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Interview mit Juliette Gréco : Das Wort ist eine ernste Sache

  • -Aktualisiert am

„Man muss aufhören, wenn man noch im Besitz all seiner Kräfte ist“: Juliette Gréco Bild: POP-EYE

Juliette Gréco, die große Dame des französischen Chansons, verabschiedet sich bei ihrem deutschen Publikum. Ein Gespräch über die Nostalgie, die Jugend und die Zeit danach.

          Madame Gréco, Sie geben demnächst Ihr letztes Konzert in Deutschland...

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          O nein, nicht das letzte, ich werde vielleicht noch woanders auftreten, nicht nur in Frankfurt.

          Tatsächlich?

          Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Wie dem auch sei, ich beginne jedenfalls meine letzte Tournee. Sie heißt „Merci“, weil ich an vielen Orten auftreten werde, an denen ich schon einmal war. Ich kehre zurück, um dem Publikum zu danken.

          Das deutsche Publikum macht tatsächlich oft den Eindruck, Ihnen besonders treu ergeben zu sein. Hatten Sie jemals den Eindruck, dass es sich vom Publikum in anderen Ländern unterscheidet?

          Ja, unbedingt. Die Franzosen sind natürlich auch ein wunderbares Publikum, aber sie sind treuloser und sprunghafter. Ich habe das Glück, auch heute noch da zu sein, aber manchmal vergessen einen die Franzosen.

          Die Deutschen haben Sie jedenfalls nicht vergessen in all den Jahren.

          Sie hören zu, sie wissen, was Musik und was ein Bühnenauftritt ist, sie zeigen Respekt gegenüber der Arbeit von Künstlern. Sie sind kundige Zuschauer und Zuhörer, die nicht zufällig vorbeikommen. Sie haben ein musikalisches Verständnis, das andere nicht haben – leider.

          Sie sind ja nach dem Krieg relativ bald hier aufgetreten, obwohl Sie selbst kurzzeitig von den Deutschen verhaftet worden und Ihre Mutter und Ihre Schwester sogar im Konzentrationslager Ravensbrück gewesen waren. Wie war es damals, vor lauter Deutschen auf der Bühne zu stehen?

          Es war sehr seltsam. Bei meinem ersten Konzert in Deutschland liefen mir die Tränen herunter. Ich habe viel Kummer empfunden, aber keinen Hass. Ich habe Leute in einem gewissen Alter zwar mit Argwohn angesehen. Aber die Kinder sind nicht verantwortlich für ihre Eltern. Sie haben ihr eigenes Gewissen. Viele von ihnen haben mich gefragt: Wie kommt es, dass Sie uns besuchen? Und ich habe geantwortet: Ich vergesse nicht, ich verzeihe auch nicht, aber ihr könnt nichts dafür.

          Wann war das eigentlich genau, Ihr erstes Konzert in Deutschland?

          Sehr bald nach dem Krieg, nach der Befreiung. Ich glaube, ich war die erste Französin, die wieder nach Deutschland gefahren ist.

          Die Leute hat ja immer sehr beeindruckt, dass Sie in Ihrem Leben so vielen bemerkenswerten Persönlichkeiten begegnet sind – Sartre, Camus, Vian, Cocteau, Prévert, Gainsbourg. Diese Namen haben viele ins Träumen versetzt.

          Mich auch!

          Schwelgen Sie manchmal in Nostalgie?

          Nein. Das Verschwinden all dieser Menschen spielt für mich keine Rolle. Sie leben in mir. Das Einzige, was mich bekümmert, ist, dass ich nicht mit ihnen sprechen und sie nicht hören kann. Das ist sehr hart. Aber ich trage sie in mir, ich spreche mit ihnen. Leider antworten sie mir nicht. Das ist er eben, der Tod.

          Wie meinen Sie das? Der Tod ist die Antwort, die ausbleibt?

          Ja, aber...Ach, das macht nichts. Sei’s drum. Es tut mir ein bisschen weh, voilà, es bleibt einfach schmerzhaft.

          Die damalige Zeit – Paris, Saint-Germain-des-Près, die fünfziger Jahre im Café de Flore – ist von einem Mythos umrankt, der seine Kraft nicht verloren hat. Aber man fragt sich ja: Wie war es damals wirklich? War die Realität so phantastisch, wie sie oft dargestellt wird?

          Sie war sogar noch besser.

          Inwiefern?

          Weil man sich all diesen Leuten physisch nähern konnte. Ich war damals ein ganz junges Mädchen, und sie waren meine Lehrer, meine Meister, ich war nur die Schülerin. Ich hörte zu. Aber ich konnte all diesen außergewöhnlichen Leuten Fragen stellen, und sie antworteten mir!

          Was haben sie Ihnen beigebracht?

          Alles. Sartre beispielsweise hat mich in der Idee bestärkt, dass das Wort eine ernste, wichtige Angelegenheit ist, die man mit Feingefühl und Verantwortungsbewusstsein behandeln muss. Und Merleau-Ponty hat mir dann erklärt, was Sartre geschrieben hatte, weil ich Schwierigkeiten hatte, es zu verstehen. Im „Ekel“ beispielsweise tappte ich doch ein wenig im Dunkeln. Ich habe auch das Glück gehabt, von diesen modernen Musikern geführt zu werden, diese Musik zu hören. Es ist wirklich so: Ich verstehe nicht und ich kann auch nicht erklären, wieso es ausgerechnet mich traf. Es war ein Wunder, denn plötzlich und nur für eine gewisse Zeit begannen die Erwachsenen, die Kinder anzusehen und die Jugend zu respektieren. Ihnen zu helfen. Sie haben sie gesehen. Sie haben sie geliebt.

          Können Sie erklären, warum das alles ausgerechnet in Saint-Germain-des-Près stattfand?

          Naja, warum hat sich um die Jahrhundertwende alles auf dem Montmartre versammelt? Es war eben so. Saint-Germain war ein kleines Dorf, mit seiner Kirche, seinem Rathaus, den Bistros, den Cafés. Und mit seinen Intellektuellen. Es ist seltsam unerklärlich, aber wunderbar.

          Sie haben sich vor einigen Jahren in einer Bürgerinitiative engagiert, die gegen die Gentrifizierung des Viertels kämpfte.

          Ja, wir haben es versucht. Wir haben beispielsweise dagegen protestiert, dass eine Bücherei durch eine Modeboutique ersetzt wird.

          Mit Erfolg?

          Das weiß ich nicht, aber ich glaube, wir haben die Sache zumindest ein bisschen verzögert. Gegen das Geld anzutreten ist immer schwierig.

          Gehen Sie mitunter noch dort spazieren?

          Manchmal ja, nicht mehr so oft, weil die Menschen mich zwar freundlich, aber mit Erstaunen ansehen. Hin und wieder gehe ich aber schon noch an die Orte, an denen ich immerhin einen Großteil meines Lebens verbracht habe, auch ins Flore.

          In den vergangenen Jahren haben Sie selbst immer wieder mit jüngeren französischen Sängern zusammengearbeitet, mit Abd al Malik, Benjamin Biolay und Olivia Ruiz beispielsweise.

          Das stimmt, aber ich habe schon immer mit jungen Leuten gearbeitet, auch mit Jacques Brel, der, als ich ihn traf, selbst noch ganz jung und völlig unbekannt war. Dasselbe gilt für Georges Brassens. Die Leute vergessen das oft. Sie sagen immer: Sie haben ja mit diesen berühmten Leuten gesungen. Aber als ich ihnen begegnete, waren sie ebenso jung wie ich und noch gar nicht berühmt.

          Sie sind also zusammen groß geworden?

          Ja. Auch als ich Serge Gainsbourg getroffen habe, war er sehr jung.

          Ist die Arbeit mit der Jugend heute anders als damals?

          Nein, es ist dasselbe. Benjamin Biolay ist sogar derjenige, der dieser älteren Generation am nächsten ist, er ist ein echter Schriftsteller. Er weiß, was das ist, die französische Sprache, die Poesie, die Literatur. Sicher haben sich die Worte verändert, und es gibt neue Wörter, um dieselben Dinge zu beschreiben. Aber Abd al Malik pflegt beispielsweise eine Ausdrucksweise, die der von Brel sehr ähnlich ist.

          Trotzdem habe ich den Eindruck, dass das französische Chanson heute deutlich unpolitischer ist als früher.

          Das stimmt, abgesehen von der Rapmusik, die bestimmte Dinge anprangert und sich mehr auf die Aktualität bezieht. Die Rapper sprechen von sich und von dem, was sie erleben – und manchmal sprechen sie auch von uns, wenn auch nicht immer im Guten!

          Noch mal zurück zu Ihrer Tournee: Sie sind jetzt 88 Jahre alt und werden sich etwa ein Jahr lang verabschieden...

          Man muss einfach irgendwann aufhören. Aufrecht gehend, wenn man noch im Besitz all seiner Kräfte ist. Man darf nicht als Besiegter gehen, sondern als Sieger.

          Und was kommt danach?

          Danach sterbe ich (lacht). Ach, ich weiß es nicht, wir werden sehen.

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