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Gespräch mit Mayako Kubo : Daran verbrennst du dir die Finger

Geht in Sachen Geschichtsaufklärung unkonventionelle Wege: die japanische Komponistin Mayako Kubo. Bild: Matthias Lüdecke

Die Komponistin Mayako Kubo hat sich in ihrer Konzert-Performance „John Rabe – Endstation Siemensstadt“ mit dem Massaker von Nanking auseinandergesetzt. Ein Gespräch über verdrängte Vergangenheitsbewältigung und wie man sie in Töne kleidet.

          12 Min.

          Bis zu ihrem 22. Lebensjahr lebte Mayako Kubo in Japan. In den Siebzigerjahren ging sie nach Europa und studierte Komposition in Wien, unter anderem bei Roman Haubenstock-Ramati, später in Hannover und Stuttgart bei Helmut Lachenmann. Seit 1985 lebt Kubo in Berlin. Im Oktober wurde „John Rabe – Endstation Siemensstadt“, ihre „Konzertperformance für Historiker:innen, Sprecher, Flöte, Perkussion, Streichquartett und Elektronik“ in der Zitadelle Spandau uraufgeführt. Über die Person des deutschen Kaufmanns John Rabe, der während des von Soldaten der japanischen, kaiserlichen Armee begangenen Massakers von Nanking im Jahr 1937 versuchte, Chinesen vor den Gräueltaten der Besatzer zu retten, nähert sich Kubo einem Geschichtskapitel, dass in Japan bis heute verharmlost, wenn nicht totgeschwiegen wird. Auch deshalb arbeitet Mayako Kubo an einer japanischen Fassung, die sie in ihrer einstigen Heimat aufführen lassen möchte. In ihrer Wohnung im Süden Berlins empfängt sie uns zum Tee.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Sie stammen aus Kobe. Würden Sie uns ein wenig darüber erzählen, wie Sie dort aufgewachsen sind?

          Meine Kindheit ist sicher ein wenig anders als die der meisten meiner Landsleute. Mein Vater war Protestant. Deshalb mussten wir als Kinder in die Sonntagsschule und zur Kirche gehen. Das war meine erste Begegnung mit Musik. Das Singen evangelischer Kirchenlieder machte mich auch mit der europäischen Tonleiter vertraut. Mit dreizehn haben meine Brüder und ich rebelliert und gesagt, wir gehen nicht mehr in die Kirche!

          Wie hat er reagiert?

          Das war eine Krise für meinen Vater. Aber natürlich hat mich diese Zeit geprägt. Überhaupt waren meine Eltern radikal. Während des Zweiten Weltkriegs hat mein Vater seinen Glauben geheim gehalten und war nach Kriegsende gegen beinahe alles, was japanisch ist. Es ging ihm schon zu weit, wenn Kinder Kampfsportarten wie Judo, Kendo oder Aikido lernten, weil seinerzeit in vielen Dojos, wo das Training stattfand, noch das Foto des Kaisers hing, vor dem man sich vor Trainingsbeginn verbeugen musste. Für ihn war die Vorstellung untragbar, sich vor jemandem zu verbeugen, der den Zweiten Weltkrieg mitzuverantworten hatte. Das ging soweit, dass zu Hause auch keine japanische Literatur gelesen werden durfte. Mishima und Kawabata hielt er für dekadent, Tolstoi und Dostojewski waren in Ordnung.

          Wann haben Sie selbst angefangen zu musizieren?

          Meine Eltern haben mich natürlich gezwungen, Klavier zu spielen...

          Sie sagen, gezwungen...

          Ja, das war eine klassisch konservative Erziehung. Kansai, der westlich Teil von Japan war immer sehr konservativ. Es gab klare Vorstellungen davon, was zu einem wohlerzogenen Mädchen gehört. Das hatte jedoch allein den Zweck, als Tochter aus gutem Hause Eindruck zu machen. Sonst nichts. Denn als ich meinen Eltern sagte, ich wolle zur Musikhochschule in Osaka gehen, waren sie strikt dagegen. Dass ihre Tochter diese Ausbildung ernst nimmt und Künstlerin werden will,  war gar nicht vorgesehen.

          Was hatten ihre Eltern denn vorgesehen?

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