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Jubiläumsausstellung Salzburg : Nicht mal zwei Minuten Finsternis!

Raumausschnitt: Brüche – Eine Erzählung im Dialog mit dem Jüdischen Museum Wien Bild: Salzburg Museum/Luigi Caputo

Theaterskandale gab es immerhin auch: Salzburg zeigt eine Ausstellung zu hundert Jahren Festspielgeschichte. Was als Friedensprojekt begann, ist heute ein Großunternehmen geworden.

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          Im Juli 1929 schreibt Hugo von Hofmannsthal in der Zeitschrift des Landesverkehrsamtes Salzburg einen Artikel über „Das Publikum der Salzburger Festspiele“, dessen besondere Charakteristik die „hoch eigentümliche Zusammensetzung aus großstädtischen und ungroßstädtischen“ Gästen sei. Den Begriff „provinziell“ vermeidet Hofmannsthal, weil ihm der Dorfpfarrer aus Mecklenburg nicht weniger wert erscheinen will als die Bankiersfamilie aus der Schweiz. Hier, in Salzburg, treffe nicht die geistige Elite Europas aufeinander, sondern die kulturell interessierte Minderheit aus allen Gesellschaftsklassen. Zusammen bildeten sie eine utopische Glaubensgemeinschaft im Namen der Kunst.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Hofmannsthals emphatischer Text, dessen Analyse mit Blick auf die heutigen Festspielbesucher wohl als mehr oder weniger überholt gelten muss, ist gerade in einem der einladend übersichtlichen Schaukästen ausgestellt, die Teil der sehr lohnenden Sonderausstellung zum hundertjährigen Festspiel-Jubiläum sind. Sie versammelt eine Vielzahl an Dokumenten, Bildern und Objekten, um die Geschichte des Salzburger Festivals so unterhaltsam und abwechslungsreich wie möglich zu erzählen. Nicht die schematische Chronologie, das Erwachsen aus den Musikfesttagen seit 1877, die ideologische Ausrichtung nach dem sogenannten Anschluss 1938 und der Neuanfang unter amerikanischer Besatzung, dient dabei als Ordnungsprinzip, sondern die ideengeschichtliche Präsentation des Materials.

          Der Vogelfänger im 21. Jahrhundert: „The Bird Catcher’s Dilemma“ von Yinka Shonibare
          Der Vogelfänger im 21. Jahrhundert: „The Bird Catcher’s Dilemma“ von Yinka Shonibare : Bild: dpa

          So sind etwa verschiedene Modelle nicht realisierter Festspielhausentwürfe ausgestellt, an denen sich die Utopievorstellungen der Zeit ablesen lassen. Das Reinhardt’sche Gründungsaxiom eines europäischen Friedensprojekts, auf das man nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkam, hatte ursprünglich durchaus handfeste Absichten auf Wirkung, wie aus verschiedenen Korrespondenzen hervorgeht: Teile der erwirtschafteten Einnahmen sollten zur Linderung der Kriegsnot eingesetzt werden und damit dem Ziel einer Völkerverständigung auch materiell Ausdruck verleihen. Dass es bei den Festspielen seit Beginn vor allem auch darum ging, einen wirtschaftlichen Faktor zu schaffen, bezeugt Hofrat Friedrich Gehmacher, ein Mitgründer der Salzburger Festspielhaus-Gemeinde, wenn er die Hoffnung äußert, dass „keine Veranstaltung ein finanzkräftigeres Publikum nach Salzburg zu ziehen vermag wie Musikfestspiele“.

          Christian Boesch als Papageno (1978)
          Christian Boesch als Papageno (1978) : Bild: Archiv der Salzburger Festspiele

          Noch heute ist die in den Programmheften abgedruckte Liste der unterstützenden Sponsoren beeindruckend. Die in einem Ausstellungsraum rhetorisch gestellte Frage, was Salzburg eigentlich ohne die Festspiele wäre, lässt sich daher leicht beantworten: in jeder Hinsicht ärmer. Diese These verfolgt die Ausstellung bis hin zu den lokalen Trachtenbewegungen, die sich im Umfeld des alljährlichen Kultursommers gründeten und später ihren schändlichen Opportunismus bewiesen, als sie Juden kurz nach dem „Anschluss“ das Tragen des „Landesanzugs“ verboten. Ein besonders einfallsreich gestalteter und in Zusammenarbeit mit dem ansässigen Jüdischen Museum konzipierter Ausstellungsraum ist dem Festspielgründer Max Reinhardt gewidmet. Hier wird mit einer Nachbildung des Glasfensters aus der Grabstätte in New York an die erzwungene Flucht und seinen Tod 1943 im Exil erinnert. Das Mosaik zeigt den Blick von Reinhardts nahe Salzburg gelegenem Schloss Leopoldskron, das – glaubt man dem ausgelegten Gästebuch – für eine kurze, glückliche Zeit in der Tat so etwas wie die „Zentrale des Geisteslebens Europas“ war. Die Ausstellungsräume sind gut beschildert, auch die „Leichter Lesen“-Plakate sind in diesem Falle hilfreich, vor allem wenn es etwa darum geht, eine etwas opake Installation zum „Jedermann“ von John Bock zu entschlüsseln.

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