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Jon Fosses „Schönes“ in Zürich : Die Einsamkeit der Gitarrenmänner

  • -Aktualisiert am

Melancholie im Bootshaus: Yvon Jansen und Nicolas Rosat Bild: Toni Suter / T+T Fotografie

Zeig mir dein Bootshaus: Werner Düggelin inszeniert im Zürcher Schauspielhaus „Schönes“ von Jon Fosse weniger als Tragödie denn als leichte Melancholie.

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          Jon Fosse sagt auch in seinen essayistischen Selbstauskünften nicht viel über sich, aber manchmal zitiert der schweigsame norwegische Melancholiker sogar Heidegger und Derrida. Schreiben sei für ihn keine Mitteilung von Bedeutungen, sondern seine Form des „In-der-Welt-Seins“, eine Lebensnotwendigkeit: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schreiben“. Oder vielleicht auch singen. Fosse war hoffnungsvoller Gitarrist von „The Rocking Chair“ in Haugesund am Hardangerfjord, ehe er mit vierzehn die Klampfe weglegte und Gedichte zu schreiben begann. Musik machen ist was Schönes, aber schöner und schwieriger ist es, eine Sprache für den Sound des Unsagbaren zu finden.

          „Schönes“, 2001 in Oslo uraufgeführt und zwei Jahre später von Dieter Giesing in Bochum nachgespielt, ist Fosses Version von Freddys Schnulze: „Jimmy wollt ein Mädchen lieben / doch ein andrer kam daher. / Und als Trost sind ihm geblieben: Die Gitarre und das Meer.“ Das Meer ist auf Raimund Bauers Bühne der ferne, von Nebeln und Bergen verhüllte Horizont hinter dem nüchternen Holzsteg und dem schiefergrauen Bootshaus. Jimmy - in Zürich heißt „Der Mann“ Per - hat die Gitarre, um zu singen, was er nicht aussprechen kann. Tilo Nest trällert mit brüchiger Stimme „Helpless“ von Neil Young, „A Broken Heart Is Blind“ von den Black Keys und eigene Lieder. Einmal singt Pers Frau, gerührt von so viel kindlicher Hilflosigkeit, „Your Touch“ mit; aber meistens tigert Yvon Jansen unruhig und gelangweilt auf dem Steg herum, wenn er mit enervierender Inbrunst alte Hippie-Kamellen vorträgt: „Oh, I’m loosing my control“ - dann heißt es: „Du und deine Gitarre!“.

          Ja, früher war ihr Per ein wilder Kerl mit langen Haaren; jetzt ist er nur noch ein resignierter Musiklehrer, der sich an seine Gitarre und seine Sehnsuchtsmelodien klammert. Leif ist noch hilfloser und maulfauler. Pers alter Kamerad hat die Gitarre längst an den Nagel gehängt und trägt entsprechend wenig zum Gespräch bei. Wenn Per sagt „Ja, so ist das“, sagt er „Kann man wohl sagen“.

          Spiel mir das Lied von unserem früheren Leben: Tilo Nest zupft an alten Träumen

          Man kann wohl sagen, dass die beiden Verlierer sind. Leif wohnt noch immer bei seiner Mutter und fährt nur ab und zu noch zum Angeln aufs Meer hinaus; mehr Abwechslung hat das Kaff am Fjord ja auch nicht zu bieten. Vor Jahrzehnten, als die beiden Jungrocker noch im alten Bootshaus auf ihren Gitarren herumklimperten, war es irgendwie schön. Damit ist es vorbei. Irgendetwas muss damals die Freunde entzweit haben; vielleicht die Frau, bei der selbst eine unschuldige Frage wie „Zeigst du mir dein Bootshaus?“ wie eine sexuelle Aufforderung klingt. Dass Per jetzt in den Sommerferien mit Frau und Tochter in seine alte Heimat zurückkehrt, ist keine gute Idee. Die frustrierte Frau lässt sich von Leif das Bootshaus zeigen, Pers Mutter beschwört die schönen alten Zeiten, das Paar reist überstürzt ab. Zurück bleibt die Tochter: Siv hat genug von den verdrucksten Heimlichkeiten der Erwachsenen und in einem tollpatschig-altklugen Dorfjungen einen Freund gefunden, der ihr das Meer hinter dem Bootshaus zeigt. Das Leben, selbst die immer gleiche Aussicht auf „Fjord und Berge und Regen“ kann so schön sein, wenn man jung ist und seine Empfindungen irgendwie ausdrücken kann.

          Die Gitarrenmänner sind für Schönes zu alt und müde. Sie blasen, wie so oft bei Fosse, lieber das alte Lied von Trübsal, Einsamkeit und existenzieller Schwermut. Als Christoph Marthaler 2001 in Zürich den Fosse-Monolog „Der Gitarrenmann“ zur Uraufführung brachte, sprach Josef Bierbichler als gescheiterter Straßenmusiker den irgendwie bedeutungsvollen Satz „Ich bin meine eigene Nacht, und ich bin wahrscheinlich eine Sprache, die niemand versteht“. Kann man wohl sagen. Seither hat die Nacht viele Fosse-Lieder in Zürich und anderswo gesungen; Matthias Hartmann inszenierte allein drei Mal Fosse, ehe er sich 2009 mit „Ich bin der Wind“ nach Wien verabschiedete.

          Seine Nachfolgerin Barbara Frey machte bisher einen Bogen um den Norweger, und das gilt auch für Werner Düggelin, obwohl ihm sein spröder Minimalismus eigentlich liegt. Düggelin gelingt jetzt im Pfauen etwas sehr „Schönes“: Er macht aus einer deprimierend handlungsarmen Tragödie voller Endlosschleifen, Wiederholungen und leerer Sprachhülsen eine Komödie des Scheiterns, hell und klar, federleicht melancholisch, manchmal sogar fast heiter. Anfangs klingt das Lied von der Gitarre und dem Meer noch ein wenig tranig. Das Boot auf der Bühne liegt mal kieloben, mal andersrum, und Nicola Rosats Leif schmirgelt und schweigt wie besessen darum herum: „Es gibt nichts zu erzählen“.

          Nach zwei Akten kommt Bewegung in den nordischen Stehblues und die Luft vibriert vor unterdrückter Spannung. Noch immer reden und schweigen die sechs Figuren aneinander vorbei um den heißen Brei herum, aber man bleibt wenigstens im Gespräch, und wenn nach kaum einer Stunde alles vorbei ist, bleibt mit Siv ein Leuchtturm der Hoffnung am trüben Meer zurück. Klar ist es zu doof und blöd, wie ihr armer Vater immer wieder die alten Lieder singt, die keiner hören will: „Aber irgendwas muss er ja machen“.

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