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José Carreras : Ein Lyriker als Dramatiker

  • -Aktualisiert am

Singen mit Seele: José Carreras Bild: AP

Luciano Pavarotti wertete sein Timbre als das schönste aller Tenöre nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch der junge Sänger wurde bald Opfer seines Ehrgeizes. Zum sechzigsten Geburtstag von José Carreras.

          In seiner Autobiographie „Singen mit Seele“ berichtet José Carreras über das Erlebnis, das ihn zum Singen brachte. Es war der Film „The Great Caruso“ mit Mario Lanza. Nachdem die Familie ein Grammophon erstand, erlangte „die erste, gleich mitgekaufte Schallplatte einen geradezu symbolhaften Charakter“. Sie enthielt acht neapolitanische Volkslieder, gesungen von Giuseppe di Stefano. Es war die Initiation für José Carreras, der mit acht Jahren das Konservatorium besuchte.

          Mit elf stand er als Knabensopran auf der Bühne des Gran Teatro del Liceu in Barcelona, mit achtzehn begann er sein Studium bei Francisco Puig und Juan Ruax. Im Januar 1970 wurde er nach einem Vorsingen am Liceu für eine Neueinstudierung von „Norma“ mit Montserrat Caballé engagiert. Flavios werden meistens überhört, dieser nicht. Montserrat Caballé sorgte dafür, daß sie im Dezember 1970 die Titelpartie in Donizettis „Lucrezia“ Borgia neben dem Gennaro ihres jungen Landsmannes sang. Im Oktober 1971 gewann Carreras dann den Verdi-Wettbewerb in Parma. Bis zum Endes des Jahres 1973 sang er - vor allem an der New York City Opera - lyrische Partien von Donizetti und Verdi. 1974 debütierte er in London, an der Met und in Wien. Am 13. Februar 1975 stellte er sich als Riccardo in „Un Ballo in Maschera“ am Teatro alla Scala vor.

          Das schönste Timbre aller Tenöre

          Seine Stimme war in jenen Jahren so schön wie die von Giuseppe di Stefano an Sonntagen. Luciano Pavarotti wertete das Timbre als das schönste aller Tenöre nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie wichtig dem katalanischen Tenor der prunkende Klang war, verrät ein frühes Interview: „Wenn ich eine Rolle lernen oder auch nur hören will, kann ich mich an fast jeden der großen Tenöre halten - Caruso, Björling, Gigli, Bergonzi, Gedda -; aber wenn es mir nicht um Technik geht und ich nur schieres Vergnügen haben will, muß ich di Stefano lauschen. Er singt mit außergewöhnlicher Spontaneität. Ich weiß wohl, daß dieser oder jener Ton nicht korrekt plaziert wird, aber die reine Freude am Singen ist immer vorhanden. Er hatte eine nur kurze Karriere, aber für zehn Jahre war er wundervoll.“

          Mit Herbert Grönemeyer

          Wahrscheinlich hätte Carreras gut daran getan, sich längere Zeit auf lyrische und verzierte Partien zu konzentrieren. Drei Rossini-Aufnahmen - „La Pietra del paragone“ (1972), „Elisabetta“ (1975) und „Otello“ (1978) - sind eine reine Freude. Auch in Aufnahmen von Verdis frühen Opern vermag er zu überzeugen: als Edoardo in „Un giorno di Regno“, als Jacopo in „I Due Foscari“ und als Macduff in „Macbeth“. Ende der Siebziger wurde er Opfer seines Ehrgeizes. Unter Herbert von Karajan sang er 1976 bei den Salzburger Osterfestspielen den Tenorpart in Verdis Requiem und bekam gleich danach das Kostüm für die Titelpartie in „Don Carlo“ angemessen. Danach bot der Dirigent ihm die Partie des Radames an. Er habe nur deshalb angenommen, weil Karajan ihm gesagt habe, „nicht einen stimmlichen Kraftprotz als Radames haben zu wollen, sondern einen empfindsamen Liebhaber“. Es ist eines jener fatalen Argumente, mit denen junge Sänger zum Selbstopfer genötigt werden.

          Vergeudung einer Stimme

          Fortan erweiterte er sein Repertoire um dramatische Partien: Alvaro, Andrea Chenier, Turiddu, Canio. Als er neun Jahre nach seinem Lob auf di Stefano mit dem Orchester der Covent Garden Opera unter Jacques Delacôte eine Anthologie mit französischen Arien herausbrachte, sang er ganz ohne Impuls und Spannung: angestrengt, dumpf in der hohen Lage, oft tremolierend. Der amerikanische Kritiker und Dirigent Will Crutchfield: „Es ist schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, daß dies die Frucht einer zynischen und mißbräuchlichen Vergeudung einer Stimme ist.“

          Dann kam die Krankheit. Im Sommer 1987, während der Dreharbeiten für einen Bohème-Film in Paris, wurde Leukämie diagnostiziert. Die Leidensgeschichte wurde an die große Glocke der Schlagzeilen gehängt, das Comeback des Sängers nach einer Knochenmarktransplantation wie ein Wunder von Lourdes hingestellt: „Die schmale Gestalt, die den Tod besiegt hat“ oder „Carerras singt das Lied vom Leben“. Mario Dradi, Carreras' Manager in Italien, verfiel auf die Idee, die Rückkehr in die Aura einer Auferstehung zu hüllen. Am 7. Juli 1990 präsentierte er der Welt, wie Pavarottis Exmanager Herbert Breslin in seiner Abrechnung schreibt, das „feel-good event“ der Drei Tenöre. „Sänger lieben Charity Events“, heißt es bei Breslin, „aber kein Sänger singt, was immer anderes er behauptet, ohne Gage.“ Jeder soll 300.000 Dollar erhalten haben.

          Der 300.000-Dollar-Fehler

          Dann erfuhren die Herren von der singenden Trinität, daß Manager Dradi und Decca mit der über zehn Millionen Male verkauften CD ein Dorado erschlossen hatten. Den „300.000-Dollar-Fehler“ haben die drei nicht wiederholt. Beim Dacapo 1994 in Los Angeles soll jeder, so Breslin, zwei Millionen Dollar erhalten haben, der Dirigent des Abends, Zubin Mehta, eine Million. Dabei widerspricht es eigentlich den Gesetzen der Marktwirtschaft, daß beim Ausverkauf die Preise steigen. Seit den neunziger Jahren hat Carreras den Markt mit Populärem bedient. Als er 1990 Manuel de Fallas „Siete cançiones populares españolas“ und acht Romanzen von Verdi, instrumentiert von Luciano Berio, herausbrachte, fiel in „The Gramophone“ ob der Arrangements das Wort „elephantiasis“.

          Lieder von Bellini, Donizetti, Rossini und Verdi wurden wie Schlager behandelt. Bei „The Pleasures of Love“ sind die Liebesqualen eingeschlossen - jedenfalls für den, der Lieder von Caldara, Scarlatti, Händel, Mercadante, Gluck sonst nicht als reine Seelenmusik empfinden mag. Unter dem Titel „Pure Passion“ erschien eine Sammlung von „berühmten klassischen Melodien“, denen fremde Texte unterlegt wurden - wie dem Thema aus dem Kopfsatz von Peter Tschaikowskys sechster Symphonie: „Die Geschichte einer Sternennacht“. Heute wird José Carreras sechzig Jahre alt.

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