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Interview mit Gregory Porter : Body ist Bass

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„Manchmal schreibe ich Songs nur für schwarze kleine Jungen“: Gregory Porter Bild: dpa

Von Nat King Cole und von der Mutter lernen: Ein Großer des Jazz erzählt, wie er seine Stimme und seinen Platz in der Musik gefunden hat.

          6 Min.

          Gregory Porter ist einer der bekanntesten Jazz-Sänger der Gegenwart. Seinen strahlenden, samtigen Bariton setzt er ein, um mit eleganten und überraschenden Phrasierungen Jazz-Klassiker intelligent neu zu interpretieren und eigene Songs zu präsentieren, mal mit Sinfonieorchester, mal mit kleiner Band. Seine Qualitäten als Live-Performer und seine berührende Musik haben den Sechsundvierzigjährigen in den vergangenen fünf Jahren zum Star aufsteigen lassen. Der Sohn einer alleinerziehenden Predigerin wuchs mit sieben Geschwistern auf, sang schon als Kind in der Kirche Gospels und hörte seine ersten Jazzplatten mit fünf Jahren. Zuletzt veröffentlichte er „Nat King Cole and Me“, eine Hommage an das Idol seiner Kindheit. Wir sprachen mit ihm anlässlich seines herausragenden Konzerts mit seiner Band beim Wolfsburger Movimentos-Festival.

          Gregory Porter, warum singen Sie Jazz und nicht Pop? Ist Pop musikalisch und gesangstechnisch zu einfach für Sie?

          Das würde ich nicht sagen, der Unterschied zwischen beiden Genres ist doch heute nicht mehr so offensichtlich. Es gibt eine Menge fabelhafter Popmusik. Ich unterscheide lieber so: Es gibt Musik, die populär wird, weil sie einfach gut ist, und Musik, die geschrieben wird, um populär zu sein. Zu sagen, ich hätte mich wegen der musikalischen Herausforderung für Jazz entschieden, ist zugleich wahr und falsch. Natürlich müssen Musiker, die den Anforderungen des Jazz genügen wollen, Virtuosen sein. Aber unter den Begriff „Jazz“ fassen wir heutzutage so viele Stilrichtungen zusammen. Insbesondere die jüngere Generation steht für zugänglichere Jazzmusik. Sie nehmen Coldplay-Songs und verjazzen sie, wenn Sie so wollen. Aber die Vorstellung, dass Jazzmusiker keinen Wert auf ein größeres Publikum legen, dass sie nicht Teil der zeitgenössischen Musikkultur sein möchten, dass sie nichts darauf geben, zu den großen Musikfestivals dieser Welt eingeladen zu werden, diese Idee ist schlicht falsch. Es sind nur ein paar von uns, die Musik schreiben und dabei gar nicht wollen, dass mehr als fünfzehn Leute verstehen, was sie da machen.

          Die elitäre Seite des Jazz lebt ...

          Sie sagen „elitär“. Ich sage: Die haben eine andere Auffassung. Nicht jeder Song ist für jeden! Manchmal schreibe ich Songs nur für meine Mutter. Aber der Rest der Welt hört sie auch. Und ohne exklusiv oder gar rassistisch sein zu wollen: Manchmal schreibe ich Songs nur für schwarze kleine Jungen. Für sie schlägt mein Herz.

          Sie schreiben sie für den Jungen, der Sie selbst einmal waren.

          Ja, und für meinen Sohn. Kleine schwarze Jungen stehen nicht auf dem besten Platz, den unsere Gesellschaft zu bieten hat, und ich möchte sie dazu ermutigen, dranzubleiben, weiterzukämpfen, exzellent und wunderbar zu sein. Ich sage ihnen genau das, was meine Mutter mir immer gesagt hat.

          Was war das genau?

          Lass niemals nach, verlier nicht den Biss. Wenn die Katastrophe eintritt, wenn alles schiefgeht, gib nicht auf, bewahre deinen Glauben an dich selbst und deine Träume. Meine Mutter sagte das immer zu mir, ich gebe es weiter an die nächste Generation schwarzer Jungs. Natürlich ist so ein Song für alle, neunzehnjährige litauische Mädchen tanzen dazu. Umgekehrt frage ich mich, ob die Jungen, die ich meine, diesen Song je hören werden, denn wahrscheinlich hören sie eher Hip-Hop als das, was ich zu sagen habe. Ich will nur sagen, die Energiequelle, die eigentliche emotionale treibende Kraft hinter einem Song, ist den Hörern nicht immer bewusst.

          So bildet Ihre Musik auch die Verbindung in Ihre eigene Vergangenheit.

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