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John Eliot Gardiner im Gespräch : Man muss Not spüren, Werke neu zu deuten

  • Aktualisiert am

Gardiner hat die Musik von vielen alten Zöpfen befreit Bild:

Als Vorkämpfer der historischen Aufführungspraxis hat er die Interpretation klassischer Musik verändert. Doch zwischen Bach und Brahms ist für John Eliot Gardiner noch längst nicht alles gesagt.

          5 Min.

          Sir John, Sie haben vor kurzem zur Eröffnung der Köthener Bachwoche die Johannes-Passion mit Ihren English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir dirigiert. Bach selbst hat von 1717 bis 1723 in Köthen gelebt. Fühlt man sich hier als Interpret näher an den Wurzeln dieser Musik als etwa in Köln oder New York?

          Wir musizieren regelmäßig auch in Eisenach, Weimar und Leipzig, den anderen wichtigen Wirkungsstätten Bachs. Und natürlich gibt es so etwas wie den Genius Loci - man spürt seinen Geist hier noch immer, keine Frage. In der Köthener Jakobskirche hat Bach etliche Werke für seinen damaligen Schirmherrn Leopold von Anhalt-Köthen aufgeführt und sehr wahrscheinlich auch die Johannes-Passion konzipiert. Das ist für uns als Interpreten schon sehr berührend.

          Sie haben mit Ihrer Archiv-Einspielung von 1986 einen Meilenstein in der historischen Aufführungspraxis dieses Werks geschaffen. Wie hat sich Ihr Blick auf die Johannes-Passion in den zwei Jahrzehnten seither verändert?

          Es ist ein unglaublich radikales und kontroverses Stück. Man kann nur spekulieren, wie das damals auf die Menschen gewirkt haben muss: wie eine Bombe. Ich sehe das Werk heute noch dramatischer, auch theatralischer als früher. Die Passionen sind für mich ein fester Bestandteil der Kantatenjahrgänge, und wenn man sich so viel mit der Musik dieser Kleinodien beschäftigt wie wir, verändert das auch die Sicht auf die Passionen. Für mich gibt es eine Art von geistlichem Musikdrama - jenseits der Oper -, das mit der Johannes-Passion einen Höhepunkt erreicht. Gerade der Vergleich mit den Passionen von Bachs Zeitgenossen wie Keiser, Kuhnau, Stölzel oder Telemann zeigt, welche menschlichen und spirituellen Dimensionen dieses Werk hat. Das ist von einer fast antiken Größe, wie Euripides oder Sophokles. Man hat unglaublich lebendige Charaktere, mit denen wir uns noch heute identifizieren können - nehmen Sie die Darstellung des verzweifelten Petrus oder auch von Pontius Pilatus, der hier eine tragisch zerrissene Figur ist. Demgegenüber ist die Zeichnung von Christus ganz eigenartig: In der Matthäus-Passion trägt er so menschliche und emotionale Züge; hier hingegen schreitet er messianisch durch das Geschehen wie ein Gesandter, als „Christus victor“ im theologischen Sinne.

          Führt die kontinuierliche Beschäftigung mit großen Werken dazu, dass man die eigene Position als Interpret ständig neu finden muss? Wie stehen Sie selbst heute zu den zahlreichen Aufnahmen, die Sie in den vergangenen drei Jahrzehnten gemacht haben?

          Ich höre meine eigenen Aufnahmen eher selten - manchmal bin ich selbst überrascht, wenn im Radio die Absage kommt: „... dirigiert von John Eliot Gardiner“. Denn eine Interpretation - auch eine CD-Einspielung - ist immer eine Momentaufnahme, wie ein Foto, das unter ganz bestimmten Bedingungen entsteht. Man muss als Künstler immer die Not spüren, ein Werk neu zu deuten.

          Wie viel ist heute noch von dem revolutionären Impetus geblieben, der die historische Aufführungspraxis in ihren Anfängen um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts getragen hat?

          Ich habe mich nie als Revolutionär, aber auch nicht als musikalischer Antiquar verstanden. Die historische Aufführungspraxis beruht ja auf einem Paradox: Sie will die Alte Musik für uns als etwas Gegenwärtiges und Zeitgenössisches erfahrbar machen, und zwar durch eine Rekonstruktion oder zumindest durch eine möglichst weitreichende Rückbesinnung auf die Epoche und Klangwelt des jeweiligen Komponisten. Die Auseinandersetzung um die richtige Sichtweise ist aber noch längst nicht entschieden, und sie ist auch nie endgültig zu entscheiden. Ich finde es zum Beispiel sehr schade, dass viele traditionelle Symphonieorchester heute offenbar Furcht davor haben, barocke und klassische Werke auf das Programm zu setzen - eben weil sie dieses Terrain mit den vielen Spezialensembles teilen müssen. Aber ich war immer Pluralist und meine, dass eine stilistische Vielfalt nur hilfreich sein kann.

          Gibt es trotzdem falsch oder richtig in der Interpretation?

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