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„Onkel Wanja“ in Frankfurt : Die Arbeitsbiene verglüht im Theaterschnee

Melanie Straub als Männermagnet Elena (rechts) nimmt Lotte Schubert als ungeliebte Sonja unter ihre Fittiche. Bild: Thomas Aurin

Die schöne Elena bezwingt Männerherzen: Jan Bosse inszeniert Anton Tschechows „Onkel Wanja“ am Frankfurter Schauspiel. Im Stück wird geschossen, und es endet in russischer Wintertristesse.

          3 Min.

          Ist es, wenn jemandem der Umzug vom Land in die Stadt gelingt, um dort Wissenschaftler oder Literat zu werden, nicht eine unverhältnismäßige Zusatzbelastung für die Zurückgebliebenen und eine Verschwendung knapper Ressourcen? Diese Vorstellung drängt der russische literarische Anatom historischer Zwischenzeiten, Anton Tschechow, in seiner Tragikomödie „Onkel Wanja“ dem Publikum geradezu auf.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Drama kreist um einen Gelehrten im Ruhestand, der ins Landgut zurückkehrt, das sein Stadtleben finanzierte, wo man ihn bewundert und den Tagesablauf seinen Vorstellungen anpasst. Doch sein Schwager, der das Gut verwaltet, erkennt, dass sein prätentiöser Hauptnutznießer vor allem Fremdes kompiliert und nichts Eigenes hinterlassen hat. Der Arzt, der des Professors Wehwehchen behandelt, wettert als prophetischer Klimaaktivist gegen die Zerstörung von Wäldern und Natur im Namen eines destruktiven Fortschritts. Doch sowohl der philosophierende Mediziner als auch der bodenständige Onkel Wanja, wie der Verwalter familiär genannt wird, sind magnetisiert von der schönen jungen Frau des Professors, seiner Großstadttrophäe, die die Männerherzen bezwingt.

          Der Regisseur Jan Bosse, dessen Neuproduktion des Stücks die Spielzeit am Frankfurter Schauspiel eröffnet, inszeniert es als Dialogdrama, das auf der Stelle kreist. Dafür hat sein Bühnenbildner Stéphane Laimé eine Art riesige Schrebergartenhütte aus Baugerüsten und Regalwänden auf die Drehbühne platziert, die zirkulierend immer neue Einblicke in von Plastikplanen verhängten und mit Gartensesseln möblierten Zufluchtsträume eröffnen.

          Die schöne Helena in der russischen Provinz

          Die Figur des Wanja wird von Heiko Raulin mit Hosenträgern und schwitzigen Haarsträhnen als treuer Arbeiter verkörpert. Sein Selbstwertgefühl scheint ihn rebellisch zu machen. Den Gelehrten, der als Witwer von Wanjas verstorbener Schwester und Vater von dessen Nichte Sonja zur Familie gehört, gibt Peter Schröder als solariumsgebräunten Seniordressman, der ständig neue Anzüge in giftig fluoreszierenden Farben trägt. Mit einer Rekordfrequenz hypermodischer Outfits macht die Kostümbildnerin Ka­thrin Plath seine zweite Gattin Elena, der Melanie Straub blasierte Statuenhaftigkeit verleiht, zum zweibeinigen Kunstwerk. Wie die schöne Helena, als die sie Wanja auch anspricht, sich die armen Helden hörig macht, ist von skurriler Komik.

          Große Tafel: Szene aus der Aufführung.
          Große Tafel: Szene aus der Aufführung. : Bild: Thomas Aurin

          Die vielleicht stärkste Schauspielerin des zwei Stunden langen Abends ist Lotte Schubert als Halbwaise Sonja, eine schlichte Arbeitsbiene wie ihr Onkel, die glühend und chancenlos in den Arzt verliebt ist und dabei von ihm gar nicht wahrgenommen wird. Wie Schubert, die mit Lockenperücke und Blumenkleidchen als linkische Provinznelke auftritt, ihren Angebeteten bewirten will, mit stummer Lippenbewegung seine Worte antizipiert, um dann wieder bekümmert vor sich hin zu brüten, ist ein rührender Ausdruck naiver Totalhingabe.

          Der Wodkarausch erinnert an das Leben selbst

          Wolfram Koch gibt den Arzt Astrow als Dorfanarchisten, der mit extralangem Schnurrbart wie eine Mischung aus abgemagertem Obelix und Kosake über die Bühne turnt und zu seinen die Drehbühne umkreisenden Auftritten und Abgängen per Fahrrad stets die Papiertröte bläst. Von der Wodkaseligkeit auf Wanjas Großbaustelle lässt auch er sich anstecken, doch während diesen die Wirkung des Alkohols an „das Leben“ als solches erinnert, schätzt der Arzt, dass ihm im angetrunkenen Zustand schwierigste Operationen gelängen und ihm der eigene Nutzen für die Menschen bewusst werde.

          Russisch wirkt bei Bosse zunächst nichts, die Figuren tragen Jeans und Westernstiefel, die Livemusiker Carolina Bigge und Ralf Göbel setzen lockere E-Gitarren-Akzente und tragen das Ensemble, als alle ihren Frust mit dem Tanzlied „Scheißegal“ bekämpfen. Schubert, die, ihr Gesicht mit einem Scheinwerfer von unten anstrahlend, ihre (nur behauptete) „Hässlichkeit“ verflucht, entsagt schließlich ihrer Passion und stimmt herzzerreißend den Joy-Divi­sion-Song „Love will tear us apart“ an.

          Sogar Straubs geschminkte Statue Elena zeigt Gefühle in Form von Ärger darüber, dass sie als Frau nicht in Ruhe gelassen werde; außerdem forscht sie, da Schuberts Sonja sich ihr anvertraut hat, den Arzt aus, der daraufhin aber nur sie leidenschaftlich an sich drückt.

          Es kommt zum Eklat, als der vom Landleben gelangweilte Gelehrte das Gut für Aktien verkaufen will. Raulins friedliebender Wanja explodiert, denn das hätte seine langjährige Arbeit zunichtegemacht und weitere Gutsbewohner wie seine Mutter (als leichtsinnige Matrone: Christina Geiße) oder den verarmten Nachbarn Telegin (als Sensibelchen mit Rock und Ohrringen: Torsten Flassig) wohnungslos gemacht. Raulin jagt Schröder mit Pistolenschüssen vor sich her. Der beschließt, abzureisen.

          Auf das Schlussbild legt sich Theaterschnee, die Figuren machen Schlittschuhbewegungen. Zuletzt also doch: ein wenig russische Wintertristesse, der Sonja und Wanja aber endlich Sinn abgewinnen – in einer Aussicht auf endlose Arbeitstage, die allein das Jenseits belohnen wird.

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