https://www.faz.net/-gqz-7na9g

Jelineks „Rhein Gold“ in Berlin : Entweder die Frau kommt, oder sie kommt nicht

Herrlichste Maid! Brünnhilde (Rebecca Team) in der Baugrube Bild: Arno Declair

Der Regisseur Nicolas Stemann bringt in Berlin zum zweiten Mal Elfriede Jelineks „Rein Gold“-Essay auf die Bühne. Entlockt die Originalwagnermusik dem Text mehr Sinn?

          Den Unterhaltungswert von Elfriede Jelinek hat die geniale Puppenbildnerin Suse Wächter schon vor Jahren erkannt, als sie eine Superpuppe mit Jelinek-Konterfei bastelte und damit in die Talkshow von Helge Schneider ging. Schneider fragte damals die Puppen-Elfriede: „Darf ich dich mal anfassen?“, und sie antwortete: „Helge, du brauchst nicht zu fragen. Das ist ein offenes Geheimnis: Niemals Frauen fragen, ob Mann mal anfassen darf.“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Später hat Elfriede Jelinek selbst, gewissermaßen als Kommentar zum internationalen Frauentag, einen daraufgelegt: „Ich kann das nicht mehr hören, eine selbständige Frau, ich kann das nicht mehr hören. Ich kann nichts mehr hören, in dem Frau vorkommt. Entweder die Frau kommt, oder sie kommt nicht.“

          Diesen Höhepunkt gönnt Jelinek der Brünnhilde in ihrem Bühnen-Essay „Rein Gold“ nach Wagners „Ring des Nibelungen“. Und obwohl ein Essay kein Drama ist, hat der Regisseur Nicolas Stemann das jetzt schon zum zweiten Mal auf die Bühne gebracht. Zuerst geschah dies in München, als improvisierte szenische Lesung, bei der nach gut sechs Stunden von den mehr als tausend Zuhörern noch sechzig übrig waren.

          Dieser Ring könnte auch bei RTL laufen

          Jetzt, in der Berliner Staatsoper im Schillertheater, wurde daraus eine Opernparaphrase. Stemann ließ sich dazu die Musik Wagners von dem Komponisten David Robert Coleman zu Brühwürfeln verdichten, welche Markus Poschner mit der Staatskapelle heiß aufgoss.

          Das dauerte, alles zusammen, nur hundertfünfundsechzig Minuten. „Meine Methode ist ja, das Hohe ins Niedrige runterzuziehen“, erklärt Jelinek im Programmheft-Interview. Und so bringt sie die Situation des Wagner-Wotans, der seine Burg Walhall mit geklautem Gold finanziert hat, auf den Konversationston von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.

          Folgenden Passus hört man gleich mehrmals am Abend: „Also: Papa hat sich diese Burg bauen lassen, und jetzt kann er den Kredit nicht zurückzahlen. Eine Situation wie in jeder zweiten Familie. Die Dings, die Fricka, Gattin (das ist aber auch schon alles, was sie ist), macht Papa Vorwürfe wegen dem Kredit. Die Stimmung im Schloss unerträglich. Papa sagt: Du wolltest doch das neue Haus! Mama sagt: Ich habe dich vorher gefragt, du hast gesagt, du willst es auch. Irgendwo müssen wir ja wohnen. Ich muss zugeben, ich war auch froh, dass du dann nicht so oft aushäusig sein würdest. Fehler: Wir hatten die Opfer nicht bedacht, die uns das kosten würde.“

          Rheintöchter als Partygirls

          Stemann hat Jelineks Text auf die Schauspieler Philipp Hauß, Katharina Lorenz und Sebastian Rudolph verteilt. Man sollte sie „Schauleser“ nennen. Sie kleben am Manuskript und dürfen sich allenfalls in einer Selbstverstümmelungsorgie oder beim finalen Fahrradfahren körperlich betätigen.

          Dazwischen singen Narine Yeghiyan, Katharina Kammerloher und Annika Schlicht die Rheintöchter als playboytaugliche Partygirls. Jürgen Linn als stimmlich angenehmer Wotan gibt eine Parodie auf den Wagner-Gesang, indem er einen Ausschnitt aus der zweiten „Rheingold“-Szene ohne Konsonanten singt.

          Und Rebecca Teem als gewitzte Brünnhilde benutzt die Erweckungsszene durch Siegfried, um Philipp Hauß zum Singen zu verführen; der ist aber natürlich kein Wagner-Tenor.

          Bescheidwisser können sich hier also amüsieren wie Pennäler bei der Feuerzangenbowle. Besonders schön die Pointe des Bühnenbildes von Katrin Nottrodt: Sie verwandelt das Schillertheater in die Baustelle des Hauses Unter den Linden, dessen Sanierung sich um Jahre verzögert, wobei deren Kosten mittlerweile von 240 Millionen auf 300 Millionen Euro gestiegen sind. Damit wird Kulturpolitik zum Bühnenereignis, und die Frage von Schulden und Schuld zu einer der Kunst.

          Die Gedanken rauschen wie Autos auf dem Nürburgring

          Jelinek surft in ihrem Text zwischen Richard Wagner und Karl Marx hin und her. Sie entwirft dabei – als sprachlich virtuose Kompetenzsimulantin – die Geschichte einer Emanzipation des Geldes von der Ware und vom Menschen. Und sie präpariert mit aller Drastik heraus, wie Wagners revolutionäre Impulse in den Verstrickungen des „Rings“ ersticken, bis nur noch die globale Selbstvernichtung Erlösung bringen kann.

          Neu ist das alles nicht. Und Stemann überträgt dies auf den Kapitalismus der Gegenwart und auf die politische Wirkungslosigkeit des Theaters, das seinen eigenen Utopieverlust immer schon mitreflektiert.

          So steigert sich der Abend in einen Theorierausch der Ausweglosigkeit. Man will immer schon schneller gedacht haben als die anderen – eine Rallye der Durchblicker, die letztlich im Kreis fahren. Aus dem „Ring des Nibelungen“ wird der Nürburgring.

          Musik als Diskurspuffer

          Und was soll die Musik dabei? Ihr kommt so viel Bedeutung zu wie in den „Informationen am Morgen“ im Deutschlandfunk. Sie ist Diskurspuffer, Stoßdämpfer zwischen Redebeiträgen, Füllmaterial zwischen den Debattentexten, also Kunst minderer Relevanz. Ebendas, was ein Theaterregisseur mit ihr anfangen kann.

          Wie hört Elfriede Jelinek, immerhin ausgebildete Organistin, die Musik von Wagner? Im Interview sagt sie: „Ich schmeiße mich hinein wie ein Schwein in die Suhle. Lustvoll.“ Man sieht sie nach diesem Abend lebhaft vor sich: Borsten-Frieda in der Wagner-Pampe. Was soll die Stimme der Kritik dazu noch sagen? Oi, oi, oi, oi!

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Rettet die Nische!

          Bücher-Krise in Brasilien : Rettet die Nische!

          Viele brasilianische Verlage und Buchhandlungen sehen sich durch rückläufige Leserzahlen in ihrer Existenz bedroht. Ist damit der freie Austausch von Ideen in Gefahr, den das Land so sehr benötigt?

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Carsten Knop

          FAZ.NET-Sprinter : Europa in Wettlaune

          Deal oder No-Deal? London versinkt im Chaos – und wer auf ein zweites Brexit-Referendum tippt, könnte durchaus richtig liegen. Deutlich klarer sind dagegen die Beschlüsse aus Kattowitz. Was sonst wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.