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Theaterpremiere in Wien : Das Feuer ist in unseren Köpfen

Weit weg sind wir nicht von Dostojewskijs Tagen: Nicholas Ofczarek und Sarah Viktoria Frick in Johan Simons’ Wiener Adaption der „Dämonen“ Bild: Matthias Horn

Böses Gerede einer letzten Generation: Johan Simons adaptiert Dostojewskijs „Dämonen“ am Burgtheater als gewaltiges Konversationsstück mit einem hervorragenden Ensemble, aber vielen offenen Fragen.

          3 Min.

          Dostojewskijs „Dämonen“ heißen seit der Übersetzung von Swetlana Geier „Böse Geister“, was die Sache auch besser trifft. Denn der gut neunhundertseitige Roman aus dem Jahr 1873 handelt davon, wie eine Reihe sehr gut und sehr schlecht dahinlebender Russen einer Kleinstadt nahe St. Petersburgs von den Gedanken und fixen Ideen gequält werden, die sie über die Welt, Gott, Russland, den politischen Umsturz und die Liebe haben. Das gemeinsame Gefühl: Es kann nicht so weitergehen. Die gemeinsame Malaise: Niemand vermag zu sagen, wie es weitergehen könnte. Oder vermag eben nur ebenso unsinnige wie fanatische Vorschläge zu machen.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Genau formuliert haben die Leute also keine Gedanken, sondern die Gedanken haben sie, treiben sie herum, lassen sie starrsinnig und unempfindlich für ihre Mitmenschen werden, legen ihnen Gewalttaten nahe. Die bösen Geister sind religiöse Redensarten, politische Phrasen, vollmundige Ideale. Dostojewskij zeigt, wie aus dem haltlosen Gerede zuletzt verzweifelte Taten werden, weil schon im Geschwätz nur Verzweiflung steckte. Am Ende des Romans ist sein halbes Personal verhaftet, ermordet, hat sich aufgehängt oder aus Erschöpfung den Geist aufgegeben.

          Gewaltiges Konversationsstück

          Im Wiener Burgtheater ist das jetzt auf die Bühne gebracht worden. Weshalb der Gattungswechsel? Weil ihn Dostojewskij nahelegt. Die „Bösen Geister“ sind, wie „Verbrechen und Strafe“, ein gewaltiges Konversationsstück, es wird unablässig bei Tee, Wodka und Champagner räsoniert, geklagt, geschimpft. Der Form nach eigentlich ein Hörspiel, wer die Augen schließt, verpasst nicht viel. Regisseur Johan Simons musste darum angenehm wenig tun. Auf der Bühne, die Nadja Sofie Eller als eine riesige goldene Schachtel ohne Deckel entworfen hat, stehen ein paar Tische und Dutzende von Sitzgelegenheiten herum, von denen aus die Schauspieler aufeinander einreden. Mehr als dass die Stühle verschoben werden, geschieht kaum. Die vielen Szenenwechsel des Romans hat die dramatische Fassung, die Sebastian Huber hergestellt hat, gestrichen; das Ensemble ist zumeist vollständig auf der Bühne versammelt, wer gerade nichts zu sagen hat, lungert im Hintergrund herum.

          Das Stück beginnt als Komödie. Der erfolglose Schriftsteller Werchowenskij, der seine Faulheit mit Phrasen über politische Unterdrückung bemäntelt, soll verheiratet werden. Zu Beginn des Romans schüttet Dostojewskij über seine zugleich aufgeblasenen wie wehleidigen Posen Kübel von Spott aus. Auf der Bühne kommt er schon deshalb besser weg, weil ihn Oliver Nägele spielt, der ihm stets einen Rest Würde erhält. Nägele bereitet dadurch vor, dass Werchowjenskij am Ende des Stückes als einer wenigen dasteht, die nicht völlig durchgedreht sind. Seine berühmte Rede, Raffael und Shakespeare seien mehr wert als ein Paar Schuhe – 1873 hatten nicht alle welche - und mehr als jeder gesellschaftlicher Fortschritt, denn sie seien der Inbegriff des Menschseins, markiert die Konfliktlinie im Kampf um Gleichheit.

          Imposant, reglos und entkernt

          Dass der ältere Herr nun die junge Dascha heiraten soll, ist der Entschluss der resoluten, von Maria Happel sehr witzig gegebenen Vermögensbesitzerin Wawara Stawrogina. Sie hofft, das Mädchen dadurch ihrem Sohn Nikolaj zu entziehen, für den sie andere Pläne hat. Der, ein seelenloser Tyrann seiner Umgebung, ist das leere Zentrum des Stücks und Nikolaus Ofcarek spielt ihn genau so: imposant, reglos und entkernt. Minutenlang schildert er in einer beklemmenden Szene, die 1873 der russischen Zensur zum Opfer fiel, wie er einst eine Vierzehnjährige zunächst missbraucht hat und ihr danach beim Selbstmord zuschaute. Später heiratete Stawrogin, der Beau, aus einer Laune heraus die körperlich versehrte und geistig hyperventilierende Marja, die ihn seitdem begleitet. Sarah Viktoria Frick, die immer noch den rot bepunkteten Brautschleier trägt, gibt diese schwierige Rolle hoppelnd und zappelnd, plappernd und spöttelnd, als Irrlicht, das den Abend unheimlich beleuchtet: „Das Feuer ist in den Köpfen, nicht auf den Dächern“.

          Um diese schreckliche Komödie herum gruppiert sich die zündelnde Gruppe der Umstürzler, Gottsucher und Gottesleugner, eine letzte Generation, angeführt von Werchowenskijs hitzköpfigen und kaltherzigen Sohn Pjotr, den Jan Bülow böse, herablassend und intrigant spielt. Er hält fest, was es zu einer Revolution braucht: Uniformen und Ränge für ihre Betreiber, das Gefühl, an etwas Großem mitzuwirken, Gauner wie ihn, Chaos und Sündenböcke aus den eigenen Reihen. Den Sündenbock des Abends, Iwan Schatow, der sich in nationalreligiösen Phantasien ergeht, lässt die Regie in seltsamen Gangarten wie eine verlebendigte Schachfigur über die Bühne tanzen, ein Äquivalent zu der ständig grimassierenden und anlasslos lachenden Lisa Tuschina, die als Gattin des schon verheirateten Stawrogin vorgesehen war. Birgit Minichmayr spielt sie als Vamp, laut und mit Reitgerte, wofür es im Roman, in dem sie kaum Text hat, keinen Anhaltspunkt gibt, und spielt sich überhaupt aus dem Abend hinaus. Es wirkt so, als habe das dringende Bedürfnis nach einer revoltierenden Frau bestanden, auch wenn es bei Dostojewskij gar keine gibt.

          Nicht weit weg von uns

          Hat sich die Dramatisierung des Romans gelohnt? Als neuerliche Hinführung auf den Roman durchaus. Wir sehen eine Gesellschaft exaltierten Unglücks, ohne allerdings auf seine genaue Spur gesetzt zu werden. Dazu ist selbst bei vier Stunden Spieldauer nicht genug Zeit. Die komplizierten Verwicklungen unter den Personen zu erläutern, braucht selbst nach den erheblichen Strichen der Bühnenfassung zu viel von ihr auf. Die bösen Geister – Nation und Volk, Tyrannei und Kunstreligion, Gottesknechtschaft und Revolution - bleiben Schatten ihrer selbst. Im Roman bohrten sich die Ideen und Phrasen stärker in die Figuren hinein. Doch ohne den Eindruck, dass wir nicht weit weg sind von Dostojewskis Tagen, wird in Wien niemand das Theater verlassen haben.

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