https://www.faz.net/-gqz-11o4k

Jazzfestival Münster : Der Mond wendet uns seine rosa Seite zu

  • -Aktualisiert am

Schon mit einundzwanzig Jahre einer der größten lebenden Virtuosen des Jazzklaviers: Tigran Hamasyan in Münster Bild:

Münsters Jazzfestival hat sich nach beharrlicher Überwindung immer neuer Gefahren - Geldmangel, Prominentenabsagen in letzter Minute, Kartenfälscherbande - zu einer der besten Adressen der deutschen Jazzfestival-Landschaft entwickelt.

          Wer Fritz Schmücker von einer Neuentdeckung vorschwärmt, bekommt im Allgemeinen diese Antwort: „Ja, finde ich auch gut, hat vor drei Jahren auf meinem Festival gespielt.“ Schmücker ist seit vierundzwanzig Jahren künstlerischer Leiter des sechs Jahre vorher aus Aktivitäten des AStA der Universität hervorgegangenen Jazzfestivals Münster.

          Seit 1997 findet die Veranstaltung im Zweijahresrhythmus in den Sälen der Städtischen Bühnen statt und hat sich nach beharrlicher Überwindung immer neuer Gefahren – Geldmangel, Prominentenabsagen in letzter Minute, Kartenfälscherbande – zu einer der besten Adressen der deutschen Jazzfestival-Landschaft entwickelt. Ein verlässliches Sponsorenfeld, inklusive vor allem der Stadt, ein schöner großer Saal mit immerhin tausend Plätzen und guter Akustik und ein unglaubliches Publikum, das dem Festival offenbar alles zutraut und deshalb auch bei namenlosen Bands für stets sicher ausverkaufte Konzerte sorgt – das sind die hart erarbeiteten und deshalb hochverdienten Voraussetzungen, mit denen Schmücker jetzt mit etwas weniger Nervenflattern als in der Vergangenheit arbeiten kann. Durch ein locker praktiziertes Informationssystem von Reisen und den Austausch mit ausländischen Veranstaltern vor allem kleinerer Festivals gelingen ihm immer wieder brennend aktuelle Entdeckungen, Überraschungen, Deutschland- und Europa-Premieren. Thema diesmal: multinationale Gruppen.

          Ein staunenswertes Panorama unterhaltsamer Abenteuer

          Genau der richtige Kandidat für Schmückers Politik ist Pablo Held, auch wenn dieser ihn gar nicht selbst entdecken musste – empfohlen hatte Held sich mit seiner jüngst veröffentlichten, bundesweit gepriesenen CD. Aber der klavierspielende Musikstudent ist mit seinen zweiundzwanzig Jahren wahrlich ein Neuankömmling und aller Förderung wert. Schmücker hatte ihm als Jury-Mitglied zum „Westfalen-Jazz-Preis 2009“ verholfen und ließ ihn eine Stunde lang mit seinem Trio spielen. Mit welcher geistigen Reife und konzentrierten Wachheit, gläsern transparenten Logik, gebändigten Technik und ästhetischen Schönheit diese Musiker – neben Held Robert Landfermann am Bass, Jonas Burgwinkel am Schlagzeug – ihr durchaus von vorgedachten Themen strukturiertes Repertoire in improvisierten Annäherungen durchwandern, ist, nicht nur für diese Altersgruppe, einfach phänomenal.

          Brachte ein aus drei Ländern zusammengestelltes Frauenquintett auf die Bühne: die amerikanische Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington

          Das nächste Klaviertrio kommt dieser Tage bestimmt, und es kam, als Deutschland-Premiere, mit dem erst einundzwanzig Jahre alten Armenier Tigran Hamasyan als Kopf und als nunmehr in den Funktionen der Spieler konventionelles Klaviertrio, nämlich mit einem Star in der Mitte und zwei, wenn auch höchst kompetenten, Begleitern drum herum. Hamasyan ist schon jetzt einer der größten lebenden Virtuosen des Jazzklaviers. Dass er seine perlenden Kristallsalven nur als kalten Ausweis technischer Wunderbegabung und rigoroser Probenpläne abschießt, wird man ihm nicht vorwerfen können. Europäische Klavier-Klassik und -Romantik, slawisches Seelen-Melos und immer wieder Folklore-Einmischungen des europäischen Ostens entfalteten ein staunenswertes Panorama unterhaltsamer Abenteuer.

          Eine Sinfonie hoffnungsvoller Vitalität und sinnlicher Gedankenschwere

          Die amerikanische Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington brachte mit ihrem „Mosaic Project“ ein aus drei Ländern zusammengestelltes Frauenquintett auf die Bühne, das sich einer Art von aufgeklärtem Hard-Bop-Ausläufer widmete. Die kanadische Trompeterin Ingrid Jensen war dabei in allen Belangen von Instrumentbeherrschung und Gestaltungsphantasie absolute Weltklasse. In einzelnen Passagen schien sie sagen zu wollen: „Vergesst mir Freddie Hubbard nicht!“ (Der machtvolle Trompeter zwischen Hard Bop und Free Jazz ist kürzlich gestorben.) Eine Deutschland-Premiere der typischen Schmücker-Art war der Auftritt des belgischen Trios Marine Horbaczewski (Cello), Michel Massot (tiefes Blech), Tuur Florizoone (Akkordeon). Ihre sehnsüchtigen Melodien zerlegen die Musiker in ihre Fragmente, mit denen sie ein zärtlich sich verspinnendes Netz mystischer Stimmungen schaffen: höchst originelle Musik, die eher zur Begleitung griechischer Emigrantenschicksale zu passen schien.

          Das Festival setzte nun auch Slowenien auf die Jazz-Landkarte mit dem Quartett (vier Nationalitäten) des im Post-Coltrane-Mainstream souverän aufspielenden Saxophonisten Jure Pukl. Der dauernd mit komplexen Kleinstrukturen hantierende Amerikaner Damion Reid setzte, im wahrsten Sinn des Worts, neue Akzente in der Schlagzeugbegleitung. Große Stücke mit Werk-Charakter gab es auch, zum Beispiel das einstündige „Pink Side Of The Moon“ der italienischen Pianistin Rita Marcotulli. Das neunköpfige Ensemble aus vier Nationen spielte als weitere Deutschland-Premiere eine Hommage an die Musik von Pink Floyd, blieb atmosphärisch und strukturell ziemlich nah an den Originalen, verzierte das alles aber mit Jazz-Improvisationen und neuerer Elektronik. Fast anderthalb Stunden dauerte der Auftritt von Malcolm Braffs African Roots Ensemble (aus sechs Ländern). Die Suite des im Senegal aufgewachsenen und jetzt in der Schweiz lebenden gebürtigen Brasilianers brachte eine Unmenge von verschiedenen Einflüssen zusammen, von ethnischer Perkussion bis zu ehrgeizigen Bläsersätzen, eine Sinfonie hoffnungsvoller Vitalität, Körperlichkeit und sinnlicher Gedankenschwere.

          Bekenntis zu einer Ästhetik des Kontrasts

          Vielleicht dann doch der Höhepunkt des Festivals war der Auftritt des Omar Sosa Afreecanos Quartet. Der in Barcelona lebende kubanische Pianist ging seine Performance mit einer Energie und Lebensfreude, aber auch Formenvielfalt an, wie man sie selten von ihm erlebt hat und die auch auf keiner seiner CDs annähernd so vorkommt. Kubanisches und afrikanisches Rhythmusfeuer, angeheizt von einem offenbar mit mindestens zwei getrennt arbeitenden Hirnen spielenden Schlagzeuger namens Julio Barreto, verbunden mit aggressiv ausrastenden Klavier-Erinnerungen an Thelonious Monk, Zitaten afrikanischer Sprachen und den akustischen Geheimnissen des Dschungels sorgten für eine Orgie rasend überraschender Bewegungseuphorie, die vielleicht von der derzeitigen Finanzmisere zusätzlichen Antrieb bekam. Gegen die nämlich, so Sosa, müsse sich die Musik wehren. Entrückt schwebende Stimmungen waren ebenfalls zu verspüren. Der deutsche Trompeter Joo Kraus, den man wohl als Letzten in dieser Umgebung erwartet hätte, zeichnete sie hauptverantwortlich mit bedachtsamer Elektronik.

          Durchgefallen ist in Münster nur einer, ausgerechnet der gegenwärtig weltweit anerkannte Rudresh Mahanthappa, der auch auf der neuen Vierteljahrsempfehlung des deutschen Schallplattenkritikpreises steht. Der indoamerikanische Altsaxophonist hatte seinen und seiner Mitspieler Namen in der sogenannten Gruppe Sporty Brown Trio versteckt und hatte eben mit seinen auch recht prominenten amerikanischen Freunden einen schlechten Tag: Sein Linienspiel wirkte trotz der notorischen Kompliziertheiten etüdenhaft genudelt, Gerry Hemingway trommelte grob, aus Ben Monders Gitarre tönte kaum Greifbares. Das Publikum geriet in Aufbruchsstimmung.

          Fritz Schmücker, der davon hinter der Bühne zwangsläufig nicht alles mitbekommen hatte, sah sich, als er in der nächsten Ansage „wieder etwas ganz anderes“ ankündigte, plötzlich mit einem polemischen Applaus konfrontiert. Mit dem Satz „Das Festival hat sich immer zur Ästhetik des Kontrasts bekannt“ rettete er seinen Künstler elegant und hatte die Kuh vom Eis. In Münster darf es so weitergehen.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          EU-Gipfel in Brüssel : Im absoluten Krisenmodus

          Die Stimmung auf dem EU-Gipfel in Brüssel ist gereizt. Die EU will Theresa May nicht geben, was sie will, die Stimmen aus ihrer Heimat sind vernichtend. Und dann löchert Angela Merkel die Premierministerin noch mit Fragen.

          Neue Gesetze : Was sich 2019 alles ändert

          Eine Reihe von Neuregelungen können zum 1. Januar 2019 kommen – in der letzten Sitzung des Jahres gab der Bundesrat dafür grünes Licht. Eine Verfassungsänderung bremst die Länder aber erst einmal aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.