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Jelinek-Uraufführung in Essen : Antworten auf ungestellte Fragen

  • -Aktualisiert am

Eurydike auf dem Kleiderberg: Johanna Wokalek in der Essener Uraufführung von Elfriede Jelineks „Schatten“-Monolog Bild: dapd

Erst Musik, dann Geplapper: In Essen wurde Elfriede Jelineks Eurydike-Monolog „Schatten“ uraufgeführt. Schattenhaft blieb so manches am Text und am Konzept der Inszenierung.

          Und was ist, wenn Eurydike gar nicht zurückwill? Wenn sie sich im Hades wohl fühlt? So ganz ohne ihren Körper, den immer die falschen Kleider bedeckten, weil die innere und die äußere Haut nie zusammengepasst haben. Weil sie es nicht war, die mit den Skinny Jeans und den High Heels auffallen wollte, sondern er, der Spender des ganzen Plunders? Weil sie nun zu sich selbst gekommen ist? Im Totenreich zum Schatten wurde, der sie neben dem großen Sänger mit der Leier, äh, dem Mega-Star mit dem Sennheiser-Mikrofon eigentlich immer schon war. Weil sie die Konkurrenz der kreischenden Groupies nicht mehr zu fürchten hat?

          Ein Schatten muss nichts fürchten, er muss gar nichts mehr, denn er ist nichts mehr - die Vorteile des Schattendaseins. Warum will Orpheus seine Eurydike überhaupt zurückhaben? Weil er alle haben muss? Für sein Ego? Weil er mit jedem Koitus in den Mutterleib zurückwill? Er will sie doch gar nicht erlösen, sondern sich. Sie leidet ja nicht unter Entzugserscheinungen. Er ist es, der leidet. Ihr fehlt bloß ihr ganzes Leben, aber er fühlt sich als der Beraubte. Er muss sich zwanghaft darstellen, in den anderen spiegeln, sich gar entblößen. Muss sich noch den blödesten Hund, den bissigsten Türsteher vor der Underground-Edeldisco „Shadow on the wall“ gefügig machen. Er ist abhängig. Von der Macht seines Gesangs. Von öffentlich bezeugtem Ruhm. Nicht sie, Eurydike. Sondern er. Orpheus!

          Falsche Frauenfragen zum richtigen Zeitpunkt

          Von Zeit zu Zeit lohnt es sich, Fragen aufzuwerfen, die niemand so gestellt hat. Vor allem Männer nicht. Das ist oft das herbe Geschäft von Elfriede Jelinek: mit falschen Frauenfragen zum richtigen Zeitpunkt überraschende Frauenantworten zu erhalten. Johanna Wokalek, Uli Edels grandiose Gudrun-Ensslin-Darstellerin, sitzt jetzt - hochschwanger im realen Leben und hochschwanger im Kopf aus der fiktiven Welt der Jelinek - auf einem Kleiderberg, den ihr der Hamburger Regisseur und Ausstatter Peter Schmidt vor einer Leinwandprojektion auf der sonst kahlen Bühne der Essener Philharmonie bewusst achtlos aufgetürmt hat, und plappert eine ganze Stunde pausenlos vor sich hin. Kauderwelscht sich etwas zwischen Sigmund Freud und Ovids Metamorphosen, zwischen Totem und Tabu, Mythos und Alltag, nein: nicht als Gegenentwurf zum antiken Orpheus-Stoff zurecht, den wir doch so gründlich verinnerlicht haben.

          Gegenentwurf ist die schicke Diskursvariante zum gesunden Menschenverstand. Das käme der Jelinek mit ihren monströsen Spracheintöpfen und einem untrüglichen Gespür für Pathos, das fast immer schiefliegt, nie in den Sinn. Ihr Eurydike-Monolog „Schatten“, eigens für Essen geschrieben und von Johanna Wokalek auf vertretbares Aufführungsmaß gekürzt, ist die phantastisch-chaotische Auswalzung einer klugen psychiatrischen Quintessenz: Vergessen Sie nie, dass beim gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft die Patienten recht haben und die Psychiater schiefliegen.

          Haben wir beim Sängermythos nicht etwas vergessen?

          Im Wortschwall und in den virtuos präzisen Gesten der bewunderungswürdig textsicheren Johanna Wokalek kann man viele kluge Jelinek-Sätze heraushören, kurios verschachtelte Gedankengänge, skurrile Geistesblitze und aberwitzige Sprachbilder, die zwar auch zu nichts führen, aber so ganz nebenher wenigstens das Nichts des sozialen Selbstverständnisses aufdecken. Ja, was wissen wir eigentlich, was für Gedanken Eurydike in der Unterwelt so durch die nicht mehr vorhandenen Hirnwindungen rauschen?

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