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Wiener Burgtheater : Burnout der Kleinbürger

  • -Aktualisiert am

Liebessehnsüchte in einer wackligen Welt: Sarah Viktoria Frick und Felix Rech (rechts) Bild: Matthias Horn

Johan Simons inszeniert Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Wiener Burgtheater radikal zeitgenössisch als wutbürgerliche Farce.

          3 Min.

          Ich schaffe es nicht mehr“ – dieser leitmotivische Satz entschlüpft fast allen Figuren in Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ irgendwann einmal. „Müd und gehetzt“ fühlen sich die Kleinbürger in ihrer „stillen Straße im achten Bezirk“, und wäre da nicht von Zeit zu Zeit ein Verweis auf den verlorenen Ersten Weltkrieg – man könnte meinen, den geplagten Seelen der abstiegsbedrohten Mittelschichten der Gegenwart zu lauschen.

          Was Pandemie und Amazon dem Einzelhändler unserer Tage, sind die Wirtschaftskrisen und Warenhäuser der zwanziger Jahre Horváths Zauberkönig (Oliver Nägele) und seinem vom Verschwinden bedrohten Scherzartikelladen. Da passt es umso besser, dass der Metzger Oskar (Nicholas Ofczarek) dessen Tochter Marianne (Sarah Viktoria Frick) zur Frau nehmen will, denn „rauchen und fressen werden die Leute immer“. Die aber hat ganz anderes im Sinn als den groben Schlachter und lässt sich mit dem Zocker Alfred (Felix Rech) ein, der ihr sogleich ein Kind macht, das sie – nach gescheitertem Abtreibungsversuch – dann auch gebärt. Die Ächtung durch ihr bigottes Herkunftsmilieu ist ihr sicher.

          „Alles wackelt, nichts steht mehr fest“

          „Alles wackelt, nichts steht mehr fest“, fasst der Zauberkönig die Weltwahrnehmung der kleinen Leute zusammen, die in Johan Simons’ dreistündiger Inszenierung am Wiener Burgtheater auf Johannes Schütz’ beständig rotierender Bühne mit der schwankenden Tektonik der Moderne kämpfen. Was Horváths Stück so radikal zeitgenössisch macht, ist die Darstellung des auch von der Gegenwartssoziologie hinlänglich belegten Zusammenhangs zwischen sozialer Desintegrationserfahrung und den daraus entwachsenden „Entzivilisierungen“: Die Figuren bewegen sich in ihren Abstiegsängsten konstant zwischen emotional kalter Verpanzerung und ungezügelten Wut- und Gewaltausbrüchen. Dieses Schwanken zwischen Selbstdisziplinierung und der Lust an der gegenseitigen Erniedrigung kommt, wie so häufig bei Simons, im ungemein körperlichen Spiel seines durchweg überzeugenden Ensembles zur Geltung: Allen scheint der eigene Leib zu klein, Gesten brechen ab oder werden nur als Grimassen sichtbar, dann wieder wird verzweifelt gerangelt, gerannt und gekugelt. Zu alldem mischt sich im Hintergrund verstörtes Schweinegrunzen mit dem Schreien des Babys zu einer der Szenerie gemäßen Kakophonie des Kreatürlichen.

          Nähe und Ferne: Szene aus der Horvath-Aufführung.
          Nähe und Ferne: Szene aus der Horvath-Aufführung. : Bild: Matthias Horn

          Sprachlich wiederum schlägt sich das in einem Sound nieder, der aus den digitalen Kommentarspalten unserer Tage merkwürdig vertraut klingt in seiner Melange aus groben Beleidigungen und esoterischen Kalendersprüchen. Es ist der Jargon einer auch heute wiederkehrenden „rohen Bürgerlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer), die schon bei Horváth ihre Verlustängste bei Blutwurst, Schweinsnieren und Schnaps mit Lobreden auf die Gesellschaft als Schauplatz des Kampfes aller gegen alle zu überdecken versucht und sich doch nur verzweifelt nach einer Welt sehnt, in der alles (wieder) seine Ordnung hat. Dass in dieser mentalen Konfiguration der kleinen Leute zur Ansicht gelangt, was Adorno als Merkmale des autoritären Charakters beschrieben hat, entfaltet dann auch eine weit beklemmendere Wirkung als das plump geratene Gebrüll der wörtlichen Auszüge aus einem kraftmeierischen Manifest der Identitären Bewegung, wie sie der geifernde Proto-Nazi Erich (Jan Bülow) bei einem Varietébesuch zum Besten gibt. Überhaupt ist diese in grellem Soft-Porno-Stil inszenierte Episode die einzige wirklich gescheiterte Szene des Abends.

          Im Nachtclub verdingt sich Marianne aus Geldnot als Tänzerin, während draußen in der Wachau Alfreds Großmutter (Gertrud Roll) das uneheliche Kind sterben lässt, um ihrerseits die moralische Ordnung wiederherzustellen. Überhaupt nehmen sich die Geschlechter bei Horváth nichts in ihrer Verdorbenheit: Der hohle Wertediskurs des Zauberkönigs bewegt sich auf derselben moralischen Schwundstufe wie das bösartige Regime der sadistischen Großmutter.

          Am Ende muss sich auch die zu ihrem Metzger zurückbeorderte Marianne den Regeln ihres Milieus beugen, deren Brutalität das famose Duo Frick und Ofczarek in der Schlussszene noch einmal zur Anschauung bringt: Nach dem erzwungenen Überstülpen des Verlobungsrings vollziehen die zukünftigen Eheleute den finalen zehnminütigen und dem Stück seinen Titel gebenden Strauss-Walzer als gewaltsam-apathischen Ringkampf. An dessen Ende schleift der Schlachter Marianne wie ein endlich erlegtes Stück Vieh über die Bühne, ehe er selbst erschöpft zu Boden sinkt.

          In der Vergegenwärtigung der Gewalt und der Energien, die Menschen zur Erhaltung ihrer vom Zerfall bedrohten kleinen Welt zu investieren bereit sind, besteht die abgründige Aktualität von Horváths Stück. Es wäre Simons’ kraftvoller Inszenierung dieser Botschaft zu wünschen, dass sie trotz des von heute an auch die Türen der Wiener Theater wieder verschließenden Lockdowns im weiteren Verlauf der Spielzeit noch ebenso viel Gehör und Beifall findet wie an diesem Premierenabend.

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