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Theater und Realität in Paris : Was kostet das Leid in Frankreich?

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Draußen, in der wirklichen Welt, schießt gerade ein Mann auf dem Weihnachtsmarkt von Straßburg auf Passanten. Drinnen rezitiert Jean-Louis Trintignant den Chansonnier Allain Leprest. Bild: dpa

Während die Welt draußen aus den Fugen gerät und ein Mann in Straßburg um sich schießt, findet in einem Pariser Theater ein Friedensfest statt: Jean-Louis Trintignant versöhnt mit Poesie und Musik die schmerzhafte Gegenwart.

          Es ist der Abend seines achtundachtzigsten Geburtstags. Jean-Louis Trintignant, der Mann, den alle als Jean-Louis in „Ein Mann und eine Frau“, dem vielleicht schönsten Liebesfilm aller Zeiten, kennen, sitzt auf der Bühne des Théâtre de la Porte Saint-Martin in Paris und stampft mit seinem Gehstock energisch auf den Boden. Seine Knie wippen im Takt des schnellen Tangos, er schaut zu den drei Cellos zu seiner Rechten, zu seinem Freund, dem Akkordeonisten Daniel Mille, und dem Kontrabass zu seiner Linken, lächelt, schwingt seinen Oberkörper auf dem Stuhl hin und her und beginnt: „Heute bin ich mit meinem Kameraden spazieren gegangen. Auch wenn er tot ist, ich bin mit meinem Kameraden spazieren gegangen. Er fand mich ein wenig gealtert“, rezitiert er, und das Publikum lacht kurz leise, weil dieser so jung wirkende ältere Herr das in einem so lakonischen Ton sagt, „ein wenig gealtert, aber er hat mir gesagt: Auch du wirst an den Ort kommen, an dem ich bin.“

          Robert Desnos schrieb dieses Gedicht im Frühjahr 1936, neun Jahre bevor er mit fünfundvierzig Jahren im Konzentrationslager Theresienstadt starb. Zehn Jahre später dichtete sein Freund Jacques Prévert: „Heute bin ich mit Robert Desnos spazieren gegangen. Ja, ich bin mit ihm spazieren gegangen, und wir haben gelacht, und wir haben uns angeschrien. Wir waren nicht immer einer Meinung, auch wenn er tot ist. (...) Wir haben an jeder Straßenecke getrunken, auf das Wohl einer verstreuten Welt. (...) Auf dich, Robert. Und auch wenn du tot bist, auf deinen Tagtraum.“ Die Musik setzt wieder ein, diesmal melancholischer, Trintignant sitzt da und lauscht. Die Leute von heute würden sich nicht mehr für Poesie interessieren, sagte der Schauspieler vor ein paar Tagen in einem Interview, sie hätten zu viele Probleme, das Leben sei zu kompliziert.

          Wer hat noch Zeit, im Park Gedichte zu lesen?

          Und natürlich: Wer hat schon noch Zeit, sich im Park Gedichte vorzulesen? An diesem Pariser Abend möchte man ihm allerdings entgegenrufen, dass heute das Gegenteil stimmt: Die Poesie, seine Poesie, die der libertären Dichter Robert Desnos und Jacques Prévert, von Boris Vian und Apollinaire und all den anderen, die er da mit seiner einzigartigen Stimme vorträgt, lässt alle Probleme für eineinhalb Stunden verschwinden.

          Draußen, in der wirklichen Welt, im wirklichen Frankreich, schießt gerade ein Mann auf dem Weihnachtsmarkt von Straßburg auf Passanten. Im Internet erklären ein paar endgültig dem Verschwörungswahn verfallene Gelbwesten, die Regierung habe das Attentat selbst organisiert, um sie daran zu hindern, am Samstag zu demonstrieren, aber hier drinnen rezitiert Jean-Louis Trintignant den Chansonnier Allain Leprest: „Mein Liebling, ich gebe den Blumen viel zu trinken, wir sind ganz besoffen zusammen, du würdest es nicht glauben.“ Oder den an Witz und Intelligenz kaum übertroffenen senegalesischen Politiker und Dichter Léopold Sédar Senghor: „Als ich geboren wurde, war ich schwarz, als ich größer wurde, war ich schwarz, wenn ich Angst habe, bin ich schwarz, wenn ich in der Sonne sitze, bin ich schwarz, wenn ich krank bin, bin ich schwarz, und wenn ich sterbe, dann werde ich schwarz sein. Als du, weißer Mann, geboren wurdest, da warst du rosa, als du größer wurdest, warst du weiß, wenn du in der Sonne sitzt, wirst du rot, wenn dir kalt ist, bist du blau, wenn du Angst hast, wirst du grün, wenn du krank bist, bist du gelb, und wenn du stirbst, wirst du grau sein. Also: Wer von uns beiden ist hier der ,farbige Mann‘!?“

          Soeben achtundachtzig geworden und kein bisschen verzagt: Der Schauspieler Jean-Louis Trintignant auf der Bühne des Théâtre de la Porte Saint-Martin

          Draußen gerät die Welt, besonders die französische, immer weiter, immer schneller aus den Fugen, aber hier drinnen, hinter den Türen des Theaters, wirkt sie dank Trintignant, dank der Poesie und der Musik für einen kurzen Moment sehr befriedet. Wie eine Welt, in der Verstand und Humor statt Dummheit und Nihilismus regieren. Dabei klingen viele der Gedichte wie Kommentare zur aktuellen Lage. Etwa „La grasse matinée“ von Jacques Prévert: „Es ist schrecklich, das Geräusch des hartgekochten Eis auf dem Tresen, wenn es in der Erinnerung eines hungernden Mannes nachklingt“, sagt der Refrain.

          Prévert erzählt darin von einem Mann, der seit drei Tagen nichts gegessen hat, der durch Paris streift, vor Schaufenstern und Cafés steht und leidet, weil ihm das Leben verweigert wird. Es ist eine Anklage an die Gesellschaft, an ihre Ungerechtigkeit und die Gleichgültigkeit derer, denen es gutgeht. Ebenso aktuell: das Lied „Was kostet es?“ von François Béranger, das Trintignant hier mit seinem Kollegen, dem grandiosen Schauspieler Denis Podalydès, vorträgt: „Was kostet das Leid? Was kostet die Verzweiflung? Was kostet die Bedürftigkeit? In diesem schönen Land Frankreich: Was kostet ein ministerieller Cocktail? Was kosten präsidiale Umbauten? Was kostet das Prestige? Was die Gleichgültigkeit?“

          Und da wir nun einmal in Frankreich sind, einem Land, in dem man sich bekanntlich für zwei Dinge besonders interessiert: die Politik und die Liebe, rezitiert Trintignant zwischen den Musikeinlagen und politischen Versen auch noch ein paar Liebesgedichte: „Tausende und Tausende Jahre würden nicht ausreichen, um die Sekunde Unendlichkeit zu beschreiben, als du mich küsstest“, dichtete Prévert. Und Guillaume Apollinaire schrieb für seine „Lou“: „Mein kleines, geliebtes Lou, ich möchte eines Tages sterben, damit du mich liebst, ich möchte schön sein, damit du mich liebst, möchte stark sein, damit du mich liebst, ich möchte jung sein, damit du mich liebst. (...) Ich möchte, dass du der Himmel oder die Hölle bist, je nachdem, wohin ich gehe.“

          Man würde gerne alle Gedichte des Abends wiedergeben, weil sie so schön sind und weil Jean-Louis Trintignant mit so wenig Aufwand so viele Gefühlsfacetten – die Sanftheit, das Verlangen, auch den Schmerz – vorführt. Sein letztes Gedicht, „La marche à l’amour“ von Gaston Miron, widmet er seiner Tochter Marie, die vor fünfzehn Jahren unter den Schlägen ihres Lebensgefährten starb: „Du bist meine Liebe, mein Jammern, mein Geschrei“, sagt Trintignant, diesmal sichtbar berührt, und schließt: „Ich warte nicht auf morgen, ich warte auf dich. Ich warte nicht auf das Ende der Welt. Ich warte auf dich.“

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