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Jugendoper „Mina“ in Frankfurt : Raus aus der Zwangsneurose

Eine Zwangsneurose ist garantiert: Lena Diekmann als Mina (Mitte) versucht, aus dem selbstgebauten Gefängnis auszubrechen. Bild: Barbara Aumüller

Unberechenbar und auf gar keinen Fall gefällig: An der Oper Frankfurt erarbeiten Jugendliche mit dem Komponisten Uwe Dierksen eine eigene Musiktheaterproduktion. Und retten sie mit doppelten Böden vor dem Kitsch.

          Wie willst du sein, cool oder wütend, frei oder beschränkt? Was man mit fünfzehn vermutlich noch nicht weiß: Die Fragen plagen uns bis zum letzten Atemzug. Insofern passt die junge Mina, die „anders“ ist als die anderen, nicht nur zu ganz junge Leuten. Die Oper „Mina“ selbst wiederum ist in jeder Hinsicht anders: Ein Hybrid aus Slam Poetry und Cembalo-Rezitativen, aus Anflügen barocker Arien und Pop-Hymnen, die locker zu Youtube-Hits werden könnten, aus brüchigen zeitgenössischen Klangflächen, die sich leichtfüßig hin zu Reggae, Funk und Rock öffnen. Text und Musik sind gleichberechtigt, aber nicht notwendigerweise gleichzeitig. So gibt es lange witzige Dialogpassagen, lyrische Monologe, surreale Traumsequenzen. Unberechenbar und auf gar keinen Fall gefällig sollte „Mina“ werden. Das hat geklappt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das zweistündige Werk, eine Produktion der Oper Frankfurt, haben knapp fünfzig Jugendliche selbst entwickelt, sie sind seine Musiker, Sänger, Texter, Tänzer. Über ein Jahr hinweg ist „Mina“ entstanden, nach Castings in Proben an jedem Wochenende und intensiven Ferien-Arbeitsphasen. Ein Kraftakt auch für die Oper und die künstlerische Leitung, die von herkömmlichen Produktionszyklen und -methoden Abschied nehmen musste.

          Das größte Thema

          Ein Autorenkollektiv zwischen vierzehn und 21 Jahren hat sich Mina, ihre Welt, ihre Fragen ausgedacht, während parallel dazu in Kompositions- und Improvisationsworkshops nach einer musikalischen Sprache für „Mina“ gesucht wurde. Ohne die wohlmeinenden thematischen Vorgaben Erwachsener ist kein Stück über Liebeskummer, Cybermobbing, Migration oder Drogen daraus geworden. Die Jugendlichen haben sich für das vielleicht größte Thema entschieden – die Freiheit. Und den Preis, den sie kosten kann.

          Nicht nur dadurch fällt „Mina“ aus dem Rahmen. Der Frankfurter Komponist Uwe Dierksen, Jahrgang 1959 und Posaunist des Ensembles Modern, hat es gewagt, Musiktheater für junge Leute radikal anders zu denken. Unterstützt von der Art Mentor Foundation Luzern ging es ihm nicht um ein Mitmachprojekt für alle, das sogenannte kulturelle Bildung an soziale Erwartungen knüpft, wie es in der Nachfolge von „Rhythm is it!“ so viele Orchester- und Theaterprojekte getan haben. Dierksen ging es darum, begabten und kreativen jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, in der künstlerischen Arbeit an einer Oper zu wachsen.

          Mina (Lena Diekmann) und die Kellnerin (Martha Badenhop)

          Das Ziel: Ein Stück zu schaffen, das die Qualität einer Opernproduktion hat und die Lebenswelt der Jungen repräsentiert. Die schreiben und spielen überschwänglich, poetisch, pathetisch – und im nächsten Halbsatz wieder ironisch, cool, jeder Emotion mit Volldampf ins Kreuz springend. „Mina“ ist gelungen, weil die umwerfend begabten jungen Musiker, Sänger, Texter und Darsteller sich nicht nur offenkundig wiederfinden in „Mina“. Man spürt, wie die beteiligten erwachsenen Künstler im aufmerksamen, auch fordernden Dialog das Talent der jungen Laien entwickelt haben – von der Autorin Sonja Rudorf über die Sopranistin Anna Ryberg bis hin zu den fünf erwachsenen Musikern, die mit im Graben spielen.

          Zukunftsangst, Politik, Rebellion und Liebe

          Allen voran Dierksen, der mit einem Kernteam musikalische Grundlinien entwickelt hat und als Komponist verantwortlich dafür war, aus den Ideen eine schlüssige Gesamtpartitur und Instrumentierung zu entwickeln, die, von zarten Streicher-Bläserkombinationen, flirrenden Übergängen bis zu funkigen Tutti-Passagen seine Handschrift trägt. Streicherzirpen, mit Vokalklängen zu einem Seelenbild verdichtet, münden in den satten Sound einer ausgelassenen Jugendclique im Kino, dazwischen ertönt Handyklingeln, die fünfzehn Jahre alte Violinistin Calliope Watson spielt das mit der Souveränität einer langjährigen Neue-Musik-Solistin.

          Die bildstarke Regie von Ute Engelhardt nimmt mit Ernsthaftigkeit und Spielgeist die Fäden auf, die in dem heterogenen Material liegen: Eine gewaltige Schräge (Bühne und Kostüme: Mara Scheibinger) erhebt sich im Bockenheimer Depot, der Zweitspielstätte der Frankfurter Oper, erst mausgrau wie der Alltag der jungen Mina, gesungen von der erst fünfzehn Jahre alten Lena Diekmann, die ihren drögen Bürojob wie ihr karges Freizeitleben akribisch plant. Eine Zwangsneurose ist das Mindeste, was man Mina attestieren kann. Wann traut sie sich, ein besseres, anderes Heute auszuprobieren? Sie tut zaghafte Schritte, während ihr verstorbener Kinderfreund Rey (Jago Schlingensiepen, sechzehn Jahre) ihr wie ein Dämon erscheint, und mit purcellhaften Lockarien versucht, ihre neuen Schwingen zu stutzen. Die Mutter, offenbar ein Helikopter-Exemplar, ist gestorben, nun muss Mina sich selbst zurechtfinden im Leben.

          Zukunftsangst, Politik, Rebellion und Liebe, das liegt in „Mina“ nah beieinander, vor allem auf dem Hausboot des von Ole Schwarz verkörperten Straßenmusikers Finn, der mit Mina flirtet. Nicht umsonst erinnert Finn, der seine zauberhaften Popsongs selbst auf Gitarre und Keyboard begleitet, an Huckleberry Finn, von dem Mark Twain sagte, seine Freiheit sei grenzenlos. Man ahnt, auch das ist nicht so, wie es scheint. Überhaupt sind selbst dann, wenn Text und Musik nah ans Musical rücken, so viele doppelte Böden eingezogen, dass die Kitschgefahr gebannt ist. Mina kann auch die Liebe nicht helfen: Sie muss ins Ungewisse ziehen, ihren Weg finden zwischen Freiheit und Zwängen. Übrig bleibt Gefühl, manchmal ganz großes, das am Ende auch das Publikum restlos hinriss.

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