https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/jelinek-stueck-in-frankfurt-kammerspiel-fuer-sieben-schweine-18051347.html

Jelinek-Stück in Frankfurt : Virus, Müll und Metrum

Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Das durchnummerierte Ensemble macht eine fabelhafte Figur Bild: Thomas Aurin

Kammerspiel für sieben Schweine: Stefan Bachmann inszeniert in Frankfurt die zweite Uraufführung von Elfriede Jelineks Pandemie-Palaver „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen! Was ich sagen wollte“.

          3 Min.

          Es ist der Abend der beiden Kostümbildnerinnen, der Abend des Live-Musikers, der Abend des Bühnenbildners und der Lichtregie. Mehr noch ist es aber der Abend des siebenköpfigen Frankfurter Ensembles, das sich knapp zwei Stunden lang durch eine der typischen Jelinekschen Textflächen fräst, die unmittelbare Gegenwart und mythische Vergangenheit, Tagesaktualität und Archetypisches amalgamieren. Die mittlerweile fast schon klassische Jelinek-Legierung sieht so aus: bereits im Zustand der beginnenden Verwesung befindlicher Tagessprachmüll wird vermengt mit Kalauern, klassischen Zitaten, wilden Assoziationen und Pointen und sodann gehärtet mit dem Metall des Metrums. Was auf diese Weise entsteht, ist weich und formbar wie Bronze, lässt sich also leicht bearbeiten. Viele Theaterregisseure lieben so etwas.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen! Was ich sagen wollte“ ist ein Stück über unsere Gegenwart der letzten beide Jahre, ein Stück nämlich über das pandemische Palaver, die Impfgegner-Tiraden und die wie Querschläger den öffentlichen Raum zerschneidenden Verschwörungstheorien, denen zufolge Politik, Wissenschaft und vor allem das große Geld (Gates, Soros, die Rothschilds) eine Diktatur errichtet haben. Hinzukommen als Themen der Aufstieg (steil) und Fall (plötzlich, aber weich) des österreichischen Populisten Sebastian Kurz sowie drastisch-plakative Verweise auf westfälische Fleischfolterfabriken und alpenländische Fleischbeschau, -begrapsch und -konsumierlokale in Ischgl. Durch diese Hölle spaziert die Autorin nicht wie Dante an der Hand Vergils, sondern hat sich der Dienste eines Umweg- und Auswegspezialisten versichert: Odysseus heißt die Kanaille, vorzügliches Kanzlermaterial, skrupellos, listenreich und glatt wie ein ägäischer Aal.

          „Ein Kammerspiel für sieben Schweine“

          Karin Beier hat im vorigen Sommer in Hamburg die Uraufführung inszeniert, Frank Castorf folgte in Wien. Jetzt, mit coronabedingt großer Verspätung, hat sich Stefan Bachmann, ein erfahrener Jelinek-Regisseur, am Schauspiel Frankfurt des Stücks angenommen. Seine Inszenierung konzentriert sich auf den Text, ist straff, konsequent, geradezu streng: ein Kammerspiel für sieben Schweine.

          Denn Jana Findeklee und Joki Tewes haben dem Frankfurter Ensemble Schweinsmasken angepasst, sie in pörkelfarbene Ganzkörperanzüge gesteckt, ihnen riesige Ohrwaschln und niedliche Ringelschwänzchen verpasst. Wie es der lernbereite Mittelschichts-Konsument in seiner aufgeklärten Schafsblödigkeit gern hat, sind die Körperteile der Tiere durchnummeriert. Rechter Vorderschinken: zehn. Linker Vorderschinken: elf. Linke Haxe: dreizehn. Die rosige Nummernrevue grunzt, tänzelt und fläzt sich auf dem ringförmigen Laufsteg, den Olaf Altmann auf die Bühne gestellt hat. Darüber schwebt ein zweiter, gleichgroßer Ring.

          Dieser Ort ist überall und nirgends. Er ist der Wiener Ballhausplatz und die Fleischfabrik von Rheda-Wiedenbrück, das Schiff des Odysseus und die Insel der Zauberin Kirke, auf der die Gefährten des Listenreichen in Schweine verwandelt werden. Danach geht es sogleich weiter ins „Kitzloch“ nach Ischgl. Weil die Schweinchen ja eigentlich Krieger auf der Rückfahrt von Troja nach Ithaka sind, tragen sie jetzt Helm, Brustpanzer und Speer.

          Irgendetwas scheint nicht zu stimmen

          Wenn sich der Bühnenring dann in Bewegung setzt und das Ensemble langsam in entgegengesetzter Richtung der Drehbewegung voranschreitet, dabei den Text wie archaische Rapper in rhythmisch wohlkalkulierten Portionen ausstoßend, dann erinnert man sich an Ulrich Rasches Frankfurter Inszenierung von „Sieben gegen Theben“ 2017 und wähnt sich in einer Parodie, während am rechten Bühnenrand Sven Kaiser mit seinen Schlag- und Tasteninstrumenten Tempo und Vortragsmodus vorgibt. Im Wechsel von chorischem Sprechen, Monolog, Dialog und kurzen Gesangseinlagen hat der Abend etwas ungemein Musikalisches. Aber wie musikalisch ist Jelineks Text selbst?

          Da scheinen Zweifel angebracht. Irgendetwas stimmt nicht mit dieser Inszenierung. Sie ist durchdacht, geschlossen, konsequent. Traumschön surreale Bilder entstehen. Das Ensemble – Heidi Ecks, Christina Geiße, Agnes Kammerer, André Meyer, Heiko Raulin und Susanne-Marie Wrage – ist fabelhaft, der Wechsel von Chorszenen zu Solopassagen gelingt geschmeidig. Aber irgendetwas stimmt nicht. Das Publikum folgt dem Geschehen konzentriert, respektvoll, wirkt aber auch leicht belämmert.

          Vielleicht ist es schlicht unmöglich, zwei Stunden lang Jelineks wilden Assoziationsbocksprüngen zu folgen, vielleicht trägt auch die dominierende Frontalansprache dazu bei, dass der Eindruck entsteht, dass diese Schweinchen an einer zu kurzen Leine laufen. Dabei ist es wohl weniger die Regisseursleine, die hier hinderlich wirkt, sondern die Autorinnenleine. Handlung, Personen, Dialoge gibt es im Grunde nicht. Das vorherrschende Prinzip des Textes ist die Mauerschau: Etwas, das auf der Bühne nicht zu sehen ist, wird von den Schauspielern beschrieben. Der Regisseur hat die Wahl: Wenn er es doch zeigt, ist der Text überflüssig, zeigt er es nicht, droht statisches Textaufsagen an der Rampe. Erst im vierten und letzten Teil des Abends platzt der Knoten.

          Für Frankfurt hat Elfriede Jelinek eine Coda formuliert und somit das Uraufführungsetikett gerettet: „Was ich sagen wollte“ reagiert auf den Rücktritt von Sebastian Kurz und spielt mit der Aussicht auf ein Comeback. Denn solange es ein Volk gibt, gibt ein Populist nicht auf. Warum sollte er? Jetzt tragen die sieben Schweine Bermudashorts in Parteifarbe, Kniestrümpfe und artige Pullunder: Nachwuchspolitiker in Türkis. Voller Lust rappen und tanzen sie die Apotheose eines egomanen Manipulators. Endlich sind die Schweinchen ganz bei sich.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.