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Händel in Zürich : Der neue Star ist ein Prinz

  • -Aktualisiert am

Der neue Star unter den Countertenören: Jakub Józef Orliński. Bild: Herwig Prammer

Um den jungen Countertenor Jakub Józef Orliński wird viel Marketingzirkus betrieben. Jetzt singt er in Zürich den Prinzen Cyrus in Händels „Belshazzar“. Den Zirkus braucht er gar nicht.

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          Auf einer Riesenkatze reitet der junge polnische Countertenor Jakub Józef Orliński als persischer Prinz Cyrus nach dem Sieg seiner Truppen über die Babylonier über die Bühne des Opernhauses Zürich. Peitschenschwingend präsentiert er sich dem besiegten Volk ebenso wie dem Publikum, als sei er der Titelheld des hier szenisch aufgeführten Oratoriums „Belshazzar“ von Georg Friedrich Händel. Kopf und Schwanz des überdimensionalen Raubtiers bewegen sich ziemlich lebensecht. Nach einer Drehung des fauchenden Monsters sieht man, dass zwei Männer in seinem Innern einen entsprechenden Mechanismus bedienen. Bevor die spektakuläre Erscheinung aus dem Blickfeld fährt, springt Orliński auf und posiert breitbeinig hoch oben auf dem Nacken der wackeligen Attrappe.

          Die Zirkusnummer ist wie die ganze Züricher Produktion auf den neuen Shootingstar der Counter-Szene zugeschnitten. Vor der Premiere bekommen Presseleute das brandaktuelle zweite Album Orlińskis „als Geschenk von ihm und seiner Plattenfirma“ in die Hand gedrückt. Es heißt „Facce d’amore“ („Gesichter der Liebe“) und enthält virtuose Kastratenarien aus Barockopern von Cavalli, Alessandro Scarlatti, Bononcini, Händel, Hasse & Co. Das Booklet zeigt den 1990 in Warschau geborenen Sänger in zahlreichen Posen, die unverblümt das werbeträchtige Aussehen des lockenköpfigen Jünglings zur Schau stellen. Zum Hype um Orliński gehört, dass Marketing-Strategen auch dessen Aktivitäten als Model, Breakdancer und singender Youtube-Schwarm in Freizeitkleidung betonen. Seine Stimme hätte so viel Wirbel gar nicht nötig: Sie ist außerordentlich.

          Warum man in Zürich unbedingt ein Oratorium Händels auf die Bühne bringen musste, wo es doch so viele hochkarätige barocke Musikdramen gibt, kann Sebastian Baumgartens behäbig-schrille Inszenierung nicht plausibel vermitteln. Händel hat seine konzertante Vertonung der alttestamentarischen Geschichte vom Sturz des babylonischen Gewaltherrschers Belshazzar durch den Perserkönig Cyrus 1745 am Londoner King’s Theatre aus der Taufe gehoben. Der englische Text von Charles Jennings basiert auf dem Buch Daniel und weiteren historischen Quellen. Die Gestalt von Belshazzars Mutter Nitocris etwa, die im Oratorium um Mäßigung der dekadenten Titelfigur bemüht ist, wurde aus Herodots Bericht über die Perserkriege entlehnt. Das Libretto gab Händel Gelegenheit, die Stimmen der Babylonier, der von ihnen gefangen gehaltenen Juden und der Perser auf drei Chorgruppen aufzuteilen.

          Baumgartens szenische Einrichtung des dreiaktigen Stücks zielt auf ein „episch-dramatisches Theaterspektakel“, verfehlt dabei aber die Dramaturgie des barocken Oratoriums und lenkt durch aufdringliche Addition optischer Mittel von Händels diffizil auskomponiertem Hörkino ab. Nach der mit Pause knapp dreistündigen Vorstellung ist man froh, dass der Regisseur sich nicht an einer zunächst vorgesehenen Umsetzung von Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“ versucht hat. Barbara Steiners Bühne zeigt vor Beginn im Hintergrund ein riesiges Kitschpanorama, das an Plakate zu alten Sandalenfilmen erinnert. Über verkohlte antike Mauern lugt im Dunkel eine schwarze Palme. Später wird Rembrandts bekanntes Menetekel-Gemälde zitiert. Neben arabischem „Salam aleik“-Schriftzug blinken penetrant die drei Buchstaben S-E-X. Christina Schmitts Kostüme setzen auf einen knallbunten Mix aus exotischem Orientplunder, Militäruniformen und modernen Modetrends.

          Die Perser tragen Latex

          Die vom Propheten Daniel angeführten Juden tragen Quäkerhüte, Knickerbockerhosen mit herabhängenden Kordeln und Bauernhemden mit Konterfeis neuzeitlicher jüdischer Berühmtheiten wie Marx, Benjamin, Anne Frank, Adorno, Bernstein, Seghers, Zetkin oder Kafka. Ihre grünen Kultgeräte und ihre schunkelnden Gebetsgesten lassen sie wie Anhänger einer etwas verschrobenen Graswurzelbewegung erscheinen. Die Perser bevorzugen enge schwarze Leder- und Latexkluft. Hannah Dörrs Video-Design lebt von üppigen Breitwandfilm- und Comic-Elementen sowie altmodischen, dilettantisch verwackelten Videoaufnahmen mit blinkender Batterie-Anzeige und nervigem Flimmern. Bilder von Panzerkolonnen im Wüstensand verweisen auf den Irak-Krieg, kurz aufblitzende Bordellszenen suggerieren babylon-berlinerische Verruchtheit. Am Ende brechen apokalyptische Naturkatastrophen über die Leinwand herein. Zu alldem gibt es viel Qualm und Bodennebel.

          Die ganze Bilderflut dieses modernen Sodom und Gomorrha beschert Händels Musik keinen Mehrwert. Baumgartens Personenführung kommt mit den Arienstrukturen nicht zurecht und wirkt im Timing hilflos. Orliński tönte bei der Premiere anfangs etwas kehlig, unkontrolliert in Timbre, konnte das gewohnte Volumen seiner Stimme nicht ausfahren, entschädigte aber mit wunderbar warmen Farben im tiefen Bereich. Koloraturen meisterte er brillant, gelegentlich unter Zuhilfenahme leichter Aspirationslaute. Mauro Peter, als Belshazzar eine Mischung aus Saddam und Gaddafi, stahl ihm zumindest vokal die Show. Grandios singen auch Evan Hughes als Überläufer Gobrias und Layla Claire als resolute Nitocris, die ihr Muttersöhnchen coram publico zusammenstaucht. Tuva Semmingsen dringt hingegen als Daniel mit ihrem verhaltenen Alt nicht durch. Janko Kastelic hat die Chöre differenziert einstudiert. Laurence Cummings bringt Händels reiche Partitur mit dem fabelhaften Orchestra „La Scintilla“ prächtig zur Geltung.

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