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Ungarische Künstler : Auch ein Gottesnarr kann nicht übers Wasser gehen

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Es ist nicht die sogenannte amerikanische Sitzordnung, auch nicht sogenannte deutsche Tradition, es ist die „Fischer-Sitzordnung“. Sie berücksichtigt, woher der Klang eines jeden Instrumentes kommt, ob er nah (Geige) oder fern (Kontrabass) vom Musikerohr entsteht, wie laut oder leise, scharf oder milde er ist. Jeder Musiker sollte sich und die anderen optimal hören können. So dürfen die Blechbläser den Holzbläsern nicht direkt in die Ohren tuten. Das Ergebnis der „Fischer-Sitzordnung“ ist eine quasi natürliche Transparenz und dynamische Balance, die zugleich der spielerischen Freiheit der Orchestermusiker Vorschub leistet. „Sie fühlen sich wohler so“, sagt Fischer, und: „Sie intonieren sauberer.“ Und: „Ich verstehe nicht, warum immer noch so viele Kollegen in traditioneller Sitzordnung dirigieren.“

Entwickelt hat er diese und andere Orchester-Reformideen mit dem Budapest Festival Orchestra, „seinem“ ungarischen Stammorchester. Fischer gründete es 1983 gemeinsam mit dem Pianisten Zoltán Kocsis, er steht ihm bis heute als künstlerischer Direktor vor. Das Budapest Festival Orchestra ist das ungarische Vorzeigeorchester, das beste des Landes, eine nationale Perle. Im internationalen Ranking zählt es gar zu den zehn besten Orchestern der Welt. Vierzig Prozent des Etats kommen aus der Staatskasse. Sechzig Prozent erwirtschaftet das Budapest Festival Orchestra selbst. Es ist für die ungarische Politikerkaste ein unerlässliches Prestigeobjekt und ein bedeutender Exportartikel.

Noch wichtiger ist es für das Publikum, das in Iván Fischer so etwas wie eine Lichtgestalt sieht. Jeder kennt ihn auf der Straße, grüßt ihn, liebt ihn. Fischer ist einer der wenigen Gottesnarren in Ungarn, die es sich leisten können, offen Stellung zu beziehen gegen die Regierung Orbán. Auch einfache Leute, Taxifahrer oder Marktfrauen, die nicht unbedingt zur festen Konzertklientel im Bartók-Saal des „MüPa“ zählen, des Palasts der Künste, Müvészetek Palotája, haben schon mal ein Fischer-Konzert miterlebt: eines dieser speziellen Projekte, regelmäßig „open-air“ veranstaltet auf dem „Hösök tere“, dem Budapester Heldenplatz. Zuletzt strömten dort achttausend Menschen zusammen, um Felix Mendelssohn Bartholdys Musik zum Sommernachtstraum zu lauschen: Musik eines jüdischen Komponisten, gespielt von Ungarns Perle, dem Budapest Festival Orchestra, getanzt und performt von zweihundert Romakindern.

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Ja, der Rassismus in Ungarn. Fischer seufzt. „Das Problem ist ein geschichtliches. Die Ungarn hadern immer noch mit dem Frieden von Versailles, als sie nach dem Ersten Weltkrieg Gebiete an die Rumänen und Tschechen abgeben mussten. Sie fühlen sich immer noch ungerecht behandelt, haben seither schlimmste Missetaten begangen, eine halbe Million Juden geholfen umzubringen, hängten sich in der Nazi-Zeit an Hitler, um einige Gebiete vielleicht zurückzukriegen. Es ist zwar fast hundert Jahre her, aber diese Opferhaltung ist schrecklich, sie ist immer noch verbreitet in der Bevölkerung, das wird von den Rechtspopulisten ausgenutzt.“

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