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Berliner Festival „Maerzmusik“ : Soll man liegen oder sitzen?

  • -Aktualisiert am

Jennifer Walshe, Time Time Time Bild: Pieter Kers

Beim Berliner Festival „Maerzmusik“ dauert es immer eine Weile, bis man begreift, worum es überhaupt geht, so elitär kommt es daher. Aber dank Jennifer Walshe wird dann doch alles klar.

          Gegen das Festival „Maerzmusik“ in Berlin sind andere Festivals nur Karnevalsveranstaltungen, die sich die Blöße kurzer Abende geben, überschaubarer Programme und geschlossener musikalischer Werke. Das jährlich stattfindende „Festival für Zeitfragen“, so der Untertitel der „Maerzmusik“, begreift sich dagegen als intellektuelles wie künstlerisches Ereignis, weswegen die Zugangsschwellen hoch und die Formate experimentell gehalten sind.

          Anders gesagt, dauert es immer eine Weile, bis man begreift, worum es der MaerzMusik überhaupt geht und in welcher Form die Kunsteindrücke wohl dieses Mal übermittelt werden. Soll man liegen oder sitzen? In Dunkelheit oder Helligkeit? Schaut man auf Fernseher, umgekippte Flügel oder doch nur eine Podiumsdiskussion? Die Sache wird nicht leichter dadurch, dass alle Verstehensbemühungen perfekte Englischkenntnisse erfordern.

          Konferenz für anglophone Experten

          Das Motto zum Beispiel, unter das der künstlerische Leiter Berno Odo Polzer das Festival in diesem Jahr gestellt hat, lautet zwar „Geschichte und Geschichtsschreibung“, aber das ist erstens ein großes Thema und zweitens spricht das mehr als 114-seitige Programmbuch, das sein Team zur Orientierung zusammengestellt hat, nichts als Englisch. Immerhin: Das internationale Publikum scheint dafür dankbar zu sein, wie überhaupt die Maerzmusik eher den Eindruck einer Konferenz für anglophone Experten aus Nah und Fern macht als den eines Festivals für alle und jeden. Übrigens mit direkter Linie in die DDR, gegründet wurde das „Internationale Fest für zeitgenössische Musik“ schließlich 1967 in Ost-Berlin, vor welchem Hintergrund man schon wieder über die Englischsprachigkeit und die Ausladung ganzer Generationen nachdenken dürfte, aber nun genug geschimpft, getadelt und geschurigelt und hinein ins Geschehen: Der erste Abend war mau.

          Áine O’Dwyer in „Time Time Time“ von Jennifer Walshe

          Der 1938 geborene Frederic Rzewski spielte am deckellosen Konzertflügel im Haus der Berliner Festspiele seine eigenen Variationen über „El pueblo unido jamás será vencido“ von 1975. Der je nach Wiedergabe bis zu anderthalbstündige Zyklus ist ein tönendes Palimpsest, in dem sich politische, kompositorische und performative Dimensionen überlagern. Hörbar wird das Protestlied gegen die Diktatur Pinochets, hörbar werden aber auch die Techniken der kompositorischen Avantgarde, Anspielungen an Chanson, Jazz und traditionellen Gesang, überdies ein immenses Spektrum manueller Anforderungen. Letzteres blieb in Berlin jedoch im Hintergrund, denn der aus Noten spielende Rzewski ging in Altersgelassenheit ans Werk, befeuchtete in aller Ruhe die Finger zum Umblättern und ließ sich nirgends zu Virtuosität zwingen. Welten lagen zwischen seiner Interpretation und solchen jüngeren Datums, in denen das Thema regelrecht durchgewalkt wird, um am Ende, dennoch unverzagt, wieder hervorzutreten.

          Auch die zweite Konzerthälfte war dem Klavier gewidmet, mit der 1980/81 entstandenen „Clepsydra“ („Wasseruhr“) des rumänischen Komponisten Horațiu Rădulescu, die unter der Leitung von Samuel Dunscombe und Ernst Surberg zum ersten Mal in der Originalfassung aufgeführt wurde und fast eine Stunde lang das Prinzip einer „spektralen Heterophonie“ (Rădulescu) vergegenwärtigte. Lange hatte es für Carlos Sandoval gedauert, die acht Flügel und Klaviere herzurichten, die nicht über die Tasten, sondern ihre offen liegenden Saiten bespielt wurden, nicht direkt, sondern mit Bogenhaaren, Angelschnüren oder Nylonfäden.

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