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Adaption von Pina Bausch : Tänzer, die sich in Pfützen werfen

  • -Aktualisiert am

Johanna Wokalek und Jonathan Fredrickson in „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen“ Bild: Uwe Stratmann

Damals unerhört und provokant, heute nicht einmal museumsreif: Das Tanztheater Wuppertal verwässert eine frühe „Macbeth“-Adaption von Pina Bausch.

          Pina Bausch muss als Genie betrachtet werden, in dem Sinn, dass sie so furchtbar kritisch und skeptisch allen Möglichkeiten des Tanzes gegenüberstand, als sie zu choreographieren begann. Auf keinen Fall wollte diese wunderschöne und fabelhaft ausgebildete junge Künstlerin, dass Bewegungen auf der Bühne leer und ohne Bedeutung wären, dass sie ausgeführt würden um der bloßen Schönheit halber, um zu gefallen, oder zur Demonstration von Virtuosität als Repräsentation von Macht.

          Als Pina Bausch 1978 ihre Version von Shakespeare’s „Macbeth“ auf Einladung Peter Zadeks im Schauspielhaus Bochum herausbrachte, war sie kein Geheimtipp mehr, aber auch noch kein Mythos so wie heute. Sie leitete seit 1973 die Tanzsparte an den Bühnen der Stadt Wuppertal, hatte aus einem Ballettensemble ein Tanztheater gemacht und suchte für sich und ihre erfahrungshungrigen Tänzer nach erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten in einem radikal anderen Begriffsfeld von Tanz. Wie weit dieser Prozess nach fünf Jahren Arbeit dann gediehen war, lässt sich jetzt einer Überprüfung aus wenn auch kurzer, so doch historischer Distanz unterziehen.

          Das Stück von damals, genannt „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen. Ein Stück von Pina Bausch“, ist seit Freitagabend, zum ersten Mal seit 29 Jahren, im Barmer Opernhaus wieder zu entdecken. Nicht nur wollte Bausch, dass ihre Tänzer auf der Bühne auch sprechen, singen und spielen, kurz, dass sie alle darstellerischen Fähigkeiten entwickeln und ausstellen, sie wollte, dass sie rennen anstatt mit Grand Jêtés über die Bühne zu fliegen, dass sie gehen anstatt zu schreiten und den gestreckten Fuß dabei mit der Spitze zuerst aufzusetzen. Anzüge und Abendkleider verdeutlichten, dass es sich nicht um Schwanenprinzessinnen oder Naturgeister handelte, sondern um Menschen, wie sie täglich die Schwebebahn benutzen, Menschen mit Macken, Obsessionen, Peinlichkeiten, Beziehungsproblemen, Süchten, also kurz, alles unterhalb der Tragödie.

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          Kein Wunder also, dass der „Macbeth“, eine der wenigen Vorlagen, deren sich die Wirtstochter Philippine als Regisseurin annahm, auch nicht nach Schloss aussieht, sondern wie eine abgerockte Kneipe: ein vom Bühnenbildner ausgekippter Haufen Sperrmüllmöbel in einem riesigen Raum mit überdimensionierten Fenstern, vor denen die Darsteller aussehen wie Alice nach dem Genuss des Verkleinerungstrunks. Man könnte sogar an den Tränensee denken, den Alice weint, weil sie zu groß ist, um durch die Türen zu passen – Bauschs Ausstatter Rolf Borzik entwarf ihn als Riesenpfütze an der Rampe, die durch das aus einem roten Schlauch auf den roten Teppich fließende Wasser entsteht. Die erste Sitzreihe bleibt leer und ist mit Plastikfolie bedeckt, weil die Darsteller immer wieder in diesen See waten, durch ihn hindurchrennen oder sich in ihn hineinschmeißen. Diese wie von C&A eingekleideten „Macbeth“-Herumtober knallen wie mordlustige Schlafwandler durch die Billig-Szenerie – und zwar todernst. Lachen kann man genau einmal in den dreieinhalb sehr lang werdenden Stunden der Inszenierung, bloß an die Stelle kann man sich hinterher nicht erinnern. Vielleicht ist es der gefühlte dreiundzwanzig Mal wiederholte Moment, in dem Johanna Wokalek als Lady Macbeth mit dem clownsartig obsessiv übermalten Mund ihren Erläuterungen des Plots ein hübsches, mehr gehauchtes als geplopptes „P“ hinterherschickt, als hätte sie Einzelbuchstaben-Tourette.

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