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Theater und Realität in Paris : Was kostet das Leid in Frankreich?

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Soeben achtundachtzig geworden und kein bisschen verzagt: Der Schauspieler Jean-Louis Trintignant auf der Bühne des Théâtre de la Porte Saint-Martin

Draußen gerät die Welt, besonders die französische, immer weiter, immer schneller aus den Fugen, aber hier drinnen, hinter den Türen des Theaters, wirkt sie dank Trintignant, dank der Poesie und der Musik für einen kurzen Moment sehr befriedet. Wie eine Welt, in der Verstand und Humor statt Dummheit und Nihilismus regieren. Dabei klingen viele der Gedichte wie Kommentare zur aktuellen Lage. Etwa „La grasse matinée“ von Jacques Prévert: „Es ist schrecklich, das Geräusch des hartgekochten Eis auf dem Tresen, wenn es in der Erinnerung eines hungernden Mannes nachklingt“, sagt der Refrain.

Prévert erzählt darin von einem Mann, der seit drei Tagen nichts gegessen hat, der durch Paris streift, vor Schaufenstern und Cafés steht und leidet, weil ihm das Leben verweigert wird. Es ist eine Anklage an die Gesellschaft, an ihre Ungerechtigkeit und die Gleichgültigkeit derer, denen es gutgeht. Ebenso aktuell: das Lied „Was kostet es?“ von François Béranger, das Trintignant hier mit seinem Kollegen, dem grandiosen Schauspieler Denis Podalydès, vorträgt: „Was kostet das Leid? Was kostet die Verzweiflung? Was kostet die Bedürftigkeit? In diesem schönen Land Frankreich: Was kostet ein ministerieller Cocktail? Was kosten präsidiale Umbauten? Was kostet das Prestige? Was die Gleichgültigkeit?“

Und da wir nun einmal in Frankreich sind, einem Land, in dem man sich bekanntlich für zwei Dinge besonders interessiert: die Politik und die Liebe, rezitiert Trintignant zwischen den Musikeinlagen und politischen Versen auch noch ein paar Liebesgedichte: „Tausende und Tausende Jahre würden nicht ausreichen, um die Sekunde Unendlichkeit zu beschreiben, als du mich küsstest“, dichtete Prévert. Und Guillaume Apollinaire schrieb für seine „Lou“: „Mein kleines, geliebtes Lou, ich möchte eines Tages sterben, damit du mich liebst, ich möchte schön sein, damit du mich liebst, möchte stark sein, damit du mich liebst, ich möchte jung sein, damit du mich liebst. (...) Ich möchte, dass du der Himmel oder die Hölle bist, je nachdem, wohin ich gehe.“

Man würde gerne alle Gedichte des Abends wiedergeben, weil sie so schön sind und weil Jean-Louis Trintignant mit so wenig Aufwand so viele Gefühlsfacetten – die Sanftheit, das Verlangen, auch den Schmerz – vorführt. Sein letztes Gedicht, „La marche à l’amour“ von Gaston Miron, widmet er seiner Tochter Marie, die vor fünfzehn Jahren unter den Schlägen ihres Lebensgefährten starb: „Du bist meine Liebe, mein Jammern, mein Geschrei“, sagt Trintignant, diesmal sichtbar berührt, und schließt: „Ich warte nicht auf morgen, ich warte auf dich. Ich warte nicht auf das Ende der Welt. Ich warte auf dich.“

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