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Janáček-Opern in der Schweiz : Wer jetzt ein Haus baut, baut ein Puppenheim

  • -Aktualisiert am

Katja Kabanova (Mary Mills) und Boris Grigorjewitsch (Ludovit Ludha) in Basel Bild: Hans Joerg Michel

Doppelhaus-Regie für Janáčeks Opernweiber: Bei seiner „Jenůfa“ in Zürich glänzt das Orchester, bei seiner „Katja Kabanowa“ in Basel die Solisten.

          4 Min.

          Selbst die teuerste Immobilie ist letzten Endes nur Verpackung. Stimmt was nicht mit den Inhalten, ist es egal, wie viele Fahrstühle oder Swimmingpools das Haus hat. Aus nur zwei Etagen, vier kargen Zimmern besteht es auf der Opernbühne in Basel, darin Katja Kabanowa mit ihrer schrecklichen Familie haust. Außen Rohbau, innen Chemielabor, ist es trotz alledem ein wahres Wundergehäuse. Fährt auf Schienen vor und zurück, rüttelt sich, schüttelt sich. Steht inmitten einer Riesenwasserlache, das soll wohl die Wolga sein. Alle Sängerinnen und Sänger der Basler Produktion müssen also Gummistiefel tragen, wenn sie dieses Haus verlassen wollen, sogar für den wackeren Dirigenten Enrico Delamboye stehen, als er am Ende zum Verbeugen an die Rampe tritt, eigens Stiefel bereit.

          Katjas Puppenheim in Basel, errichtet von der Bühnenbildnerin Kathrin Frosch für die erste Operninszenierung des Schauspielregisseurs Armin Petras, kann sich sogar um die eigene Achse drehen. Während der katastrophenauslösenden Sturm-Musik im dritten Akt – „Gewitter“, wie das Schauspiel von Alexander Ostrowkskij, das ihm als Vorlage diente, wollte Leoš Janáček seine „Katja Kabanowa“ ursprünglich nennen – macht es plötzlich Puff, der Blitz schlägt ein, das Labor explodiert, Wasserdampf entweicht, Sturzbäche von oben. So wird aus dem Seelendrama vorübergehend ein großes Hallo für die ganze Familie.

          Unter der Seelensteinelast zusammengebrochen

          Vornehmer geht es zu im Designereigenheim, worin Janáčeks „Jenůfa“ mit ihrer Müllersfamilie in Zürich untergebracht ist. Drei Etagen, Sitzgarnitur, Eichenparkett. Hier bleibt das Haus unversehrt. Diesmal wird am Ende, als gar nichts mehr zu retten ist, nur sacht die Türe zugemacht, und alle Mannsbilder sind ausgesperrt. Aber auch dieses Luxusbühnenbild birgt geheime Maschinerien, mit denen der Regisseur und Ausstatter Dmitri Tscherniakow allerhand Spuk veranstalten kann.

          Jenůfa (Kristine Opolais) und die Küsterin (Michaela Martens) in Zürich
          Jenůfa (Kristine Opolais) und die Küsterin (Michaela Martens) in Zürich : Bild: Monika Rittershaus

          Jenůfas Zürcher Puppenheim saust wie ein Fahrstuhl geräuschlos am Bühnenportal vorbei, fährt auf und nieder, vom Parterre bis hoch zum Dachfirst. Ab und zu bleibt dieser Jenůfa-Fahrstuhl auf halbem Wege stecken. Dann sehen wir im zweiten Akt nur noch die Füße des armen Mädchens, wie es auf Socken in einem schmalen Streifen Restschlafzimmer hin- und herläuft. Das ist der Beweis, dass Jenůfa keineswegs schläft da oben, eingelullt vom Schlaftrunk, den ihr Mutter Küsterin verabreicht hat, die demnächst fürsorglich das neugeborene Kind aus der Wiege nehmen und umbringen wird. Jenůfa ist vielmehr hellwach.

          Sie belauscht, was ihr gutaussehender, hell und klar tönender Geliebter (Pavol Breslik) mit der gestrengen, gellend-essigscharf intonierenden Frau Mutter (Michael Martens) ein Stockwerk tiefer beredet. Und ihren Ruf: „Ein Stein fällt auf mich!“ tut diese sanfte Jenůfa (Kristne Opolais mit kleiner, aber intensiver Stimme) nicht ahnungsvoll zweimal im Schlaf; sie bricht buchstäblich unter der Seelensteinelast zusammen, als sie mit anhört, dass ihr Liebster sich längst eine andere zum Heiraten ausgeguckt hat.

          Von Solisten und Orchestern

          Es ist sicher Zufall, dass die Saison in Basel und in Zürich diesmal mit den beiden populärsten der vier großen Frauenopern Janáčeks eröffnet worden ist. Kein Zufall ist es, vielmehr eine seit den Erfolgen der britischen Live-Video-Regisseurin Katie Mitchell wie wild um sich greifende Opernmode, dass neuerdings hier wie überall Simultanhandlungen auf zwei oder mehr Ebenen gezeigt werden. Es sieht ja auch tatsächlich ganz großartig extrem und schicksalhaft aus, wie Jenůfa hoch oben in der rechten Ecke, verirrt im Treppenaufgang zum Dachstuhl des Hauses, tobt und sich schier aus dem Fenster stürzen möchte, wenn es nur nicht verschlossen wäre; bis sie, selbst eine proletenhafte Marienfigur im Hausanzug, zusammensackt im Gebet an die heilige Jungfrau.

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