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„Otello” in Neapel : Die Mörder sind unter uns

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Eifersucht in einer heutigen Armee im Nahen Osten: Otello (Jonas Kaufmann, links) erwürgt Desdemona (Maria Agresta) Bild: Luciano Romano

Stéphane Lissner versucht, in der verarmten Stadt Neapel das Opernhaus zu einer „sozialen Plattform” zu machen. Mit Giuseppe Verdis „Otello” findet er, nicht nur dank Jonas Kaufmann, Anschluss an Europa.

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          Anfang Oktober erlaubte sich der in Paris erscheinende Le Figaro, Neapel als „die Dritte Welt in Europa“ zu bezeichnen. Für die offensichtliche Armut Neapels, für seine Desorganisation und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit hätten sich auch andere Namen wählen lassen. Aber das zwischen Exotismus und Zurückweisung schillernde Wort war eben nicht nur der rhetorische Clou einer sachlichen Analyse. Es rührte in der Wunde eines Beziehungsproblems. Viele Italiener sehen sich Europa mit seinen zivilisatorischen Ansprüchen in einer Art Hassliebe verbunden, andererseits empfängt die Stadt ihre Besucher mit außergewöhnlicher Herzlichkeit. Jetzt kulturell verstoßen, auf dem eigenen Kontinent für exterritorial erklärt zu werden, das schmerzt.

          Bis heute wogt die Debatte zwischen Italien und Frankreich hin und her. Der Botschafter Frankreichs verteidigt Neapel diplomatisch gegen die Kritik aus seinem Land, freilich wieder mit einem schillernden Wort – Neapel sei eine „fantastische“ Stadt. Dabei ist die Lage noch kritischer als im Figaro dargestellt, Neapel mit seinen fünf Milliarden Euro Schulden ist praktisch bankrott. Rufe nach Hilfe durch die Staatsregierung werden laut, nun, da sich das Gemeinwesen nicht mehr selbst zu helfen weiß – als hätte der Staat nicht seinerseits schon Schulden genug.

          Das Teatro San Carlo, Neapels prächtiges Opernhaus unter der Leitung des in Paris neu rekrutierten Intendanten Stéphane Lissner, erarbeitet sich dabei mit Geschick eine vermittelnde Stellung im Gefüge der Stadt. Einerseits ist das Theater eine Institution, die abgehoben von anderen, kleineren kulturellen Initiativen handelt. Keine andere Kultureinrichtung erhält auch nur annähernd so viele Mittel vom Staat. Andererseits ist Lissner klar, dass er in einer Kultur außerordentlicher Armut operiert. Er möchte das Theater zur „sozialen Plattform“ entwickeln, auf der sich Kinder und Jugendliche einbringen können, die außerhalb der Codes und Inhalte einer jahrhundertealten Hochkultur aufgewachsen sind. Das ist auch eine Frage demokratischer Legitimation.

          Der Intendant Stéphane Lissner im Teatro San Carlo Neapel
          Der Intendant Stéphane Lissner im Teatro San Carlo Neapel : Bild: Luciano Romano

          Man glaubt, Lissner die Begeisterung für die Stadt anzumerken – über die Perspektiven des Teatro San Carlo erzählt er in einer eigenen Sprache, in der das Französische und das Italienische zusammensprudeln. Dass von seinen Projekten nach eineinhalb Jahren Intendanz noch nicht so viel entwickelt ist, mag an den Beschränkungen der Covid-Epidemie liegen. Vor allem von dem naheliegenden Projekt, die Ressourcen der unvergleichlich reichen Operngeschichte Neapels im achtzehnten Jahrhundert zu nutzen, ist im Spielplan nichts zu sehen. Dort dominiert das italienische Jahrhundert Bellinis, Donizettis, Verdis, Puccinis, während man Opern der älteren neapolitanischen Meister wie Cimarosa, Hasse, Jommelli, Leo, Paisiello, Pergolesi, Piccinni, Porpora, Traetta an anderen Häusern suchen muss oder in der legendären Bibliothek des örtlichen Conservatorio.

          Lissner glaubt, das Publikum allmählich und auf Umwegen an die historische Kunst der Stadt heranführen zu sollen. Bis dahin arbeitet er an einer Verbindung zwischen der unmittelbaren Wucht des späteren Belcantos mit einer szenischen Interpretation, die die Werke aus Perspektiven unserer Gegenwart erschließt. Dass auf diese Weise das Opernhaus in Neapel künstlerisch auf der Höhe der „ersten Welt“ handelt, zeigt sich am Sonntag in der Saisoneröffnung mit Giuseppe Verdis „Otello“. Die Inszenierung durch Mario Martone siedelt das Geschehen in unserer Gegenwart an – eine Zumutung für große Teile des italienischen Publikums, das „traditionell“ kostümierte Aufführungen zu sehen erwartet. Denn mit der Situierung in unserer Gegenwart kommen auch deren Fragen ins Spiel. Martone weist darauf hin, dass Verdis Otello den Mord an einer Frau durch einen Mann darstellt – ein Pro­blem, das sich in Italien alle zwei bis drei Tage mit einem neuen Fall manifestiert, und zwar unvermindert, seit Jahrzehnten auf konstant demselben Niveau.

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