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Interview mit Juliette Gréco : Das Wort ist eine ernste Sache

  • -Aktualisiert am

„Man muss aufhören, wenn man noch im Besitz all seiner Kräfte ist“: Juliette Gréco Bild: POP-EYE

Juliette Gréco, die große Dame des französischen Chansons, verabschiedet sich bei ihrem deutschen Publikum. Ein Gespräch über die Nostalgie, die Jugend und die Zeit danach.

          4 Min.

          Madame Gréco, Sie geben demnächst Ihr letztes Konzert in Deutschland...

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          O nein, nicht das letzte, ich werde vielleicht noch woanders auftreten, nicht nur in Frankfurt.

          Tatsächlich?

          Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Wie dem auch sei, ich beginne jedenfalls meine letzte Tournee. Sie heißt „Merci“, weil ich an vielen Orten auftreten werde, an denen ich schon einmal war. Ich kehre zurück, um dem Publikum zu danken.

          Das deutsche Publikum macht tatsächlich oft den Eindruck, Ihnen besonders treu ergeben zu sein. Hatten Sie jemals den Eindruck, dass es sich vom Publikum in anderen Ländern unterscheidet?

          Ja, unbedingt. Die Franzosen sind natürlich auch ein wunderbares Publikum, aber sie sind treuloser und sprunghafter. Ich habe das Glück, auch heute noch da zu sein, aber manchmal vergessen einen die Franzosen.

          Die Deutschen haben Sie jedenfalls nicht vergessen in all den Jahren.

          Sie hören zu, sie wissen, was Musik und was ein Bühnenauftritt ist, sie zeigen Respekt gegenüber der Arbeit von Künstlern. Sie sind kundige Zuschauer und Zuhörer, die nicht zufällig vorbeikommen. Sie haben ein musikalisches Verständnis, das andere nicht haben – leider.

          Sie sind ja nach dem Krieg relativ bald hier aufgetreten, obwohl Sie selbst kurzzeitig von den Deutschen verhaftet worden und Ihre Mutter und Ihre Schwester sogar im Konzentrationslager Ravensbrück gewesen waren. Wie war es damals, vor lauter Deutschen auf der Bühne zu stehen?

          Es war sehr seltsam. Bei meinem ersten Konzert in Deutschland liefen mir die Tränen herunter. Ich habe viel Kummer empfunden, aber keinen Hass. Ich habe Leute in einem gewissen Alter zwar mit Argwohn angesehen. Aber die Kinder sind nicht verantwortlich für ihre Eltern. Sie haben ihr eigenes Gewissen. Viele von ihnen haben mich gefragt: Wie kommt es, dass Sie uns besuchen? Und ich habe geantwortet: Ich vergesse nicht, ich verzeihe auch nicht, aber ihr könnt nichts dafür.

          Wann war das eigentlich genau, Ihr erstes Konzert in Deutschland?

          Sehr bald nach dem Krieg, nach der Befreiung. Ich glaube, ich war die erste Französin, die wieder nach Deutschland gefahren ist.

          Die Leute hat ja immer sehr beeindruckt, dass Sie in Ihrem Leben so vielen bemerkenswerten Persönlichkeiten begegnet sind – Sartre, Camus, Vian, Cocteau, Prévert, Gainsbourg. Diese Namen haben viele ins Träumen versetzt.

          Mich auch!

          Schwelgen Sie manchmal in Nostalgie?

          Nein. Das Verschwinden all dieser Menschen spielt für mich keine Rolle. Sie leben in mir. Das Einzige, was mich bekümmert, ist, dass ich nicht mit ihnen sprechen und sie nicht hören kann. Das ist sehr hart. Aber ich trage sie in mir, ich spreche mit ihnen. Leider antworten sie mir nicht. Das ist er eben, der Tod.

          Wie meinen Sie das? Der Tod ist die Antwort, die ausbleibt?

          Ja, aber...Ach, das macht nichts. Sei’s drum. Es tut mir ein bisschen weh, voilà, es bleibt einfach schmerzhaft.

          Die damalige Zeit – Paris, Saint-Germain-des-Près, die fünfziger Jahre im Café de Flore – ist von einem Mythos umrankt, der seine Kraft nicht verloren hat. Aber man fragt sich ja: Wie war es damals wirklich? War die Realität so phantastisch, wie sie oft dargestellt wird?

          Sie war sogar noch besser.

          Inwiefern?

          Weil man sich all diesen Leuten physisch nähern konnte. Ich war damals ein ganz junges Mädchen, und sie waren meine Lehrer, meine Meister, ich war nur die Schülerin. Ich hörte zu. Aber ich konnte all diesen außergewöhnlichen Leuten Fragen stellen, und sie antworteten mir!

          Was haben sie Ihnen beigebracht?

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