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Johan Simons wird Intendant : Mythos Bochum

Er hat noch miterlebt, welche Bedeutung dem Theater in Bochum einmal zukam: Johan Simons nach Abschluss der Ruhrtriennale im September. Bild: dpa

Eine Stadt in der Strukturkrise, ein unterfinanziertes Schauspielhaus, eine Kulturpolitik ohne Weitblick: Warum tut sich Johan Simons das an und wird Intendant in Bochum? Der Stadt freilich hätte nichts Besseres passieren können.

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          Es war Liebe auf den zweiten Blick, die Johan Simons verführt hat, in Bochum Intendant zu werden. „Ich war gerade im Schauspielhaus und dem Saal da, das ist ein Traum, das ist wirklich ein Traum. Ich war früher da, bin da viel gewesen, weil ich war auf die Schauspielschule und da gingen wir nach Bochum, weil damals war Zadek und Peymann hier“, schwärmte er in seinem holprigen Deutsch am Freitagabend im WDR: „Und dann sah ich den Saal wieder und dachte Woauhh!“ Klang nicht wie eine der üblichen Anbiederungsadressen, sondern nach echter, vitaler Begeisterung.

          Ja, so muss es sein, denn warum sonst hätte Simons, der, wenn er 2018 in Bochum anfängt, 72 Jahre alt sein wird, sich das antun sollen? In eine Stadt zu gehen, die schon lange und noch lange in der Strukturkrise schmort, deren Schauspielhaus unterfinanziert ist und deren Kulturpolitik nicht mehr den Weitblick und das Selbstbewusstsein an den Tag legt wie damals, als Zadek und Peymann hier Theatergeschichte schrieben.

          Sicher hat auch die geographische Nähe zu seiner niederländischen Heimat – Simons wohnt am Rhein, wo er Waal heißt – eine wichtige Rolle gespielt, und wer ihn darauf anspricht, dem antwortet er schelmisch: „Ja, natürlich, aber das würde ich niemals zugeben.“ Doch auch Gent und Rotterdam lockten, als Regisseur, der international gefragt ist, hätte es sich Simons komfortabler einrichten können. Für Bochum sprachen offenbar mindestens zwei gute Gründe: Einmal Simons’ Erinnerung an jene Ära, als die Stadt noch grau und dennoch Theatermetropole war, und zum anderen seine Affinität zum Ruhrgebiet, die seit Gründung der Ruhrtriennale, die er noch bis 2017 leitet, gewachsen ist und ihn, von „Milch und Kohle“ 2003 bis „Accattone“ und „Rheingold“ 2015, zu herausragenden Inszenierungen angefeuert hat.

          Nach Pasolini: Szene aus Johan Simons’ „Accatone“ bei der Ruhrtriennale 2015

          Der Stadt hätte nichts Besseres passieren können: Da kommt einer, der nicht nur weiß, sondern noch gesehen und miterlebt hat, welche Bedeutung dem Theater hier einmal zukam. Und der das Format und das Selbstbewusstsein mitbringt, daraus seine künstlerischen Maßstäbe abzuleiten. Zwar begleiten sein Engagement auch Fragezeichen - das Kooperationskonstrukt mit Gent und Rotterdam darf Bochum nicht in seiner Unverwechselbarkeit gefährden -, aber dass Simons erst 2018 anfängt und dem Theater 2017/18 eine Interimsspielzeit zumutet, ist der zögerlichen Kulturpolitik anzulasten. Doch in ihrem Bekenntnis enthält die Entscheidung das Versprechen, dass das Schauspielhaus nach vielen Jahren des Ordentlichen und Achtenswerten wieder anknüpfen wird an seine große Zeit des Außerordentlichen und Beachtenswerten. Simons rührt an den Mythos Bochum.

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          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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