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Neue Philharmonie in Paris : Das Tutti ist noch überresonant

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Auf den Flügeln des hohen Klanges: In Nouvels vielfach nutzbarem Konzertsaal können zu Popmusikaufführungen die Akustiksegel an die Decke gezogen werden. Bild: ONLY FRANCE

Nicht nur ist sie das Kronjuwel der Musikstadt Paris, sie fungiert auch als Brückenkopf zum armen Osten: François Hollande eröffnet Jean Nouvels grandiose neue Philharmonie. Einst heftig umstritten, jetzt jedoch richtig?

          Es gehört zu den weniger dankbaren Aufgaben für einen Staatsmann, in Paris dieser Tage eine Philharmonie zu eröffnen. Die Welt blickt auf die französische Hauptstadt, weil wir alle uns schmerzhaft in Erinnerung rufen mussten, welch hohes Gut die Freiheit ist. Frankreichs Antwort auf die ungeheuerlichen Taten hat nichts Weinerliches, sie ist stolz: Die Grande Nation besinnt sich auf die Werte, die sie groß gemacht haben. In dieser existentiellen Gefühlsspannung zwischen Trauer und Selbstbehauptungswillen könnte die Einweihung eines Konzertsaals leicht deplaziert wirken. Staatspräsident François Hollande wollte denn auch bei der Eröffnung der neuen Musik- und Kulturstätte im Parc de la Villette am Mittwoch nicht verhehlen, dass die Anschläge vom 7. Januar die Stimmung noch immer überschatteten. Freilich erschien ihm wie allen anderen Rednern dieses Abends die Besinnung auf die kulturellen Grundlagen unserer Zivilisation als einzig gangbarer Weg. Wobei sich das Konzept dieser „Philharmonie de Paris“, die bis zuletzt heftig umstritten war, doch noch als richtig erweisen könnte.

          Das Projekt eines modernen Konzerthauses war von Anfang an eine hochpolitische Angelegenheit. Erste Ideen stammen aus der Ära Mitterrand, vom legendären Kulturminister Jack Lang; der repräsentationsbewusste Sozialist im Élysée, der auch die betont bürgernahe Bastille-Oper errichten ließ, hätte heute seine Freude an dem Bau. Nicht so sehr wegen des architektonisch ambitionierten Gebäudes von Jean Nouvel - das nämlich ist bei der Eröffnung allenfalls auf dem Papier fertig, es hapert buchstäblich an Ecken und Kanten, ausgerechnet die Sitze für die Honoratioren im Parkett stehen auf schwankendem Grund. Wohl auch nicht wegen der Zahlen - die sind, wie offenbar zwangsläufig bei solchen Bauvorhaben, gründlich aus dem Ruder gelaufen. 381 Millionen Euro sollen es laut Hollande am Ende gewesen sein. Das sei allerdings immer noch halb so viel - diesen Seitenhieb konnte sich der Präsident nicht verkneifen - wie bei ähnlichen Projekten in Deutschland. Gemeint war die Hamburger Elbphilharmonie, die nach neueren Berechnungen rund 800 Millionen Euro kosten wird.

          Helle Freude dürfte jeder sozialistische Präsident, mithin auch Hollande, aber empfinden angesichts der Lage des neuen Konzerthauses. Die Philharmonie erhebt sich nicht in Sichtweite des Eiffelturms oder von Notre-Dame, sondern im neunzehnten Arrondissement, einem Problemviertel im weniger wohlhabenden Osten der Stadt. Wie zum Hohn geriet der Bezirk gerade wieder in die Schlagzeilen, weil die „Charlie Hebdo“-Attentäter hier ihr Fluchtfahrzeug wechselten. Auch die Klagen über die weite Anreise aus den gutbürgerlichen Vierteln verstummten nicht, auch wenn sie so klingen, als zwinge der direkt am Boulevard Périphérique errichtete Kulturtempel den Musikfreund zum Abenteuertrip in die finsterste Bronx. Anne Hidalgo, die ebenfalls sozialistische Bürgermeisterin von Paris, wollte die Philharmonie lieber als das „erste Gebäude von Groß-Paris“ betrachten, als Brückenkopf für die Öffnung der Stadt zur Metropolregion. Tatsächlich ist die Lage des Hauses Hypothek und Herausforderung zugleich. Jeder Anflug elitärer Programmkonzepte verbietet sich hier von selbst. Laurent Bayle, der Generalintendant, will ein offenes Haus „pour tous“, für alle, führen, und das soll mehr sein als das übliche, zumal für das egalitäre Frankreich verpflichtende Lippenbekenntnis. Bei der Besichtigung am Eröffnungstag zeigt Bayle stolz die umfangreichen Räumlichkeiten für „Education“-Projekte, mit denen er kulturelle Brücken in die ärmeren Stadtviertel schlagen und nicht zuletzt Kinder aus Migrantenfamilien für Musik begeistern will. Ein beträchtlicher Teil des Jahresetats von gut dreißig Millionen Euro soll dafür verwendet werden. Auch populäre Ausstellungen - etwa über David Bowie und über Marc Chagall - sollen Besucher anlocken, die sonst kaum den Fuß über die Schwelle setzen würden. Ob man mit solchen Anstrengungen, die heute für jedes Konzerthaus unerlässlich sind, gewaltbereite Jugendliche in der Banlieue erreicht, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

          Nur so gut wie seine Akustik

          Immerhin ist der Große Saal der Pariser Philharmonie, anders als jener der künftigen Elbphilharmonie, ein Multifunktionssaal, wo auch Rockkonzerte und andere populäre „Events“ stattfinden sollen. Dafür werden sich später einmal die Parkettsitze versenken und die eindrucksvollen Akustiksegel über der Bühne an die Decke ziehen lassen. Überhaupt bietet der Raum, wie schon der Konzertsaal in Nouvels Luzerner Kultur- und Kongresszentrum, zahlreiche Möglichkeiten, den Klang und den Nachhall je nach Musikgenre zu variieren. In Hamburg wurde eine derartige Variabilität dem Glauben an den einen „bestmöglichen“ Klang geopfert. Und anders als bei der Elbphilharmonie, die neben dem Konzertsaal ein vor Urzeiten zur Querfinanzierung erdachtes Luxushotel beherbergen muss, hat man in Paris auch auf die sinnvolle Einbettung des Gebäudes ins vorhandene kulturelle Umfeld geachtet: Die Philharmonie ist zusammen mit dem 1995 eröffneten Gebäude von Christian de Portzamparc, dessen Zentralachse Nouvel optisch fortsetzt, Teil der erweiterten „Cité de la Musique“, die auch das Conservatoire sowie etliche Bibliotheken und kleinere Bühnen umfasst. Gleich fünf Klangkörper, darunter das Orchestre de Paris, das Ensemble Intercontemporain und Les Art Florissants, werden ihre Heimstatt in dem Komplex finden. Es ist ein Wurf, wie er im städtebaulich und kulturpolitisch oft verzagten Deutschland kaum gelingen könnte - und es ist, allen innenpolitischen und wirtschaftlichen Krisen Frankreichs zum Trotz, eine eindrucksvolle Geste für die Bedeutung von Kultur.

          Ein Konzertsaal ist freilich immer nur so gut wie seine Akustik. Deshalb wurden in Paris mit Harold Marshall und Yasuhisa Toyota gleich zwei der weltweit führenden Akustiker als Berater engagiert. Toyota verantwortet auch die Akustik der Elbphilharmonie. Beim Eröffnungskonzert des Orchestre de Paris unter Leitung seines Chefdirigenten Paavo Järvi wurde der reizvoll asymmetrisch geschnittene Saal in allen seinen Vorzügen, aber auch in seinen Nachteilen präsentiert. Bei Edgard Varèses „Tuning up“, einer Parodie der Zufallskakophonie während des Stimmens, klingt das Tutti zunächst sehr massig und überresonant. Renaud Capuçons Sologeigenton wird bei „Sur le même accord“ von Henri Dutilleux dagegen wunderbar weich und doch präsent in den Gesamtklang eingehüllt. Den überzeugendsten Eindruck hinterlassen Auszüge aus Gabriel Faurés Requiem mit einer paradoxen Mischung aus Unmittelbarkeit und kirchenräumlicher Tiefe. Hélène Grimaud kämpft bei Ravels G-Dur-Klavierkonzert immer wieder gegen das Orchester an. Bevor die Philharmonie wirklich zu den „besten Sälen der Welt“ (Hollande) gehört, bedarf es also noch einiger Modifikationen.

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