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Jane Fondas Bühnen-Comeback : Beethovens Broadway-Veränderungen

  • -Aktualisiert am

Europäisches Bildungsgut für den Broadway: Zach Grenier als Ludwig van Beethoven und Jane Fonda als Dr. Katherine Brandt Bild: Joan Marcus

Erstmals seit einem halben Jahrhundert betritt Jane Fonda wieder eine Bühne, und sie tut es mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie nie etwas anderes getan. In Moisés Kaufmans musikalischer Kriminalgeschichte„33 Variationen“ hat sie es mit einem irrlichternden Beethoven zu tun.

          Irgendwann musste es einfach zu der Begegnung kommen. Wir unten im Zuschauerraum hatten längst darauf gewartet, dass Dr. Katherine Brandt, eine zeitgenössische amerikanische Musikologin mit dem Spürsinn und Schneid einer hochverdienten Kriminalkommissarin, und der im alten Wien lautstark vor sich hin grantelnde Ludwig von Beethoven sich endlich die Bühne teilen. Dr. Brandt aber gerät mit dem Komponisten erst wirklich ins Gespräch, als sie, von der amyotrophen Lateralsklerose fast in den Tod getrieben, durchaus lehrreichen Halluzinationen erliegt. Einer auf Fakten bauenden Wissenschaftlerin darf das eigentlich gar nicht passieren. Beethoven selbst tröstet sie damit, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können. Immerhin, gibt er zu bedenken, sei er auch als Halluzination wenigstens nicht Tschaikowsky.

          Und bevor da ein ganz besonders beschlagener Musikfreund einwenden wollte, Beethoven habe schon chronologiebedingt keine Ahnung von Tschaikowsky, erklärt der Meister persönlich, wie sie alle, die illustren Kompositeure von ehedem, in der Vorhölle zusammenhocken, weil sie fürs Paradies noch viel zu unangepasst sind. Trotzdem ist das Stück, das uns Beethoven derart locker nahebringt und das den Titel „33 Variationen“ trägt, keine Folge von Lachnummern. Die humoristischen Einlagen sind am Broadway, wo es gerade seine Premiere gefeiert hat, zwar gleichsam obligat, aber dass es hier überhaupt aufgeführt wird, grenzt bereits an ein Wunder. Denn Moisés Kaufman, der es verfasst und obendrein auf die Bühne gebracht hat, verzichtet dem Entertainment zuliebe nicht aufs Denken und Fühlen.

          Musikalische Kriminalgeschichte

          „33 Variationen“ sind kein konventionelles Drama. Sie sind erstens ein halber Klavierabend, bestritten von der vorzüglichen Pianistin Diane Walsh, die Beethovens Diabelli-Variationen zwischendurch zu Gehör bringt, nicht sämtliche dreiunddreißig Veränderungen, doch einen beachtlichen Teil davon. Es ist zweitens eine musikalische Kriminalgeschichte, die jedoch nicht, wie dereinst „Amadeus“, einen Giftmischer namens Salieri als Knalleffekt braucht, sondern sich erstaunlich weitgehend auf die wissenschaftlichen Obsessionen von Frau Dr. Brandt verlässt.

          Kein Starauftritt, aber kühl und elegant: Jane Fondas Bühnen-Comeback

          Sie nämlich will noch vor ihrem sich abzeichnenden Tod herausfinden, was Beethoven am Thema des Verlegers Diabelli derart packte, an einer Vorlage, die er seinem Adlatus Schindler gegenüber als „Schusterfleck“ verhöhnt haben soll, ehe es ihn dazu trieb, daraus einen grandios vertrackten Variationenzyklus förmlich herauszumeißeln, unter immer neuen Mühen bis in seine von Taubheit und Krankheit gezeichneten letzten Lebensjahre. Es ist auch noch, über die doppelte Krankheitsgeschichte hinaus, eine Beziehungskiste, vollgestopft mit Mutter-Tochter-Animositäten und harmloseren Freund-Freundin-Verwicklungen. Es ist schließlich eine Art dokumentarische Konzerteinführung, dargeboten im Beethoven-Archiv zu Bonn, wo Dr. Brandt, wie erhofft, Entdeckungen macht, neue Freunde gewinnt, die Tochter dem Krankenpfleger zuschiebt und allmählich von der Welt Abschied nimmt, wobei auch noch das Problem der Patientenverfügung kurz gestreift wird.

          Wissenschaft auf der Bühne

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