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„Don Giovanni“ in Lüttich : Hinterm Klamauk lauert der Wahnsinn

  • -Aktualisiert am

Aus dem Verführungsarsenal, Abteilung „Spiel mit dem Essen“: Szene aus „Don Giovanni“ Bild: Lorraine Wauters

Beim Filmregisseur Jaco van Dormael in Lüttich ist Mozarts „Don Giovanni“ süchtig nach Frauen. Aber eigentlich mag er sie nicht.

          3 Min.

          Eine Ouvertüre kann durchaus ahnen lassen, was der Abend in Gänze bringt: In der Opéra Royal de Wallonie in Lüttich sind es die ersten beiden Orchesterschläge zu Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“, nie gehört pulsierend und fein durchdacht gespielt, die in Erstaunen versetzen. Doch die kurze Erregung ist flüchtig. Solide, weit weniger ausgearbeitet geht die eröffnende Musik zu Ende. Wie die Figur des Don Giovanni in der Inszenierung des für einen Oscar nominierten Filmregisseurs Jaco van Dormael als Yuppie zwischen Genie und Wahnsinn schwankt, so stabilisiert sich auch das Niveau dieses Abends nicht, so aufregend er in vielen Momenten sein mag.

          Wenn der Vorhang aufgeht, werden visuelle Trümpfe ausgespielt, die zu deutlich verraten: Ein Filmregisseur ist hier am Werk. Aber sind wir denn im „Rheingold“? Zwei Nixen vollziehen im azurblauen Pool ein Mozart-Ballett. Eine schräge Spiegelwand macht das Geschehen aus mehreren Perspektiven sichtbar. Lauter Selbstdarsteller tummeln sich koksend neben Stripperinnen um das private Schwimmbad in einer Designerwohnung oder aber am zweiten Schauplatz der beeindruckenden Bühnenkonstruktion: Ein Wolkenkratzergroßraumbüro in einer Metropole. Auch Donna Anna und Don Ottavio sind Teil dieser kapitalistischen Vergnügungsgesellschaft. Masetto und Zerlina treten als Anführer der Putzkolonnen in Erscheinung, sind damit aber durchaus zufrieden. Wer braucht eine Strandliege, wenn man sich auch auf einem Kärcher-Hochdruckreiniger räkeln kann?

          Die Idee, Don Giovanni als erfolgreichen Banker auftreten zu lassen, ist nicht neu. Michael Haneke hatte 2006 in Paris einen unterkühlten Managementbösewicht aus Don Giovanni gemacht und ein dunkles Psychospiel inszeniert. Hier in Lüttich ist alles ein bisschen bunter und spaßiger. Keine düstere Kunstparabel, stattdessen geht es mit grandiosen Kostümen und detailverliebtem Bühnenbild immer sehr direkt, manchmal gar platt zu. Das Gespann der acht Protagonisten bleibt dabei glücklicherweise keine uniforme Masse in dieser Welt der Erfolgreichen, mehr noch: Sie sind überraschend plastisch und unverwechselbar. Denn obwohl sich ein Großteil der Szenen im anonymen Großraumbüro an der Wall Street abspielt, versteht es van Dormael, der bereits seine zweite Regiearbeit für die Lütticher Oper abliefert, den Blick in die Seelen der Figuren hineinzuzoomen und seine Sänger für Duette und Arien szenisch sinnvoll an die Rampe zu bringen - oft bei musikalischen Schlüsselmomenten, was für ein gutes Partiturgespür spricht.

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          Auch die amüsanten Szenen gelingen, wenn die Fensterputzer Ballett tanzen oder wenn in Leporellos Aufzählung der unzähligen Geliebten seines Meisters die Frauenzahlen als Aktienkurse über die Bildschirme laufen. Doch hinter dem Klamauk lauert der Wahnsinn. Donna Anna muss gleich in der ersten Szene erfahren, dass Don Giovanni ein besonders gefährlicher Lustmolch ist. Am Pool nähert er sich ihr unwirsch. Der Trader ist besessen von Frauen, an der Grenze zum Psychopathen und ziemlich misogyn. Auf der Party grapscht er unter Kleidungsstücke, und kurz vor seinem Ableben kuvertiert er zwei nackte Frauen, um von ihren Körpern einen Bananensplit zu genießen.

          Nicht zuletzt lässt van Dormael die Oper wie in der Prager Fassung nach dem Tod des Verführers enden und verzichtet auf das später angefügte Schluss-Sextett. Ein selten praktizierter Schockeffekt.

          Leider kann Mario Cassi der Titelrolle nicht durchgängig gerecht werden, zu sehr schwankt seine Form: In der Tiefe fehlt ihm Noblesse, in schnellen, leichten Passagen schleppt er. Wenige Arien und Duette sowie der dramatische Dialog mit dem Komtur am Ende zeigen seinen Don Giovanni auch stimmlich als wirklich attraktiv. Laurent Kublas Leporello überstrahlt ihn immer wieder ohne Mühe.

          Das kann ruhig jeder sehen: Zerlina (Céline Mellon, links) ist keineswegs erbost über die Zudringlichkeit von Don Giovanni (Mario Cassi).

          Ganz anders Don Ottavio, gesungen von Leonardo Cortellazzi: Sein Tenor ist kraftvoll, aber flüssig, schlichtweg mustergültig. Donna Anna gewinnt alle Sympathien, ob sie nun klagt oder Rache schwört: Salome Jicias Sopran ist wunderbar rein und beweglich in den Koloraturen. Manchmal etwas hart im Ansingen des Tones, aber insgesamt mit großer Musikalität meistert Veronica Cangemi, die unter René Jacobs Obhut längst zu einer großen Sängerin für das Repertoire des späten achtzehnten Jahrhunderts wurde, die Donna Elvira. So ist das Terzett gegen Ende des ersten Aktes ein Moment, da sich der Mozarthimmel öffnet: Im durchsichtigen Orchester, vom Barockexperten Rinaldo Alessandrini geführt, setzen sich die Register deutlich voneinander ab. Man kann sich an ausgezeichneten Bläsern, darunter recht fidelen Flöten, in Donna Annas Rachearie, freuen. Die Streicher bleiben dagegen etwas brav, manchmal gar verwaschen.

          Beim Dienerpaar hat Céline Mellon als Zerlina die Nase vorn. Erst verdutzt ihre kleine Stimme, doch dann mausert sie sich zum perfekten naiven Gegensatz des Don Giovanni. Roger Joakims Masetto dagegen bleibt blass. Einen echten Konflikt zwischen den Dienern und der Oberschicht arbeitet van Dormael nicht heraus. Wischmopp und Golfschläger kreuzen sich nicht zum Gefecht.

          Für eine wirkliche Establishmentkritik setzt der Regisseur zu wenig Spitzen und verlässt sich auf seine filmreifen, unterhaltsamen Bilder. Die können den Abend über weite Strecken tragen. Derweil rauben viele kleine sängerische Mängel der Lütticher Inszenierung einiges von ihrem Glanz.

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