschte nahezu andächtige Stille, die wohl auch etwas mit der puren Freude zu tun hatte, wieder ein Konzert besuchen zu können.

          Da drückt man auch gern ein Auge zu, wenn es um die Frage geht, wie jung denn nun die Künstler sind, die hier auftreten. Beim „Ensemble 2012“, zusammengesetzt aus ehemaligen Mitgliedern der russisch-deutschen Musikakademie, die Valery Gergiev leitet, hat es der Hörer jedenfalls mit gestandenen Profis zu tun. Marina Graumann etwa ist Konzertmeisterin des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, Rimma Benyumova ist in gleicher Position bei der Dresdner Philharmonie tätig, Elizaveta Zolotova war bis vor zwei Jahren Solo-Bratscherin des Gewandhausorchesters.

          Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist entsprechend solide und im Fall von Peter Tschaikowskys „Jahreszeiten“, bearbeitet von Valentin Barykin für Streichquartett und Klavier, zauberhaft. Wie Marina Graumann an der ersten Geige den „Weißen Nächten“ mit schnellem Bogenstrich ein luftiges Klanggewand verleiht, wie sie dem „Herbstlied“ bleiche Zartheit gibt und die fröhlichen „Weihnachten“ mit honigweicher Artikulation veredelt, all das nimmt unmittelbar für sich ein. Barykins Bearbeitung liefert außerdem eine willkommene klangliche Differenzierung von Tschaikowskys Klavierstücken zu den zwölf Monaten.

          Joachim Linckelmanns Arrangement des Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski für Bläserquintett ist da weit undankbarer. Sinnentstellende Stimmführungen ziehen sich durch das Stück, im Fortissimo des Schlusses ist nur noch das Horn zu hören mit einer absurden Nebenstimme. Ganz nebenbei erteilt das diesjährige Festival damit Anschauungsunterricht in der Kunst der Bearbeitung.

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