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Jelinek-Uraufführung „Der Würgeengel“ : Fünfzehn treffen, fünfe äffen

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G'wissensflittchen: Katja Bürkle in der Münchner Uraufführung Bild: ddp

Wie dramatisiert man den erschütternden Rechnitz-Fall aus dem März 1945, wie bringt man ihn auf die Bühne? Elfriede Jelinek hat in „Der Würgeengel“ eine Historienparty im Fitness-Studio des Verdrängens daraus gemacht. Und Jossi Wieler hat es geschmackvoll umgesetzt.

          Die Boten sind jetzt überflüssig. Sie haben ihre Botschaften längst in Dokumentarfilmen, wissenschaftlichen Abhandlungen, Büchern und Artikeln verkündet (unter anderem in der F.A.Z.: Rechnitz-Massaker: Die Köchin sah die Mörder tanzen). Die Akten- und Faktenlage ist schaurig klar. In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 veranstaltete Margit Gräfin Batthyány, geborene Thyssen, auf ihrem Schloss im burgenländischen Rechnitz einen alkoholseligen Kameradschaftsabend, zu dem HJ-Führer, örtliche NSDAP und SS-Größen geladen waren. Die vorrückende Rote Armee stand bereits fünfzehn Kilometer vor dem Dorf. Gegen dreiundzwanzig Uhr bat Franz Podezin, Ortsgruppenleiter der NSDAP, einen Teil der Gäste nach draußen, verteilte Waffen und lud dazu ein, einhundertachtzig jüdische ungarische Zwangsarbeiter, die zum Bau des sogenannten „Südostwalls“ abkommandiert waren, zu erschießen.

          Ob die Gräfin Batthyány, die später bei Bad Homburg Pferde züchtete, nachdem sie Ende März 1945 aus Rechnitz in die Schweiz geflohen war, mitgeschossen oder nur zugeschaut hat, lässt sich nicht beweisen. Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee wurden die Toten ausgegraben, man führte Prozesse, die wenig ergaben, erstellte einen Lageplan der Gräber. Zwei Tat- und Prozesszeugen, darunter ein SA-Mann, wurden von Unbekannten erschossen, der Lageplan verschwand. Herr Podezin wurde nie gefasst. Das Dorf Rechnitz wollte – wie das ganze Land – späterhin vom Massaker in seinen Mauern nichts mehr wissen. Bis, wie gesagt, die wissenschaftlichen und dokumentarfilmerischen und journalistischen Boten Kunde von all dem taten. Von dem nun alle wissen. Es ist längst in der Welt.

          Wir sind‘s nicht gewesen

          Aber jetzt sind die rechnitzkündenden Boten schon wieder da. Fünf an der Zahl, zwei Damen, drei Herren. Sie tragen Abendkleidung, treten aus elf engen, drehbaren, hohen Holztüren, die auf der Bühne der Münchner Kammerspiele eine Mischung aus Salon, Jagdzimmer (mit Zwölfender-Geweih an der Wandecke droben) und Horchstudio (mit roten Klappsesseln an jeder Holztür samt Kopfhörer drüber) begrenzen.

          Das Ganze könnte auch in einem Hinterzimmerschlupfwinkel des Restaurants „Zur Wolfsschlucht” spielen

          Es könnte sich im Bühnenbild von Anja Rabes auch um den Hinterzimmerschlupfwinkel eines Restaurants „Zur Wolfsschlucht“ handeln. Denn unaufhörlich und in diversen Verfremdungen erklingt die süßleidige Horn-Sexten-Stelle aus der „Freischütz“-Ouvertüre, zu der die fünf sanft twisten und swingen, oder auch schon mal recht anzüglich die Jägerchor-Musik (Menschenjagd!), wenn Rechnitz-Gewehre aus dem Wandschrank fallen, mit denen die fünf hier aber eher nebenher hantieren und sogar ganz slapsticklustig über sie stolpern. Es müssen damals, in Rechnitz, wie im „Freischütz“, offenbar Teufelszauberkugeln gewesen sein, von fremddiabolischer Hand gelenkt, die in die Körper der Juden fuhren, abgegeben aus fünfzehn Gewehrläufen. Diese fünf hier äffen nur: Sie schießen allenfalls mit Worten. Lächelnd in die Luft.

          Die Damen lüpfen die Röcke, unter denen die Hände der Herren leichthin rutschen. Man ist sanft obszön, mampft mal Eier, mal Hühnchen, liegt in Unterwäsche locker herum, zieht sich Pelzmäntel über, schleckt an Schokotorten, ist schon irgendwie auch kultiviert und hält sich den ganzen historischen Schrecken mit Finten und Finessen vom Leibe: Wir sind‘s nicht gewesen. Wir sind nicht schuld. Fünf selig lustige Kulturspießer. Operngenießer. Österreichische Deutschromantiker mit bestem Gewissen. Boten, die alles gesehen und miterlebt, aber nichts begriffen haben außer, dass man, nehmt alles nur in allem, die ollen Schreckenskamellen doch in Ruhe lassen soll, dass die „Opfergeilheit“ und der „Sündenstolz“ und die Gier nach „Buß und Reu“ der Nachgeborenen lächerlich sei. Geplapper auf einer Historienparty im Fitness-Studio des Verdrängens. Zwei Stunden lang treibt der geschmackvolle Regisseur Jossi Wieler fünf witzige Schauspieler durch ein entlarvendes Zynismus-und-Banalität-des-Bösen-Ertüchtigungsprogramm: mit lachmuskelstärkenden Typen-Hanteln.

          Es hängt zu viel Blut daran - und zu viel Papier

          Hildegard Schmahl gibt im langen Violetten die auch im Stimmton blondierte Wilmersdorfer Witwe, die es gut findet, dass Menschen, an denen sowieso wegen Verhungerns nichts mehr dran war, gnädig erschossen werden – „und jetzt beschweren die sich auch noch“. André Jung ist der gebildete, genervte Naivling, der gerne Damenunterwäsche trägt, Steven Scharf der Naturburschenschaftler mit dem Raubtiergrinsen, Hans Kremer der Sado-Dandy mit dem sanften Messerblick, Katja Bürkle das G‘wissensflittchen mit wenig drunter. Der Abend zeigt: schrecklich nette Leute, die von einer schrecklichen Geschichte und ihrem Dreck am Stecken nichts wissen wollen. Das wird hübsch entlarvt. Man sieht aber vor lauter Entlarvung das Drama nicht. Und das ist ja auch gut so.

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