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„John Gabriel Borkman“ in Frankfurt : Der Höllentanz der Eisheiligen

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Hinreißend, diese hysterische Gefasstheit: Corinna Kirchhoff (links) in der Rolle der Gunhild Borkman, und Josefin Platt als ihre Schwester Ella Bild: Bernd Muhlig

Wer nur für sich lebt, stirbt für die Gesellschaft: Andrea Breth lässt im Schauspiel Frankfurt die Liebestöter und Ich-Süchtlinge in Ibsens „John Gabriel Borkman“ in den Frösten ihres Paradieses grandios erfrieren.

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          Am Ende nimmt die Regisseurin den Dramatiker beim Wort, indem sie es ihm nimmt. Es ist ja auch alles gesagt. Und alles Leben zu Ende. Der schwarze Vorhang, der sich im Schauspiel Frankfurt über drei seltsame verlorene Menschen, zwei Frauen und einen Mann, in einem kalkweiß kalten, bühnenhohen, mit klassizistischen Säulen und vier großen verbarrikadierten Türen zur Edelgruft mutierten Salon langsam senkt, scheint das Dasein der Bewohner so gründlich aus- und wegzuwischen, dass danach nichts mehr kommen kann. Bei Henrik Ibsen kommt der Tod. Mit Worten. Bei Andrea Breth kommt Klaviermusik. Ohne Worte. Gefrorene Klirr-Klänge, als habe der Komponist und Pianist Bert Wrede Eiszapfen in einer Gletscherhöhle angeschlagen.

          Ibsen schickt in „John Gabriel Borkman“, seinem vorletzten Stück, 1896 den Titelhelden hinaus in Eis und Schnee. Er lässt den Übermenschen und Ausnahmephantasten draußen vor dem Haus, hoch im winterlichen Wald sterben. Borkman hatte einst mit veruntreuten Geldern seiner Anleger die „Schätze der Erde heben“, das „Gold in der Tiefe zum Leuchten“ bringen, Fabriken aus dem Boden stampfen, die Wirtschaftsmacht übers ganze Land haben wollen. Wofür er Ella, die Frau, die er liebte, an seinen Geschäfts- und Betrugspartner, der auf sie scharf war, verscherbelte. Weil Ella sich dem Widerling aber nicht ergeben wollte, ließ der Ko-Gauner seinen Partner Borkman hochgehen, der Gunhild, die ungeliebte Schwester der Verratenen und Verkauften geheiratet hatte. Fünf Jahre saß er im Gefängnis, acht Jahre tappte er in freiwilligem Stubenarrest über Gunhilds Kopf auf dem Dachboden auf und ab.

          Ein schwesterliches Bewährungslichtlein

          Jetzt, in Schnee und Eis, spricht Borkman von der „Eishand“, die nach seinem Herzen greife. Ella ist bei ihm. Gunhild kommt nach. Und die beiden, jede von Borkman um ein Leben und eine Liebe betrogen, reichen sich die Hand: „Wir zwei Schatten - über dem toten Mann.“ Der Dramatiker gewährt den Frauen einen versöhnlichen Schluss, den Mann schickt er ins Nichts. Das sieht und hört man in Frankfurt nicht. Wenn der schwarze Vorhang wieder hochgeht, ist der Salon durch eine mondartige Landschaft aus Eis- und Gletscherhügeln ersetzt. Man spürt Luft wie von anderen Planeten, Erdabgewandtes. Die drei seltsamen Leute aus dem Salon haben sich in noch seltsamere Wesen verwandelt, in merkwürdige Insekten, die wie Ella und Gunhild rücklings auf Eisbrocken liegen und letzte matte Bewegungen wagen, während Borkman zu versuchen scheint, irgendetwas vom Boden aufzuheben, aber der Schwerkraft erliegt. Sich freilich immer wieder hochrafft. Alle drei stumm, in unendlicher, klavierbegleiteter Bewegung: Überlebensgezwungene, Gefriergefrostete in der Hölle des Eises und der Finsternis. In einem letzten albtraumverlorenen Tanz. Dies ist aber den Figuren nicht aufgezwungen. Es kommt aus ihrem Inneren. Ihrer Wahrheit. Die Regie enthüllt gnadenlos, was der Dramatiker gnädig verhüllt.

          Ibsen, der Richter und Schuldspruch-Sachverständige, steckt im Prozess, den er seinen Figuren macht, den Frauen ein kleines schwesterliches Bewährungslichtlein an. Als seien sie die besseren Menschen. Andrea Breth, die Kerne-Entblößerin und Figuren-Ausgräberin, bläst Ibsens Lichtlein aus. Denn dessen Docht hat keine Nahrung.

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