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Joseph Roths „Hiob“ in Wien : Wie ein Wächter seiner eigenen Schmerzen

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Und ihm fiel ein, dass er schon lange einsam war: Peter Simonischeck als Mendel Singer in Joseph Roths „Hiob“ am Wiener Burgtheater Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nur wer das Unglück kennt, glaubt an Wunder: Christian Stückl inszeniert eine Bühnenfassung von Joseph Roths Roman „Hiob“ am Wiener Burgtheater.

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          Wieder ein Abend, an dem man schmerzlich fühlt, was verlorengeht, wenn ein Text, der eigentlich erzählt werden will, auf der Bühne nur nachgespielt wird. Joseph Roths 1929 in Paris geschriebener „Hiob“-Roman lebt nicht von seinen Dialogen. Die Geschichte des russischen Ostjuden Mendel Singer, der seine Familie nach und nach an Krankheit, Wahnsinn und Tod verliert, wird erzählt von einer Stimme im alttestamentarischen Tonfall, die das Geschehen distanziert, aber nicht unbeteiligt schildert. „Vor vielen Jahre lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer“, so hebt sie im Märchenstil an und endet mit dem Satz: „Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“

          Der Zauber von Roths Sprache liegt nicht in der wörtlichen Rede. Sie von der rahmenden Beschreibung zu trennen bedeutet, das Wesentliche auszuschließen. Hundert Mal kann man einen Mendel sagen lassen: „Ich habe nicht geschlafen“, wenn sein Erzähler schweigt und nicht kommentiert: „Er war bereits zu alt für das Neue und zu schwach für Triumphe“, ist alles nichts. Bleibt das Geschehen spannungs- und bedeutungslos.

          Was geht verloren?

          Die Bühnenfassung von Koen Tachelet, sicher einer der begabtesten Dramaturgen des deutschsprachigen Theaters, versucht gar nicht erst, den Erzähler auf die Bühne zu holen, sondern schreibt Roths Roman komplett in Dialoge um. Natürlich lässt sich die Geschichte vom strenggläubigen Lehrer, dem so viel Unheil geschieht, dass er vom Glauben abfällt und nur durch ein Wunder wieder bekehrt werden kann, so nacherzählen. Nur zu welchem Preis? Was für eine Fülle an psychologischen Beschreibungsnuancen und dramaturgischen Facetten geht damit verloren. Wie plump und glatt wirkt auf einmal das, was einem beim Lesen gewichtig und fatal vorgekommen war.

          Der Krüppel am Boden: Tino Hillebrand als Menuhin
          Der Krüppel am Boden: Tino Hillebrand als Menuhin : Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

          In Christian Stückls abbildrealistischer Inszenierung, die von Anfang bis Ende auf einer gewellten Bühne unter dem symbolschwachen Zeichen eines leuchtenden „America“-Schriftzugs stattfindet, plätschert die tragische Handlung so gefällig dahin, als handele es sich um Unterhaltungsliteratur. Peter Simonischek als Mendel ist hinter seinem angeklebten Vollbart und den wallenden Schläfenlocken kaum zu erkennen. Um sich erkennbar zu machen, deklamiert und gestikuliert er und reibt sich zu Beginn nervös über die Kniescheiben, wie um ein besonderes Merkmal zu betonen. Er ist ein zu guter Schauspieler, als dass er zur Charge werden könnte, aber vom drohenden Unheil, das angeblich über ihm schwebt, merkt man trotzdem wenig. Tino Hillebrand als sein krankes, stummes Kind Menuchim kauert am Boden und stößt nur hin und wieder das Hoffnungswort „Mama“ hervor. Vom geschlagenen Krüppel, dessen großer Schädel „schwer wie ein Kürbis an seinem dünnen Hals“ hängt, wie es bei Roth heißt, sieht man wenig. Nichts als ein bemitleidenswerter Tropf ist das, der die Bewegungen seiner Beine nicht richtig koordinieren kann und den die Geschwister im Wassertrog ertränken wollen. Die Prophezeiung des ortsansässigen Rabbis, nach dem „der Schmerz ihn weise, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit ihn stark“ machen werden, wirkt übertrieben angesichts dieses zuckenden Zappelphilipps, dem alles Schicksalhafte fehlt.

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