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Jazzpianist Michael Wollny : Musikalische Atombombentests

  • -Aktualisiert am

Der Jazzpianist Michael Wollny hat es mit den Filmzitaten, dabei ist auch Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Bild: Busse, Christoph

Wie überträgt man die Ästhetik David Lynchs auf den Jazz? Ein Besuch beim Pianisten Michael Wollny, der schon länger mit dem Unheimlichen flirtet und jüngst die beiden Alben „Oslo“ und „Wartburg“ veröffentlicht hat.

          5 Min.

          „Es ist total komisch, macht wirklich Angst und ist erzählerisch wieder echt was Neues“, sagt Michael Wollny. Wovon könnte hier die Rede sein, etwa von seinem neuem Doppelalbum? Nein, dafür ist der Pianist viel zu bescheiden – es geht um die dritte Staffel der Serie „Twin Peaks“, die er gerade schaut. Über David Lynch kann man mit Wollny endlos sprechen, er bekommt dabei einen verschmitzten Blick und gerät schnell ins Schwärmen: „Es ist eh schon seltsam. Aber dann kommt die achte Episode, und man traut seinen Augen nicht mehr.“

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          In dieser Folge werde die Serie plötzlich zum Experimentalfilm, sagt Wollny. Völliges Heraustreten aus der Handlung, eine halbe Stunde lang Schwarzweißbilder aus dem Rauchpilz eines Atombombentests, krasse Schnitte, unterlegt mit Klängen von Penderecki: „Da wird etwas geboren, das die ganze Erzählung umkrempelt.“ Das ist nun aber wirklich eine Steilvorlage zur Übertragung auf Wollnys Musik.

          Den unerwarteten Atombombentest hat er schon öfter schelmisch inszeniert, er ereignet sich etwa, wenn seine Band plötzlich aus den Modi des klassischen Jazztrios ausbricht und in einen Monster-Funkgroove wechselt oder wenn er das Innenleben seines Flügels wie ein Percussion-Instrument traktiert. Auf einem seiner beiden neuen Alben, aufgenommen in Jan-Erik Kongshaugs Rainbow Studios in Oslo, gibt es gleich mehrere Momente dieser Art.

          Ein Mitspieler aus 22 Personen

          Das liegt vor allem daran, dass Wollny darauf mit dem Norwegian Wind Ensemble zusammenarbeitet – einem Blasorchester, das in der Lage ist, als Kollektiv zu improvisieren. Was das heißt, war dem Pianisten zu Anfang selbst nicht klar – bis er dann feststellte, es sei „wie ein weiterer Mitspieler, der seltsamerweise aus 22 Personen besteht“. Hören kann man dies beispielsweise bei dem zwölfminütigen Schluss-Stück „The Whiteness of the Whale“, das nach einem Kapitel aus Herman Melvilles Roman „Moby-Dick“ benannt ist. Es ist, so wie jenes Kapitel im Buch, eine Art Album im Album. Und ein seltsames musikalisches Lebewesen aus Flächenklängen und Obertönen.

          Bezüge zwischen Wollny und David Lynch muss man indessen nicht nur metaphorisch bemühen, es gibt auch ganz direkte. Seit langem wissen seine Konzertbesucher, dass er gern mit den Melodien des Soundtrack-Komponisten Angelo Badalamenti spielt; auf dem Album „Nachtfahrten“ (2015) findet sich dann das schwelgerische „Questions in a World of Blue“, das in einer älteren „Twin Peaks“-Folge vorkommt. „When did the day with all its light / Turn into night?“ Es ist ein Herzbruchlied, das etwa an „The End of the World“ von der Countrysängerin Skeeter Davis erinnert. Wie muss man so etwas spielen, damit es nicht zum Kitsch wird?

          Bezüge zu Schubert, Fauré und zur Popmusik

          Wollny sagt, man müsse es „so einfach und so leer wie möglich machen, nicht noch versuchen, es zu verpacken“. Also das Flächige der Synthesizer-Version wegnehmen und vor allem das Tempo reduzieren. In der Version seines Trios schleppt es derart, dass die Melodie in Teile zerfällt. Und es atmet schwer.

          Wie der Jazz sich überhaupt zur Melodie verhält, ist eine alte Grundfrage, die in Michael Wollnys Musik extrem unterschiedlich beantwortet wird: Einerseits sind da immer wieder schöne Phrasen, mal von Schubert oder Fauré, mal aus der Gregorianik und mal aus amerikanischer Filmmusik geliehen. Dann wieder endet alle Melodie, und es bricht der Free Jazz aus.

          Dass Wollny gerne auch mal Melodien aus der Popmusik verarbeitet, hat er mit Kollegen wie Brad Mehldau gemein, doch scheint die Verfremdung bei ihm noch weiter zu gehen – hört man sich etwa die kaum erkennbare Version von Scott Walkers Ballade „Big Louise“ an, die er bei einem Konzert im Rittersaal auf der Wartburg gespielt hat. Die Live-Aufnahme „Wartburg“ bildet das zweite der beiden neuen Alben, die auf dem Label „ACT“ erschienen sind.

          Der freie, improvisierende Teil von Wollnys Künstlerpersönlichkeit lässt fragen, wie er sich mit seinem zweiten Beruf in Einklang bringen lässt. Denn er ist nicht nur einer der wenigen Jazzmusiker aus Deutschland, die international bekannt sind und auch kommerziell Erfolg haben. Sondern er ist nun auch bereits seit vier Jahren Professor in Leipzig an der Hochschule für Musik und Theater. Der schallgeschützte Proberaum des ehrwürdigen Gebäudes, in dem wir sprechen, ist in seiner Kargheit und Strenge das Gegenteil von Wollnys früherer Arbeitsstätte in Frankfurt, wo er sich eine loftartige Experimentierwerkstatt eingerichtet hatte.

          Kann man Jazz lernen?

          Er hat jetzt auch Verantwortung, betont aber, dass er als Lehrer das Gefühl habe, ebenso viel zu lernen wie seine Studenten. Wollny erzählt von einem Seminar über verschiedene Klavierstile, in denen sie sich gemeinsam mit Technik, Personalstil und Anschlag großer Vorgänger befasst haben – etwa mit dem Stride-Piano-Stil von Jelly Roll Morton und Fats Waller. Er selbst sei jüngst noch beim Spielen Robert Schumanns an den Rand der Verzweiflung geraten, da man „die Griffe gar nicht so lang halten kann, wie sie notiert sind“. Die Begeisterung für Schumanns alten Ritter aus dem Lied „Auf einer Burg“ hat bei Wollny zu einer spontanen, wochenlangen Beschäftigung mit Schumann geführt.

          Natürlich provoziert das Gespräch über die universitäre Ausbildung auch die Frage, ob man Jazz überhaupt lernen kann – und ob zu viel angehäuftes Wissen den Künstler hemmen könnte. „Zu viel Theorie kann einen schon lähmen, aber ganz ohne Analyse und Reflexion kommt man eben auch nicht weit“, sagt Wollny. Aber als wir etwa über das Interpretieren von Jazz-Standards sprechen, sagt er auch, dass die Dinge, die man dabei lerne, einem selbst dann helfen können, wenn man frei spielt, sie kämen dann anders zurück. Was das A und O der Ausbildung betreffe, habe der Bassist Gary Peacock ihm einmal gesagt, das einzig Wichtige sei Gehörbildung, alles andere komme später von allein nach.

          Beeindruckt von Lynchs „Aushalten von Statik“

          Wie aber bringt Wollny eigentlich den Hochschulalltag mit seinem Tourleben zusammen? Spätestens seit dem Album „Weltentraum“ (2013) ist er ein vielgefragter Musiker für Konzerte und auf Festivals in aller Welt. Wie passt das zusammen mit den geregelten Abläufen eines Semesters? Erstaunlicherweise antwortet er darauf, dass es sich, sobald der dichte Zeitplan einmal steht, sogar sehr gut ergänze; bei der einen Tätigkeit sammle man Energie für die andere. „Die Koordination macht natürlich Arbeit, ich muss sicherstellen, dass ich den verschiedenen Verpflichtungen auch zeitlich nachkommen kann. Inhaltlich ist das Ganze aber eine ziemlich ideale Situation.“

          Ohnehin wirkt er, bedenkt man seinen Terminkalender und den ziemlich steilen Aufstieg in kurzer Zeit, sehr in sich ruhend. Vielleicht hat er sich ja auch hier etwas von David Lynch abgeschaut, denn als wir auf ihn zurückkommen und auf die Frage, was Wollny an seiner Ästhetik am meisten beeindruckt, sagt er mehrmals etwas über das Sichzeitlassen und das „Aushalten von Statik“. Dazu erzählt er von weiteren „Twin Peaks“-Szenen, etwa wenn in einem Nachtclub eine Band zu spielen beginnt und die Kamera einfach minutenlang bei ihr bleibt.

          Flirt mit Schauerromantik

          Ist am Ende auch das neue Stück „Hello Dave“ eine Grußnote an Lynch? Oder bezieht es sich mit seinem nicht leicht auszuzählenden Takt eher auf Dave Brubeck, der einst „Take Five“ aufnahm? Dazu schweigt Wollny vielsagend. Erst später wird es einem klar: Das ist auch wieder ein Filmzitat, nämlich des unheimlichen Computers HAL9000 aus Kubricks „2001“.

          Mit dem Unheimlichen aus Science-Fiction wie Schauerromantik flirtet Wollny schon länger, zelebriert auch ein bisschen das Hexenmeisterhafte, was seine Konzerte durchaus witzig wirken lässt. Aber es lässt einen als Hörer auch stets auf der Hut bleiben, selbst bei vordergründig Eingängigem wie dem neuen Stück „Farbenlehre“, das sanft dahinplätschern würde, wären da nicht gelegentlich diese erratischen Ausbrüche der rechten Klavierhand. Als säße man in dem amerikanischen Diner von „Mulholland Drive“ und wüsste schon, dass auf dem Parkplatz, hinter der Hausecke, die ganz fiese Spukgestalt lauert.

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