https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/jazzfestival-frankfurt-vereint-musikalische-individualisten-14504682.html

Jazzfestival Frankfurt : Auf Klangwolke sieben

  • -Aktualisiert am

Der Saxophonist Chris Potter erfüllt den Saal mit seinem Spiel bis in den letzten Winkel. Dave Holland (hinten) sorgt am Bass für die Grundierung. Bild: Anna Meuer

Das Jazzfestival Frankfurt vereint große musikalische Individualisten. Sie erspielen sich das Prädikat „besonders wertvoll“. Nur das Revival von Beatles-Songs ist mit Vorsicht zu genießen.

          4 Min.

          Es war ein Detail, aber ein bedeutsames. Chris Potter kämpfte mit dem Clipmikrofon an seinem Tenorsaxophon, warf es schließlich zu Boden, stellte sich wie in alten Zeiten vor das Standmikro und blies sich die Lunge aus dem Hals. In diesem kritischsten Moment seines Solos, als die Töne schon nicht mehr gespielt wurden, eher unkontrolliert wie bei einem Instrumentenrohrbruch herausgeschossen kamen, wäre er wohl ohne elektronische Hilfsmittel bis in den letzten Winkel des Saals zu hören gewesen. Wie Sonny Rollins, ein Demosthenes moderner Prägung, der einst tagsüber auf der Williamsburg Bridge gegen den New Yorker Verkehrslärm anblies, um nachts seine so gestärkten kolossalen Saxophontöne gegen alle Widrigkeiten des Lebens und der modernen Konzertsäle anklingen zu lassen.

          Beim 47. Deutschen Jazzfestival Frankfurt war Chris Potter nicht der einzige große Solist, der auf seine Imaginationskraft vertrauen konnte. Die Individualisten gaben sich in der Alten Oper, dem Sendesaal des Hessischen Rundfunks und im Mousonturm an fünf musikalisch randvollen Abenden die Klinke in die Hand. Und je mehr sich davon in einer Band versammelten, umso packender war das Ergebnis. Etwa bei Aziza, dem Quartett mit Chris Potter, dem Bassisten Dave Holland, dem aus Benin stammenden Gitarristen Lionel Loueke und dem Schlagzeuger Eric Harland.

          Der musikalische Buddha zupft den Bass

          Dave Holland, von Miles Davis mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgestattet, war immer schon ein unerschütterliches Fundament für jede Band. Jetzt ruht er wie ein musikalischer Buddha in sich und breitet seine sonor-schnörkellosen Bassläufe wie einen roten Teppich vor Lionel Loueke aus, damit dessen exzentrisch flirrende Gitarrentöne umso glänzender hervortreten. Natürlich auch Potters rasende akustische Signale, die den legendären „Sheets of Sound“ von John Coltrane nahe kommen, und auch die brodelnden Trommeltöne von Eric Harland, der wohl bei Charles Lloyd gelernt hat, was das unübersetzbare Magiewort „groove“ bedeutet.

          Ähnlich faszinierende Gleichklänge konnte man auch bei Phronesis erleben, einem Trio um den dänischen Bassisten Jasper Høiby, der wie ein Widergänger des seligen Jaco Pastorius erscheint. Jedenfalls hat man lange keinen so federnden, pulsierenden, rhythmisch alles Klanggeschehen zusammenhaltenden Bassisten erlebt wie Høiby im Zusammenspiel mit dem Drummer Anton Eger und dem englischen Pianisten Ivo Neame, der in seinem enzyklopädischen Klavierspiel offenbar die besten stilistischen Ingredienzien von Bud Powell bis zu Keith Jarrett und Paul Bley zu vereinen trachtet.

          Kein Jazzfestival ohne amerikanische Prominenz. In diesem Jahr war es ein Triumvirat aus dem Gitarristen John Scofield, der Pianistin Myra Melford und dem Saxophonisten Joe Lovano, drei Jazzschwergewichte mit ganz unterschiedlichen musikalischen Visionen. Während sich der kauzige John Scofield offenbar nach seiner unbeschwerten Country-Jugend zurücksehnt und alte Kamellen von Hank Williams, Dolly Parton oder Merle Haggard mit skurril-authentischer bis wunderbar-neuer Klangvielfalt ausstattet, lässt sich Joe Lovano von den karibischen Rhythmen des kubanischen Pianisten Chucho Valdès inspirieren und findet einen Balladentonfall, den auch Ben Webster nicht besser aus seinem Horn gezaubert hätte. Dagegen verlässt sich Myra Melford ganz auf ihr eigenes Universum und ein Klangspektrum von ruppig-chaotischem Free Jazz („The Kitchen“) bis zu atmosphärisch dichten Schumannschen Träumereien („Night of Sorrow“).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dieses Bild wird bleiben: SGE-Trainer Glasner und Kapitän Sebastian Rhode können es noch nicht ganz fassen, aber gleich „überreichen“ sie den Europapokal an Peter Feldmann

          Frankfurter Oberbürgermeister : Die Stadt kann ihn mal

          Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann hat nicht nur den Europapokal der Eintracht abgeschleppt. Er hat vielmehr der ganzen Stadt zu verstehen gegeben, dass er sich um sie und deren Bürger nicht weiter schert. Die Abwahl muss jetzt kommen.
          Eine Schule wird zum Ort der Trauer: Mitschüler und Angehörige gedenken der 21 Menschen, darunter 19 Kinder, die an der Grundschule erschossen wurden.

          Über Amokläufer in Uvalde : „Mein Sohn war kein Monster“

          Nachdem ein 18 Jahre alter Mann 19 Kinder und zwei Lehrerinnen in Texas tötete, suchen die Ermittler immer noch nach einem Motiv. Sein Umfeld zeichnet das Bild eines aggressiven Einzelgängers.
          „Nur ein Ja ist ein Ja“: Gleichstellungsministerin Irene Montero spricht am Freitag in Madrid

          „Nur ein Ja ist ein Ja“ : Spanien verschärft Sexualstrafrecht

          Ein Entwurf der linken Minderheitsregierung stößt im Parlament auf große Zustimmung. Damit ist die Einwilligung der Frau ausschlaggebend für einen sexuellen Kontakt. Von den Konservativen kommt Kritik.
          Das Kontrollzentrum des ungarischen Atomkraftwerks Paks, aufgenommen am 25. Juni 2019. Das Atomkraftwerk soll von Rosatom um zwei Reaktorblöcke erweitert werden.

          Russischer Atomkonzern : Warum Europa weiterhin mit Rosatom kooperiert

          Sanktionen gegen Russlands Atomindustrie sind nicht mehrheitsfähig. Länder wie Frankreich oder Ungarn arbeiten weiter mit dem russischen Staatskonzern zusammen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch