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Neumeier-Skandal in Kopenhagen : Tanz vor der Tür

  • -Aktualisiert am

John Neumeier im April in Hamburg Bild: dpa

Früher war der Choreograph John Neumeier ein Revolutionär des Balletts. Jetzt macht ihm in Dänemark eine neue Revolution in der Kunst schwer zu schaffen.

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          Ein Beitrag des NDR Hamburg zeigt den jungen John Neumeier in einem Ballettsaal der Staatsoper bei der Arbeit. Es sind die frühen Siebzigerjahre. Der Choreograph probt eine Sequenz, indem er sie seinem Ensemble vortanzt: „Was that too fast?“, fragt er mit einem flash of a smile, nachdem er sein rechtes Bein dramatisch nach vorne gekickt hat und dann wie als Kontrast ganz klein am Boden hockend endete. Schweißgebadet, die gut geschnittenen Haare im Gesicht hängend, sagt er – und man erkennt den charismatischen Akzent, den er bis heute pflegt –, Tanz sei immer „Bewegung von eine Stelle zur andern“. „Ich denke immer, dass es einen Arbeit ist, um irgendwohin zu kommen, es könnte noch anders sein, es kann noch besser sein.“ That’s the spirit.

          That was the spirit, muss man nach dem dänischen Eklat von letzter Woche wohl leider sagen. Ein halbes Jahrhundert später vertritt der Dreiundachtzigjährige in Kopenhagen vor jungen Tänzern des Königlich-Dänischen Balletts die Überzeugung, an seinem „Othello“-Ballett von 1985 könne gar nichts besser werden. Um Änderungen hatte das Ensemble gebeten. Sie mochten nicht in einem Stück auftreten, in dem der Othello-Darsteller in einer Szene mit pechschwarzem Black-­ Bodying einen afrikanischen Jagdtanz aufführen soll. Neumeier sagte im NDR dazu, die Farbe sei dunkelblau (in Hamburg eine gewagte Farbe) und er habe den afrikanischen Tanz recherchiert.

          Das sieht man dem Tanz an oder nicht. Aber abgesehen davon, ob das unter den Begriff „kulturelle Aneignung“ fällt, auch davon, dass bei Shakespeare kein Gefolge von Sklaven Othellos auf der Besetzungsliste steht und man auch nicht recht weiß, inwieweit diese das Geschehen voranzutreiben notwendig wären: Die Art Tanztheater, wie sie John Neumeier in seinen post-neoklassischen Stil einkleidet, ist zeitgebunden. Er hätte gern, dass seine „Othello“-Ballettinszenierung als Klassiker eingestuft wird, als sakrosanktes Kunstwerk, das es zu konservieren gilt. Das ist aus den genannten Gründen nicht möglich.

          In Kopenhagen entschied der friedliebende Ballettdirektor Nikolaj Hübbe, „Othello“ durch den „Sommernachtstraum“ Neumeiers zu ersetzen. Aber der Choreograph stellte die Tänzer bei der Generalprobe wegen „Othello“ zur Rede. Als es laut wurde, kam Hübbe und setzte Neumeier vor die Tür. Damit, dass ihn die Ironie der Geschichte ereilt, haben wir alle nicht gerechnet. Aber jetzt ist es passiert. Er hatte seit seinem Antritt in Hamburg die Tanzgeschichte vor die Staatsoperntür gestellt. Fast alles, was vor ihm und seit den Siebzigerjahren an Klassikern entstanden war und ist, blieb draußen. Hundertschaften unvergänglicher Meisterwerke. Wie viele von Neumeiers 170 Balletten diesen Status einmal erlangen werden, muss sich zeigen. Othello kann man schon mal abziehen.

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