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„Iwanow“ in Bochum : So ein Mensch löst keine Fragen, so ein Mensch bricht zusammen

  • -Aktualisiert am

Ein russischer Jedermann, der seinen Kopf verloren hat: Jens Harzer gibt in Bochum einen gefühlsvirtuosen Iwanow Bild: Monika Rittershaus

Strahlender Siegesbeweis für das poetische Theater: Jens Harzer triumphiert in Bochum als Tschechows düsterer Held in einer Inszenierung von Johan Simons.

          3 Min.

          Wenn man nur einen Abend hätte, um in diesem Jahr ins Theater zu gehen, dann müsste man nach Bochum fahren. Zum Iwanow, mit Jens Harzer. Denn eine solche Aufführung wird man so schnell nicht wieder sehen. So eine großzügige Inszenierung, so ein poetisches Spiel. Fast vier Stunden lang dauert dieser Theaterabend, aber das Ende kommt trotzdem viel zu früh. Hier will man einmal nicht wahrhaben, dass nun wieder das sogenannte echte Leben beginnen soll, zu schön, zu tief ist gewesen, was eben auf der Bühne zu sehen war. Zu fühlen vor allem auch.

          Johan Simons lässt das Saallicht während des Spiels angeschaltet, so dass seine Zuschauer sich mit anwesend wissen, in dem großen, unordentlichen Wartesaal, den Johannes Schütz hier als zeitlose Manege für Tschechows Familientragödie entworfen hat. Auf überdimensionalen Regalen an der Rückseite sitzen die Artistinnen und Künstler neben einer großen Kirchglocke und warten auf ihren Aufritt, gehen nie ab, sondern hören von dort stets konzentriert zu, was vorne gesagt wird. Lauter „traurige Nasen“ sind das, rastlos Ratlose, die in einer Zeit leben, in der das Eine noch nicht vollkommen geendet und das Andere noch nicht ganz begonnen hat.

          Entkräftet und nervös

          Nicht um Politik geht es hier, um die fast vollendete Auflösung des zaristischen Russlands und die schon angekündigte bolschewistische Revolution, sondern um das zerrissene Gemüt eines Menschen. Des fünfunddreißigjährigen Gutsbesitzers Iwanow nämlich, der zwischen gut und böse, krank und gesund schwebt, hin und her schwankt zwischen dem alten Leben als verantwortungsbewusster Ehemann einer todkranken Frau und der neuen Existenz als betrügerischer Gefühlsverbrecher und Liebhaber einer jungen Nachbarstocher. Hochverschuldet, von Schlaflosigkeit und Langeweile geplagt, fühlt er sich als ein „überflüssiger Mensch“, der einmal eine große Zukunft hatte und davon träumte, „sehr viel zu tun“, aber nun nervös und entkräftet zu nichts mehr in der Lage ist. Ein „vorzeitig erschöpfter Mensch“, wie Tschechow seinen Protagonisten einmal beschrieb, mit den „typisch russischen Zügen“ der übermäßigen Reizbarkeit, Schuldgefühlen und Verzweiflungsanfällen. Weder Liebe noch Mitleid empfindet er für seine Frau Anna Petrowna, im Gegenteil: sie, die vor fünf Jahren ihm zu Gefallen dem jüdischen Glauben abschwor und ihre Familie gegen sich aufbrachte, ist ihm inzwischen unerträglich geworden. Seine Nase juckt, sein Mund zittert, und wo andere von ihrer Seele sprechen, fühlt er nur Leere. Vom Unglück an die Wand gedrückt, schlägt er hin und wieder panisch um sich, verbreitet Chaos, verliert die Nerven, findet neuen Mut und wartet nachts voller Angst auf den nächsten Tag. „Menschen wie Iwanow“, so noch einmal Tschechow, „lösen keine Fragen, sie brechen unter der Last zusammen.“

          „Heißt das, noch einmal leben?“ Jens Harzer als Iwanow und die herausragende Gina Haller als Sascha. Im Hintergrund Veronika Nickl als ihre geizige Mutter.
          „Heißt das, noch einmal leben?“ Jens Harzer als Iwanow und die herausragende Gina Haller als Sascha. Im Hintergrund Veronika Nickl als ihre geizige Mutter. : Bild: Monika Rittershaus

          Jens Harzer, der Iffland-Ring-Träger und zurzeit wahrscheinlich sensibelste Schauspieler deutscher Sprache, spielt diesen verlorenen Schuldiger in all seinen Facetten. Virtuos gibt er ihm stets ein neues Gesicht, wechselt unberechenbar die Stimmung und den Ton, mitunter sogar innerhalb desselben Satzes, und gibt komödiantische Einlagen. Harzers Spiel ist ein Ereignis. Seine innere und äußere Beweglichkeit zieht ganz in ihren Bann, gerade weil er von einem ebenso phantastischen Ensemble umgeben ist. Zum besonderen Merkmal hat Harzer es sich gemacht, alle möglichen Körperteile miteinander zu verkreuzen, Arme und Beine krümmen sich umeinander. Wie einer, der droht in sich selbst hineinzustürzen, klammert er sich an seinen Stuhl, hält nur mit großer Anspannung eine ordentliche Stellung. Nach welcher Regel führt man sein Leben? Diese Frage schwebt hier über allen und jeden, die an ihrer Melancholie herumlaborieren und versuchen, einen Ausweg zu finden. Ob im Kartenspiel, im Zynismus, der Liebe oder dem Wodka: Simons lässt sein Ensemble in gelassener, verträumter Ruhe spielen, gewährt mutig Momente der Stille und dehnt die Zeit. So eng sich Tschechows Figuren innerlich fühlen, so viel Freiheit schenkt Simons ihnen, um einen äußeren Ausdruck dafür zu finden. Neben Bernd Rademachers jovial tragikomischen Lebedew macht sich das vor allem die herausragende Gina Haller in ihrer Rolle als Sascha zu Nutze. Kindlich quirlig tritt sie dem schwermütigen Iwanow entgegen, frech und aufmüpfig verführt sie ihn. Sein Leid reizt sie, die Vorstellung einen, den nichts mehr hält, halten zu können, ihn zu beschützen und ihm aufzuhelfen. Gemeinsam spielen die beiden ein hinreißendes Duett des Sichverliebens, tragen sich wechselseitig fort, küssen, schlagen, überrollen sich. Während die todkranke Ehefrau in der Tür steht und in den Abgrund schaut.

          „Heißt das, noch einmal leben?“ fragt Iwanow ungläubig, „die Müdigkeit vergessen, arbeiten, wegfahren, umarmen, Angst haben um einen anderen, nicht um sich selbst, um dich, um unsere Liebe. Noch mal von Anfang?“ Nein, dafür ist es zu spät. Dieser russische Jedermann hat abgewirtschaftet, ausgespielt, sich überhoben, zu viele überflüssige Gespräche geführt, zu wenige wirkliche Entscheidungen getroffen. Seine Frau stirbt, und er steckt Sascha mit seiner Beklemmung und seinem Weltekel an. Ihre Hochzeit sagt er im letzten Moment ab und nutzt dankbar eine Beleidigung des Leibarztes, um der Monotonie seines Unglücks für immer zu entkommen: das Stück, das Tschechow 1887 ursprünglich als Komödie aufführen ließ, endet seit 1889 als Tragödie. Und in Bochum mit einem sanften Gesang nach dem Pistolenschuss.

          Souveränes Kunstwerk

          Was hier zu sehen ist, braucht keine explizite Verortung. Es ist angesiedelt im magischen Zwischenreich der innerlichen Erfahrung, steht quer zu all den herkömmlichen Kritikerkategorien wie alt und neu, post und prä. Simons „Iwanow“ ist ein souveränes Kunstwerk. Eigenständig. Offenherzig. Ein großer Glücksfall. Und strahlender Siegesbeweis für das poetische Theater. Wenn man nur einen Abend hätte in diesem Jahr: nach Bochum, nach Bochum.

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