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Möllemann als Theaterfigur : Karriere Schnitt für Schnitt

Das Kartenhaus: Thomas Mehlhorn, Rose Lohmann und Ilja Harjes spielen die Autoren einer Netflix-Serie über Jürgen Möllemann. Bild: Peter Wattendorff

In Münster hatte Jürgen Möllemann seinen Wahlkreis. Das dortige Stadttheater hat ein Stück über das Leben des 2003 verstorbenen FDP-Politikers in Auftrag gegeben. War er der Wegbereiter der AfD?

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          Der Essener Rechtsanwalt Ernst Achenbach (1909 bis 1991) gehörte für die FDP von 1957 bis 1976 dem Bundestag an. Auf dem Nominierungsparteitag für die Bundestagswahl 1972 hatte er sich einer Gegenkandidatin zu erwehren. Ingrid Matthäus-Maier, die Bundesvorsitzende der entschieden linksliberalen Jungdemokraten, verlor gegen den Veteranen – und in der Abstimmung über den Platz hinter ihm auch gegen Jürgen Möllemann, wie sie 1945 geboren, im Jahr der Stunde null. Achenbachs Fachgebiet im Bundestag war die Außenpolitik, die er schon vor 1945 beruflich betrieben hatte. Die Qualifikation zog seiner Laufbahn zugleich eine Grenze: In der Pariser Botschaft war er mit Judendeportationen befasst gewesen. 1953 schlug eine Kommission der Bundespartei erfolglos seinen Ausschluss vor, weil er die Unterwanderung des nordrhein-westfälischen Landesverbands durch alte Nationalsozialisten koordiniert hatte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Annalena und Konstantin Küspert erzählen Achenbachs Geschichte gegen Ende ihres Theaterstücks „Der Bundesbürger. The Jürgen W. Möllemann Story“, einer Auftragsarbeit des Stadttheaters in Münster, wo Möllemann seinen Wahlkreis hatte und seine Witwe bis 2019 der FDP-Ratsfraktion vorsaß. War Möllemanns Rückeroberung des Landesverbands, dessen Vorstand schon einmal seinen Rücktritt vom Landesvorsitz erzwungen hatte, war sein Versuch, die Bundespartei mit einer separaten Wahlkampfstrategie für NRW unter Zugzwang zu setzen, eine Wiederauflage des Projekts von Achenbach und dessen angebräunten Konsorten?

          Mittel kehren wieder, auch Themen und Obsessionen. Achenbach engagierte sich zugunsten einer Amnestie für Kriegsverbrecher – die publizistischen Aktionen, mit denen Möllemann seine Parteifreunde schließlich dazu brachte, ihn fallenzulassen, waren Attacken auf die israelische Besatzungsherrschaft im Modus ostentativer geschichtspolitischer Rücksichtslosigkeit. Möllemanns Kalkül, ausgerechnet mit Hauswurfsendungen dieses giftigen Inhalts die Stimmung im Lande zugunsten seiner Partei drehen zu können, setzte die Existenz einer Volksseele mit unbefriedigtem Entlastungsbedürfnis voraus.

          Neuanfang als Beruf

          Oft übernimmt der Eifer der Vergangenheitsbewältigung dieses nationalpsychologische Denkmuster. Nicht so das Stück von Annalena und Konstantin Küspert: Es stellt Möllemann als Vorläufer und Stichwortgeber der AfD hin, ohne die Kontinuität eines ungesunden Volksempfindens zu behaupten, das sich irgendwann zwangsläufig seine Organe sucht. Der Witz der Story, die auf die winzige Kellerbühne gebracht wird, ist die Diskontinuität: Die drei Schauspieler spielen ein Autorenteam, das am Konzept einer Netflix-Serie bastelt, und alle paar Minuten wird die Durchsicht des Archivmaterials vom Befehl zum Neustart unterbrochen: „Cut!“ Jüngeren Zuschauern ohne Erinnerungen an den 2003 verstorbenen Protagonisten dürfte an dem 75 Minuten kurzen Abend einiges vom Tatsächlichen dunkel bleiben, denn das Stück verfährt gerade nicht wie eine Fernsehserie, die jedes Detail bebildert und erklärt.

          Es greift vielleicht zu hoch, sich an den gedrängten Stil des römischen Historikers Tacitus erinnert zu fühlen, der durch den Verzicht auf Handlungsmotivierung die Politik des Übergangs von der Republik zum Kaiserreich in eine Atmosphäre der Irrationalität tauchte, aber auch hier hat das diskontinuierliche Erzählen eine verfassungsgeschichtliche Pointe: In der Demokratie bleibt das Geschichtsdrama Stückwerk, weil sie die Herrschaft der Vergesslichkeit ist. Der Neuanfang ist jederzeit möglich: Jedermann, egal was er ausgefressen oder ausgefertigt hat, kann in jedes Amt gewählt werden, benötigt nur eine Mehrheit im Saal hinter sich, dann ist alles vergessen.

          Das Jahr 1945 war der große Cut der deutschen Geschichte. Auch Ernst Achenbach durfte wieder mitmachen, sah sich aber auf demokratische Mittel verwiesen, die Bildung von Seilschaften, mit dem Risiko, dass jederzeit ein Parteifreund das Seil kappen konnte. Um die Alltäglichkeit charismatischer Legitimität zu beschwören, zitieren die Schauspieler einfachste Gesten: das Winken, das Ausbreiten der Arme, das Recken der Daumen. Alle drei, Ilja Harjes, Rose Lohmann und Thomas Mehlhorn, verwandeln sich unter Ruth Messings Regie für Momente in Möllemann, indem sie eine Pappnase mit Schnurrbart aufsetzen. Wenn sie dann den Mund aufmachen, ist er wieder da: Man hört einen Tonfall der unbeirrbaren Sachlichkeit. Die Kritik des Systems, wie Möllemann sie nach seiner Verstoßung aus der FDP in einem von Bertelsmann als „Klartext“ beworbenen Buch verbreitete, ist ein Produkt des Systems. Der erste Populist war der geborene Berufspolitiker, der nie hatte beschließen müssen, Politiker zu werden.

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