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Joyce DiDonato singt Schubert : Winterreise in Flip-Flops

  • -Aktualisiert am

Inniger Schubert: Joyce DiDonato und Yannick Nézet-Séguin Bild: Andrea Kremper

Alle Finessen eines eher hellen Mezzos und ein Pianist, der sich bis zur Grenze der Hörbarkeit zurücknehmen kann: Joyce DiDonato und Yannick Nézet-Séguin mit Schubert im Baden-Badener Festspielhaus.

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          Als den angehenden Stardirigenten Yannick Nézet-Séguin vor ein paar Jahren die Anfrage der gemeinsamen Agentur erreichte, ob er sich einen Liederabend mit der weltweit gefeierten Sängerin Joyce DiDonato vorstellen könne, fiel seine Antwort denkbar knapp aus: „Wow!“ Öffentlich Klavier zu spielen gehörte für den Chef der New Yorker Metropolitan Opera (seit 2018), des Philadelphia Orchestra (seit 2012) und Künstlerischen Leiter des kanadischen Orchesters Métropolitain (seit 2000) bislang nicht zum Tagesgeschäft. Als sich die beiden dann 2017 nach einer Aufführung von Wolfgang Amadé Mozarts „Titus“ – DiDonato sang hier den Sesto – in Baden-Baden weiter austauschten, war es die Sängerin, der jetzt die Sprache wegblieb: ausgerechnet Franz Schuberts „Winterreise“ sollte es sein, Lieder also, die der Koloratur-Mezzosopranistin so fern lagen wie Eisblumen im Sommer.

          Doch Nézet-Séguin versüßte seine Idee mit der Aussicht auf ein Langzeitprojekt, denn Schubert, so die Überzeugung des Pianisten/Dirigenten, sei ein Türöffner für Gustav Mahler. Dass dieser Zyklus neben seinen emotionalen Zumutungen auch eine klimatische enthält, je nach saisonaler Aufführungszeit, erfuhren die beiden am eigenen Leib bei der ersten Probe in der Juli-Hitze im amerikanischen Kansas, zu der Nézet-Séguin sehr zum Entzücken von Joyce DiDonato mit Flip-Flops und leicht bekleidetem Oberkörper erschien. Doch dieses Jahr ist ohnehin alles ganz anders, egal was gespielt wird, Hauptsache, es wird überhaupt etwas dargeboten, da ist man sogar für die Winterdepression während des Sommerfestivals im Baden-Badener Festspielhaus mit allen Beethoven-Symphonien unter Nézet-Séguins Leitung dankbar. Außerdem ist kürzlich auch die CD-Aufnahme bei dem Label Erato (Warner) erschienen, man kann diese „Winterreise“ also einsam in trüben Tagen jederzeit nachhören.

          Was ist aus dem „fein Liebchen“ geworden?

          Schuberts Original sieht einen Tenor für den Wanderer vor, aber die Praxis ist in der Tat divers, vom Counter bis zum Bassbariton bei den Männerstimmen, dazu eine regelrecht populär gewordene, genreübergreifende Bearbeitungsfreude, beginnend mit Hans Zenders genialer „komponierter Interpretation“ von 1993. Und auch die Frauenstimmen haben sich nach der Pionierin Lotte Lehmann immer wieder auf den Weg gemacht, am prominentesten sicher Christa Ludwig zusammen mit James Levine, dem Vorgänger von Nézet-Séguin an der Met (1986), oder Brigitte Fassbaender mit dem Komponisten/Pianisten Aribert Reimann (2012).

          Identifikation mit dem Wanderer liegt Joyce DiDonato allerdings fern. Im Zeitalter des Feminismus fragt sie vielmehr spekulativ, was aus „ihr“, dem „fein Liebchen“, geworden ist: „Trauert sie ihm nach? Ist sie ihm böse? Liebt sie ihn immer noch?“ Das werden wir nie erfahren, und in unserem eingefleischten Geschlechterrollen-Verständnis sind es ja meist die Frauen, die verlassen werden.

          Ein Leidensweg, dessen Abgründe durch Ästhetik transzendiert werden

          Insofern hat der verlassene Mann in der „Winterreise“ unsere volle Sympathie, zumal wir erkennen, dass Trennungsschmerz mit aller verbundenen Hoffnung, Verzweiflung, Todessehnsucht eine menschliche Erfahrung ist, jenseits der Geschlechter. DiDonatos angestrebter Perspektivwechsel hat für die Wiedergabe im Konzertsaal zwei Konsequenzen für Anfang und Schluss des Zyklus. Zunächst eine imaginäre, theatralische: Während sie mit Notenheft auf einem Stuhl vor dem Klavier Platz nimmt, erscheint in der Übertitelung die Szenenanweisung: „Er schickte mir sein Tagebuch per Post...“ Mit zunehmend innerer Bewegung bei der Lektüre steht sie im vierten Lied „Erstarrung“ auf, ergriffen und durchdrungen vom lyrischen Strom der Musik, nähert sich dem Klavier und bleibt dort stehen bis zum vorletzten Lied „Nebensonnen“, gleichsam am Ende, erschöpft. Erst nach einer Pause geht sie für den finalen „Leiermann“ zurück an ihr kleines Pult.

          Einen Zyklus so seltsam abzuschließen ist für beide Interpreten ein Rätsel – der „Leiermann“ habe einfach nicht gepasst, gesteht Nézet-Séguin in einer amerikanischen Gesprächsrunde. Sie lösen es durch eine weitere Imagination, der zufolge der „Leiermann“ eine Zutat von „ihr“ ist, ein Nachspiel nach der Lektüre des Tagebuchs. Da ist Joyce DiDonato dann selbst den Tränen nahe. Sicher aus emotionaler Teilnahme, aber auch, weil sie sich am Ursprungsort der Idee „Winterreise“ beweisen konnte, dass sich der Aufwand inklusive hervorragendem Sprachcoach in Wien gelohnt hat.

          Sie singt Schuberts Lieder mit allen Finessen ihres eher hellen Mezzos, doch ohne opernhaften Pomp, entfaltet in der variablen Tongebung und vor allem mit ihrer ausgefeilten Dynamik – grandios ihr subito piano! –, mit immer wieder expressiv herausgehobenen Zentralwörtern einen Leidensweg, dessen Abgründe durch Ästhetik transzendiert werden. Was aber wäre diese Sängerin ohne den Mann am Klavier? Yannick Nézet-Séguin machte das Publikum sprachlos: ein Pianist, der sich bis zur Grenze der Hörbarkeit zurücknehmen kann und damit Ferne und Fremdheit zum Hauptthema des Zyklus macht – wow!

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