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Musik in der Adventszeit : Weihnachten ist eine Sache der Stimmung

Es gibt zum Advent und zu Weihnachten mehr Musik, als man im Leben hören kann. Diese kleine Auswahl belegt, dass die Freude an Botschaft und Boten sieben Jahrhunderte lang nicht abriss.

          Er kommt herab, gewiss, aber er zieht uns auch hinauf. Acht Töne reichen, und weg ist der Boden unter unseren Füßen. Wir schweben. Geschenkte Schwerelosigkeit, abgeworfene Last, wir selbst können nichts dafür. Dreimal der Grundton, als Anlauf vielleicht, dann der Sprung zur Quinte, schon gelingt der Flug, durch die große Sexte hindurch aufwärts bis zur kleinen Septime; wir lassen uns eine Terz tiefer fallen, landen mitten in die Quinte – und siehe: Sie trägt.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Er, der herabkommt und uns doch zu sich zieht, ist der Bote, der Erzengel Gabriel: „Marien wart ein bot gesant/ vom himelrich in kurzer stunt“, beginnt das alte Lied aus dem vierzehnten Jahrhundert. Die Melodie kennt keine Leittöne; ihr dorischer Modus lässt mehrere tonale Zentren zu. So kann man sich das alles rational erklären mit dem Schweben, mit der vage gewordenen Gravitation. Aber es ist doch ein Wunder, das erfahren werden will und das über uns kommt, wenn Schwesterhochfünf das singt.

          Schwesterhochfünf – das sind fünf Frauen aus Frankenland. Tschuschke heißen sie allesamt mit Nachnamen, ihre Vornamen lauten Monika, Agnes, Franziska, Maria und Cordula. Am Bamberger Dom hat man sie schon als Kinder das Singen gelehrt. Mühelos und rein sind ihre Stimmen, der Atem ist klug geführt und groß. In geschwisterlicher Innigkeit werden die fünf eins, und dann und wann gesellt sich Bruder Hans dazu, mit „seinem samtigen Bass“, wie Schwester Franziska im Beiheft schreibt. „Marien wart ein bot gesant“ sollte man eigentlich Ende März singen, zum Fest Mariä Verkündigung. Hier steht es als Nummer vierzehn in einer ganzen Reihe mit Adventsliedern. Die meisten von ihnen sind Teil des Evangelischen Gesangbuches.

          Eine sanfte Mahnung gegen den Leistungsdruck

          Die Schlichtheit dieser CD ist es, die heilsam bestürzt. Keine kandierten Melodien, kein Lametta glitzernder Arrangements, nur fünf, sechs reine Stimmen. Die Nummer eins, „Macht hoch die Tür“, wird bloß einstimmig gesungen. Freundlich, zart, in milden Hall entrückt, rufen sich die fünf Frauen die einzelnen Verse zu, fast wie im Gesang einer Gregorianischen Schola. Zu vielen der alten Lieder aber haben sich die fünf Schwestern neue Sätze schreiben lassen. Uwe Henkhaus zum Beispiel lässt Maria nicht nur durch einen Dornwald gehen, sondern durch einen mystischen Mittelstimmennebel wie durch Einsamkeit im Spätherbst. Henkhaus rückt den alten Weisen nicht auf den Leib. Vielmehr unterstreicht er – fast paradox – deren Kargheit. Für „Marien wart ein bot gesant“ findet er einen Satz in Quartharmonik, der an die Motetten des vierzehnten Jahrhunderts erinnert, als die Terz noch nicht von allen Theoretikern als Konsonanz anerkannt war.

          Umstandslos und ernst, mit einem Eifer, der den Lärm scheut, wird hier das gesungene Wort zwischen Erde und Himmel hin und her geschickt. „Ihr sollt euch nicht bemühen, noch sorgen Tag und Nacht“ – diese sanfte Mahnung gegen Leistungsdruck, Selbstüberforderung, Geschäftigkeit aus Paul Gerhardts Lied „Wie soll ich dich empfangen“ klingt still durch die ganze CD hindurch.

          Die Freude am drastischen Bild

          Es ist Adventszeit. Und alle Welt hat den Mund voller Lieder. Wer jetzt keinen Chor hat, sucht sich keinen mehr. Wer jetzt allein singt, lässt es wohl so bleiben. Und wer nicht singen will, muss hören. Zum genauen Hören vor allem lädt die CD „In dulci jubilo“ mit weihnachtlicher Musik rund um Dietrich Buxtehude vom Ende des siebzehnten Jahrhunderts ein. Das in Kopenhagen beheimatete Theatre of Voices unter der Leitung von Paul Hillier hat darauf erstaunliche Stücke versammelt: etwa von Christian Geist, der als Deutscher im schwedischen Göteborg wirkte, oder von Johann Christoph Bach, dem Onkel Johann Sebastians, von dem eine Kantate in einer Abschrift über Buxtehude bis in die königlich-schwedische Bibliothek zu Buxtehudes Freund Gustav Düben gelangt war. Es ist ein Stück, das ziemlich gute Laune macht: Christus kommt zu Besuch, die Diele wird geräumt, weil man Beinfreiheit braucht. Martin Luthers Choral „Vom Himmel hoch“ wird zur Tanzweise: „Bist willkommen, du edler Gast! Den Sünder nicht verschmähet hast.“ Luthers Überzeugung, dass „Christus nirgends als bei Sündern wohne“ und man sich daher hüten solle, ganz rein und ohne Sünden sein zu wollen, wird hier musikalisch in körperliche Lust überführt.

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