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Jelinek-Uraufführung : Der aus dem Gegenwartsnest fiel

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Der aus dem Gegenwartsnest gefallene Vergangenheitsrabe: André Jung Bild: dpa

Franz Schuberts und Wilhelm Müllers Liederzyklus „Winterreise“ ist ein Weltgedicht - Elfriede Jelineks neues Theaterstück „Winterreise“ ist ein Krähen-Stammtisch. Die Münchner Uraufführung ist ein Missverständnis, aber André Jung brilliert.

          Von diesem Abend ist vieles (das Meiste) zu vergessen. Zum Beispiel der Wind, der lange vorm Einlass schon durchs Foyer heult, und der echte, tiefgefrorene Schneestaub, den sie mit riesigen Windmaschinen ins sowieso schon reihum erkältete Parkett blasen. Bloß weil sie hier eine „Winterreise“ uraufführen und die Natur wieder einmal mit dem Naturalismus verwechseln. Oder das in Zellophanhäuten verpackte Klavier, in das eine Art Bergwachtmann im rotweißen Thermo-Ski-Anzug hie und da hineinfingert, ohne ihm mehr als ein ungefähres Hum-ta-ta zu entlocken.

          Oder überhaupt jene Tonart, in der die österreichische Nicht- beziehungsweise Anti-Dramatikerin Elfriede Jelinek und ihr gesamtes, dialogfreies, suadensattes Textflächenwerk der letzten Jahre steht. Nämlich die Tonart c-Moll. Es ist die Tonart, in der im 15. Lied des Zyklus „Die Winterreise“ von Franz Schubert und Wilhelm Müller die Krähe einherklirrflattert, jenes „wunderliche Tier“, das dem Wanderer durch die eisigen Zeiten „für und für“ ums Haupt kreist. Denn die Jelinek fungiert ja seit jeher als jener apokalyptische Totenvogel, der uns Wanderern durch die schrecklichen Zeiten die Untergänge weiskräht.

          Das Internet als Gebärmutter

          In ihrer neuesten Textflächenhäufung, die wie gesagt den Titel „Winterreise“ trägt und den Schubert/Müller nur zum Vorwand nimmt, lässt sie die „reiche Braut“, die bei Schubert der arme Wandersbursch nicht kriegt, zur Kärtner Hypo-Group-Alpe-Adria werden, die der blöde bayerische Landesbank-Bräutigam unbedingt kriegen muss. Auch steigt sie in den Keller hinab, in dem die arme Natascha Kampusch acht Jahre von ihrem Peiniger gefangen gehalten wurde und lässt das Mädchen von österreichischen Spießern („Sie ist ein Opfer, wir wollen hier keine Opfer“) verhöhnen.

          Grenzdebiler, kollektiver Kitsch: Stefan Hunstein, Hildegard Schmahl, Wiebke Puls und Benny Claessens sind unterfordert

          Geißelt auch die Abfahrtsläufer („die auf mich nicht abfahren“), die Pistenraupen, die Anleger und Ableger, das Internet als „Gebärmutter für Menschen, die aber immer schon total fertig sind, wenn sie rauskommen“, wahlweise aber auch als „Vulva, welche die Runderneuerten freigibt“. Es ist samt einer ausgedehnten Heideggerei über Sein, Weib und Zeit („das Vorüber, ach vorüber, habe ich immer schon eingeholt“, wobei sie mühelos kalauermäßig vom Zeiteinholen zur Einholtasche kommt), das übliche jelineksche, apokalyptische Krähen-Getön'. Über unsere Köpfe hinweg. Zu vergessen.

          Unter Schmockgewittern

          Genauso wie der Großteil der Regie von Johan Simons, dem holländischen Hausherrn der Münchner Kammerspiele, der unter Zuhilfenahme zweier niederländisch gaumenbrechender Transvestiten-Spieler (Benny Claessens als fette, lustig hysterische, mit schwarzer Seide umtüllte Hypo-Group-Alpe-Adria-Braut und Kristof van Boven als verhuscht karierte Natascha Kampusch) die „Winterreise“ als wirr schreiendes, eisschwitzendes Irrenhaus-Kabarett mit „Tatatata“-Summ-Chören abzieht. Unter Schmockgewittern.

          Worunter sonst so gescheite Schauspieler wie Stefan Hunstein und Hildegard Schmahl mimisch wie intellektuell doch ein wenig unterfordert scheinen, selbst dann noch, wenn sie viel schreien oder wie Hunsteins Wanderer elegant vom echteisverkrusteten Pullover in den Frack wechseln. Wo Schuberts Wanderer aus der Welt fällt, wo Jelineks Wanderer, der von Schubert nur noch die Stichworte sich leiht, am Untergangsstammtisch raunzend sich breitmacht und immer ein „Ich aber sage euch!“ in die zeit- und kulturkritisch geschwängerte Luft fuchtelt, aber seinen Kopf immerhin noch beisammen hat, da verkommt der Wanderer von Johan Simons zu grenzdebil kollektivem Kitsch. Dies alles ist zu vergessen.

          Ein Alzheimer-Virtuose

          Unvergesslich aber jener Mann im blassen Anzug, brauner Weste, dezenter Krawatte, Hut und Stock, der mit verlorenem Blick und abwesender Miene durch die Szene schlurft. Zu Beginn hat er einen Schluckauf, zieht die Zellophanhaut vom Klavier, knüllt sie zu einem Bündel, das er wie ein Baby im Arm hält. Zwischendurch sitzt er apathisch auf dem Boden an der Wand. Er tut nichts. Und sagt lange nichts. Aber er ist der einzig Beredte an diesem Abend. Wäre er allein auf der Bühne gewesen, es hätte vollauf genügt. Er allein verkörpert den kalten Witz und die humane Würde einer wahren „Winterreise“: den aus allen Bindungen, allen Verhältnissen ins absolut Verlassene und Heimatlose Gezwungenen. Er ist die Anti-Krähe.

          Der aus dem Gegenwartsnest gefallene Vergangenheitsrabe, der keine Zukunft hat. Er verkündet keinen Untergang. Er lebt ihn. Der Schauspieler André Jung spielt diesen Herrn, der am Ende berichtet, wie er, dement und vergesslich, von Frau und Tochter ins Vergessen und in ein Gitterbett in einem fremden Haus hinein getrieben wurde.

          Abgesehen davon, dass dies ein von Elfriede Jelinek schon vielfach offenbarter und literarisch verarbeiteter privater Schuldkomplex ist (ihr Vater ging in der Psychiatrie zugrunde), macht André Jung aus der subjektiven Befindlichkeit der Autorin, die uns nichts anginge, wenn sie nicht dauernd darüber schriebe, einen grandios objektivierten Schmerz. Der mehr als die ganze übrige kapitalismus- und spießerkritische Leier ins Herz unserer Zeit trifft. Diesen Alzheimer-Virtuosen, der vom leisen, höhnisch-resignierenden Lächeln bis zum bewusstseinslosen Verzweiflungsschrei alle Ablebenstonarten durchwandert - den müssen wir uns merken. Den Rest nicht.

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